Mobbing

Mobbing

Leitende Beamtin, 61 Jahre, seit längerem arbeitsunfähig infolge erlebten Mobbings:

Ich gebe die Ereignisse wieder, die in der ersten Runde aufgetaucht sind. Wenn die Erinnerungen wieder von vorne begonnen haben, sind weitere Vorfälle aufgetaucht.

Ich möchte mich von den Mobbing-Erlebnissen und den damit einhergehenden Niederlagen nicht immer wieder runterziehen lassen. Es macht mir Sorgen, wenn meine grundsätzlich vorhandene Lebensfreude durch die erlittenen Herabsetzungen und deren sichtbare Folgen immer wieder beeinträchtigt wird und ich von Aggression erfasst werde.

Ich lasse mich darauf ein, zuzulassen, durchgemachte Ausgrenzungen, Verletzungen und Demütigungen neu und immer wieder zu erleben, bis sie für mich die niederschmetternde Bedeutung verlieren:

Vor sechs Jahren hat K. die Leitung der Abteilung übernommen. Mit den danach entstandenen diffusen Organisationsstrukturen habe ich große Schwierigkeiten, weiß nicht, wo ich mich finde. In mir wird wieder wach, dass K. zu mir gekommen ist. Sie sagt, ihr Vertrauensverhältnis sei gestört. Was sie sich vorgestellt habe, ließe sich nicht erreichen. Ich bin starr vor Anstrengung, das für mich Unglaubliche zu fassen und sage nichts, beginne – innerlich wie wohl auch sichtbar zitternd – Notizen über die Ansagen von K. aufzuschreiben. Möglicherweise irritiert das K. Mich überkommt indessen das Gefühl, jetzt völlig versagt zu haben. Warum sagt K. nicht konkret, an welchen Stellen ich ihr Vertrauensverhältnis gestört haben soll? Das ist unredlich. Ich fühle mich ohnmächtig. –

Ich ertrage die Machtlosigkeit. Ich habe es einfach geschehen lassen, bin ganz „klein“ geblieben. Danach bin ich völlig passive Teilnahmslosigkeit.

Bis vor rund drei Jahren gehörte es aufgrund der seinerzeit noch klaren Organisationsstrukturen zu meinen Aufgaben, Beurteilungen für Mitarbeiter der Referatsleiterebene vorzubereiten. Bei einem bestimmten Mitarbeiter sei meine diesbezügliche Mitwirkung nicht nötig, hatte die Abteilungsleiterin K. Ende 2005 zu mir gesagt. Nichts ahnend, dass zu diesem Zeitpunkt bereits ein meine Person betreffender Ausgrenzungsprozess im Gange war, habe ich das locker genommen. Wie konnte ich nur darauf vertrauen, dass Leistungen und Kompetenz auch nach dem stattgefundenen Wechsel der Vorgesetzten-Spitze bei mir weiterhin geschätzt und anerkannt werden? Ich ärgere mich über meine Arglosigkeit.

Anfang 2006 nehme ich an einer Führungsbesprechung teil unter Leitung von K. und ihres Vertreters T. mit Anwesenheit von Gästen aus einer übergeordneten Stelle. Warum ich eigentlich in dieser Besprechung anwesend war, muss ich mich später fragen. Es zieht mich runter, macht mich traurig, Resignation macht sich breit. Längst sind de facto meine Aufgaben heimlich, still und leise reduziert auf „Sachbearbeiterebene“.

Immerhin merke ich in der Besprechung, dass Beiträge von mir unerwünscht sind mit der Folge, dass ich mich in der Besprechung dann ganz zurücknehme. Das ist bitter. Ich stehe es durch (anders als in der Realität). Ich lasse mich in diese ganze Unzufriedenheit „fallen“. Ich halte aber auch nicht mit äußerlich sichtbaren Gefühlsregungen zurück, unterwerfe mich in dieser Richtung keinerlei Zwängen. Ich lasse es einfach laufen.

Ich erlebe das ganze Jahr 2006 über, wie ich am Arbeitsplatz mit den mir verbliebenen Aufgaben neben dem eigentlichen Geschehen stehe, ausgebremst und abgehängt bin. Dass diese Aufgaben in der Tat eher nebensächlicher Natur sind, mag an den neuen, geänderten Rahmenbedingungen liegen. Ich ärgere mich über mangelnde Erfolgserlebnisse und Anerkennung.

Ich treffe auf K., als ich Ende 2005 wieder einmal versuche, meine vertrackte Situation zu ändern. Ich versuche ihr deutlich zu machen, dass es wohl nicht passt, dass sich jetzt der führende Mitarbeiter wegen Überlastung aus mir entzogenen Aufgaben an den Personalleiter wendet, während ich in die Unterforderung auf Sachbearbeiterebene abgeschoben worden bin.

Ich bin verzweifelt. Ich fühle mich „klein“. Ich lasse meine Betroffenheit ohne Hemmungen raus und kann die in der Erinnerung aufgetauchte Situation „ertragen“.

Ich glaube, unter dem Druck, ich könnte diesen Sachverhalt z. B. an den Personalleiter tragen, hat mich R. als „Mitarbeiter“ in die Leitung geholt, mit der Bemerkung, das würde ihrem Vertreter T. nicht passen, aber damit müsse man klarkommen. Bin ich vielleicht doch nicht so schlecht? Habe ich vielleicht doch einen Wert? Eigentlich ist es mir jetzt ganz egal. Ich hake es einfach ab.

Ich erkenne, wie der Vertreter der Abteilungsleitung T. mich nur noch als Konkurrentin wahrnehmen will und gegen mich immer stärker intrigiert. Ich fühle Verbitterung, bin aber in der Lage, den Ärger rauszulassen. Ich verberge nicht, wie mich die Situation erschüttert und halte es einfach aus.

In einer Referatsleiter-Besprechung unter T`s Leitung versucht er, mich bloßzustellen. Ich wehre mich. Er gibt auf – und beschwert sich am nächsten Tag bei der Abteilungsleiterin K. über mich. Ich erfahre später durch Zufall, dass K. sich bei Besprechungsteilnehmern nach meinem Verhalten erkundigt hat. Zu mir sagt sie keine Silbe davon. – Es zerreißt mich. Ich fühle mich in meiner Person missachtet und ungerecht behandelt.

Von der Führung sind Grundsatzprobleme zu lösen, damit bestimmte Fragen in den nachgeordneten Organisationseinheiten einheitlich behandelt werden. Ich ergreife die Initiative, versuche die in diesem Problemkreis seither ergangene höchstrichterliche Rechtsprechung für unsere Referate umzusetzen und hole mir bei der Abteilungsleiterin K. die Zustimmung zur Erstellung einer umfangreichen Datensammlung. Ich halte es für notwendig, die Angelegenheit eng mit K. abzusprechen und erreiche dabei ihre Zustimmung. Das wird von T. torpediert; er beauftragt eine andere Stelle – ungeeignete – Daten zu erarbeiten, um zu erreichen, dass meine Arbeit als überflüssig abgetan werden kann. Ich weiß nicht, wie ich das aushalten soll. Es schmerzt ohne Ende. Es soll aufhören, weh zu tun. Ich möchte da raus. Dass T. in diesem Punkt sein Ziel nicht erreicht, hilft da auch nicht.

Völlig euphorisch eröffnet mir T. telefonisch, ein Richter verwerfe die von mir zusammengestellte Datensammlung und die von mir erarbeiteten Grundsätze zur Problemlösung. Ich bitte um Überlassung der Prozessakte und muss erkennen, dass ich keine Einsicht nehmen soll.

Es zerreißt mich vor Wut und Ärger. Ich will nicht mehr, bin zornig ohne Ende.

K. hat meine Position mittlerweile als „Vertretung der Abteilungsleitung“ bei einer Besprechung der nachgeordneten Führungsebene bekannt gegeben. De facto habe ich jedoch überhaupt nichts zu leiten. Die mir zugebilligten Aufgaben entsprechen nicht im Geringsten dem von der übergeordneten Stelle formulierten Tätigkeits- und Kompetenzprofil einer Vertretung der Abteilungsleitung. Das sind die besten Voraussetzungen, unter denen man mich permanenter Geringschätzung und Herabsetzung aussetzen kann. Ich könnte zerplatzen, finde die Situation unerträglich.

Ist ein Licht am Horizont, wenn ich da wieder rauskomme? Einerseits ist es extrem schmerzhaft, die Erinnerung an die bösen Ereignisse wieder ganz nah an sich herankommen zu lassen. Ich spüre aber auch ein Stück Hoffnung, stark genug zu sein, um es „auszuhalten“.

K. teilt in einer E-Mail der nachgeordneten Referatsleiterebene mit, dass ich Termine zur Erörterung der von mir fertig gestellten Richtlinien mit der Datensammlung nicht mit ihr abgesprochen habe. Das trifft mich. Ich versuche mein Vorgehen zu rechtfertigen, soweit ich es für notwendig und angemessen halte und bitte im Übrigen um Entschuldigung. K. geht darauf nicht ein. Ich stehe da wie ein begossener Pudel. Ich bin ein Depp und schäme mich.

Ich sehe das Verwaltungsgebäude, in dem sich das Büro mit meinem Arbeitsplatz befindet, aus einer mir bis dahin fremden, unheimlichen Perspektive. Ich möchte da überhaupt nicht mehr hin. Dass ich einen Arbeitsplatz in eher reizvollen, historischen Gemäuern habe, scheint völlig abhandengekommen zu sein. Ich bin erschüttert. Die Ereignisse überfordern mich. Ich spüre eine Mischung aus Wut, Trauer, Selbstmitleid und Minderwertigkeit. Es soll endlich aufhören. –

Ich kann mich entspannen, ruhe mich etwas aus. Dann tauchen die Ereignisse wieder auf, ergänzen sich durch andere Begebenheiten, die mich ebenfalls niederschmettern. Es tut einfach weh …

-- „Ich war zunächst überrascht bis erschüttert über die nicht steuerbaren Gefühlsausbrüche während der Sitzung. Die folgenden zwei Tage war ich dann beherrscht von dem Wiedererleben der durchgemachten Verletzungen. Dabei stellte sich eine positive Gelassenheit ein, die ich mit dem Refrain eines Pop-Songs des Duos Ich und Ich beschreiben möchte: ‚So soll es sein, so kann es bleiben, so hab’ ich es mir gewünscht …‘.“

-- „Der größte ‚Hammer‘ war die nächste Sitzung. Ich hatte mich eingestellt auf ein erneut extrem schmerzhaftes Wiederleben. Das Gegenteil trat ein: Ich bin alle Abgründe und Tiefen der mich so verletzenden Ereignisse durchgegangen – und stand plötzlich daneben. Nichts hat mich runtergezogen. Souverän konnte ich die Verletzungen, die ohne Zweifel nicht verschwunden sind, ertragen und aushalten. So soll es wirklich bleiben. Ich bin dankbar dafür.“

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