Wiedererleben und Erlebnisgedächtnis

1. Einleitung

 

Ich lade Sie zunächst ein, in aller Ruhe und Beschaulichkeit einigen Erinnerungen nachzuspüren:

Gibt es Gerüche, Düfte oder Geschmackswahrnehmungen, die entweder

  • eine bestimmte Erinnerung oder aber

  • ein merkwürdiges Gefühl

in Ihnen wachrufen? Das Gefühl oder die Erinnerung kann angenehm oder unangenehm – bis zum Ekel – sein.

 

Gibt es Musikstücke, Melodien oder auch nur Tonfolgen, bei denen es Ihnen ähnlich ergeht?

 

Gibt es Berührungen mit Oberflächen (z. B. Stoffen), die Ähnliches hervorrufen?

 

Gibt es bestimmte Farbtöne, die eine merkwürdige Stimmung in Ihnen wachrufen?

 

Gibt es Bilder oder Bildausschnitte (Details) mit derselben Wirkung?

 

Gibt es körperliche Berührungen (durch Andere) oder bestimmte Körperstellungen, die Ihnen auffallend unangenehm sind?

 

Gibt es Redewendungen, Sätze, Aussprüche oder Verhaltensweisen Anderer, die Sie aufregen oder gar wütend machen?

 

Gibt es irgendwelche Situationen (im weitesten Sinn), bei denen Sie ungewöhnlich heftig reagieren oder gar ausrasten, und nachher Ihr Verhalten nicht recht verstehen können?

Können Sie sich an Situationen erinnern, wo Sie sich plötzlich für einen Moment in eine andere Zeit und/oder an einen anderen Ort versetzt fühlten?

 

2. Das Erlebnisgedächtnis

 

Alle diese Phänomene – und manche andere – können nicht durch die bekannten Fähigkeiten unseres Gehirns – genauer: der Großhirnrinde – erklärt werden. Ich meine damit die Fähigkeiten unseres kognitiven Gedächtnisses, mit dem wir zum Beispiel Geschichtszahlen, Vokabeln, Grammatikregeln, das kleine Einmaleins, aber auch logische Zusammenhänge und Abfolgen auswendig lernen können. Dieses Gedächtnis kann sich zwar Vorgänge und Geschehnisse aus unserem Leben merken, aber zum Beispiel nicht deren zeitliche Reihenfolge, wenn es nicht irgendwelche logischen Bindeglieder zwischen ihnen gibt. Dieses kognitive Gedächtnis ist nicht einmal fähig, Gesichter, Melodien, Düfte oder Geschmacksnuancen zu lernen und später wiederzuerkennen.

 

Es muss also ein Organ geben, das zu den anderen Leistungen fähig ist, die uns eingangs beschäftigt haben und die doch so großen Einfluss auf unser Leben und Erleben haben. Wie groß dieser Einfluss tatsächlich ist, wie bereichernd, ja überlebensnotwendig er ist und andererseits wie störend, belastend und - körperlich wie seelisch - krank machend er sein kann, das kann ich erst später erklären.

Dieses Organ, dessen Fähigkeiten und Wirkungen ich entdeckt, erforscht und beschrieben habe, habe ich das Erlebnisgedächtnis genannt. Seine Fähigkeit lassen sich so beschreiben:

  1. Das Erlebnisgedächtnis zeichnet von einem sehr frühen Stadium unserer Existenz – schon lange vor der Geburt – alles auf, was wir erleben. (Daher sein Name.) Das sind vor allem unsere Sinneseindrücke, also das, was wir sehen, hören, riechen, schmecken und was wir mit unseren Hautsinnen wahrnehmen können (Temperatur, Druck, Oberflächenbeschaffenheit). Außer diesen sieben äußeren Sinnen gibt es noch vier innere, auf die ich jetzt nicht eingehen muss, aber auch deren Wahrnehmungen (zum Beispiel Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindelgefühle) werden getreulich aufgezeichnet.

  2. Das Erlebnisgedächtnis zeichnet auf, wie unser Organismus körperlich auf diese äußeren Wahrnehmungen reagiert: Zum Beispiel die Veränderungen des Blutdrucks und der Pulsfrequenz, die Reaktionen des unwillkürlichen Nervensystems (Sympathikus und Parasympathikus) und den Zustand unseres Immunsystems.

  3. Das Erlebnisgedächtnis zeichnet ferner auf, wie unser Organismus psychisch auf das Erlebte reagiert: Überraschung, Scheck, Angst, Panik, Traurigkeit, Wut, Freude usw.

  4. Das Erlebnisgedächtnis registriert unseren gesamten körperlichen und geistigen Zustand zu dem jeweiligen Zeitpunkt: Die Verformung des Kopfes nach der Geburt, eine Beule nach einem Autounfall, unser jeweiliges Wissen und Können, also ob wir sitzen, stehen, laufen können, ob wir lesen, schreiben und rechnen oder Klavier spielen können, usw.

Die Aufzeichnungen des Erlebnisgedächtnisses lassen sich also mit einem Film oder einer Videoaufzeichnung vergleichen, aber dieses Video enthält nicht nur eine Bild- und eine Tonspur, sondern auch eine Geschmacks- und Geruchsspur, eine Spur für die Zustände unseres Körpers und eine Spur für unsere Gefühle und noch einige Spuren mehr. Diese präzisen, detailreichen und anscheinend überdauernden Aufzeichnungen des Erlebnisgedächtnisses nennen wir Protokolle. (Die Aufzeichnungen des kognitiven Gedächtnisses werden von der Wissenschaft schon seit langer Zeit Engramme genannt, was so viel bedeutet wie Einprägungen, Eingravierungen, Aufzeichnungen.)

Wie das alles funktioniert, und wo sich das Erlebnisgedächtnis befindet, das wissen wir noch nicht. Wir wissen nur, dass das Erlebnisgedächtnis unabhängig vom kognitiven Gedächtnis funktioniert, und dass es sich nicht – oder nicht nur – in unserem Kopf befindet.

 

Alle diese Aufzeichnungen – eine unvorstellbare Datenfülle – hätten natürlich gar keinen Sinn, wenn sie nicht zu irgendetwas dienten, wenn sie zum Beispiel nicht auch erinnert – also wieder zu Tage gefördert - werden könnten. - Nun, sie können tatsächlich erinnert werden, nur geschieht dieses Erinnern ganz anders als beim kognitiven Gedächtnis.


Beim kognitiven Gedächtnis erfolgt das Erinnern entweder spontan (Ach, da fällt mir gerade ein, ich muss ja noch einkaufen) oder aber absichtlich durch Nachdenken oder Kramen in der Erinnerung. (Wann wurde Amerika entdeckt? Wie hieß doch noch diese Schlagersängerin?) Die erinnerten Daten treten dann in das so genannte Gegenwartsbewusstsein ein, sie werden uns gegenwärtig oder bewusst.

 

Ganz anders beim Erlebnisgedächtnis: Hier geschieht das Erinnern dadurch, dass der gespeicherte Videofilm einfach abgespielt wird. Das heißt: Der Körper und die Seele erleben das damalige Geschehen und ihre Reaktionen darauf neuerlich – mehr oder weniger intensiv. Das Intensitätsspektrum des Wiedererlebens reicht vom kurzen Aufblitzen eines merkwürdigen Gefühls über sekundenlange »flash-backs« und längere Albträume bis zum stunden- ja tagelangen intensiven Eintauchen in eine längst vergangene Geschichte. Und das alles heißt Wiedererleben. Eine genauere und detaillierte Beschreibung lautet etwa so:

 

Beim intensiven Wiedererleben einer früheren Situation reproduziert unser Organismus seinen damaligen Zustand (Verformung des Kopfes, Beule, noch nicht sitzen können, Mandelentzündung, desolater Zustand des Immunsystems...) Der Organismus reproduziert ferner seine damaligen Wahrnehmungen aus der Umgebung und aus seinem eigenen Körper und schließlich seine damaligen Reaktionen auf alle diese Eindrücke.

 

Die nächsten Fragen lauten natürlich: Wozu ist das gut? Wozu dient dieser ganze Aufwand? Die Antworten sind für uns wichtig, wenn wir das Entstehen eines Traumas und seine Wirkungen verstehen wollen.

 

In der Entwicklungsgeschichte des Lebens auf der Erde tritt das Erlebnisgedächtnis schon relativ früh auf: Wir finden es bei Vögeln, bei Fischen und sogar noch viel früher, zum Beispiel bei Amöben. Das kognitive Gedächtnis dagegen ist eine sehr späte Errungenschaft des Lebens; voll ausgeprägt ist es nur beim Menschen, in Ansätzen auch bei dessen Vorläufern, den Primaten vorhanden. Für alle früheren Lebewesen dagegen ist das Erlebnisgedächtnis das Gedächtnis schlechthin – das einzige, das sie haben. Und mit diesem Gedächtnis können die Tiere sich »merken«, wo es Futter gibt, wie sie zurück zu ihrem Bau oder Nest finden und vieles andere. Vor allem aber können sie sich damit ihre wichtigsten Erfahrungen merken: Welche Situationen für sie lebensgefährlich sind oder sein können. Ein Beispiel aus der Praxis: Ein Collie wurde als Welpe von einer Schäferhündin gebissen, die in seiner Nachbarschaft wohnt. Wann immer bei einem Spaziergang mit seinem Frauchen in der Ferne diese Hündin auftaucht, vergisst er seine gute Erziehung, rast in wilder Panik davon und kommt erst abends wieder nach Hause. Der Anstoß zu dieser Reaktion ist das Wiedererleben der früheren Situation beim Auftauchen der Hündin. Er wiedererlebt seinen Schmerz und seine Panik. Der Unterschied ist nur, dass er jetzt davonlaufen kann.

 

Die Geschichte aber hat ein Happy End: Der Collie wurde von einer meiner Schülerinnen mit Begleitetem Systematischen Wiedererleben behandelt und bleibt seither auch bei näherem Kontakt mit der Schäferhündin völlig ungerührt.

 

Warnung vor Gefahr und Einleitung blitzschneller Reaktionen also ist die primäre Aufgabe des Erlebnisgedächtnisses. Gerate ich in eine Situation, die einer früheren, lebensbedrohenden Situation auch nur ein wenig ähnlich ist, so erinnert sich mein Erlebnisgedächtnis wegen dieser Ähnlichkeit reflexartig an die frühere gefährliche Situation und beginnt zur Warnung das betreffende »Video« abzuspielen. Dabei fällt mir nicht etwa die frühere Situation ein – wie beim kognitiven Erinnern – sondern ich beginne sie wiederzuerleben, vielleicht nur ansatzweise und ohne dass mir das deutlich bewusst werden muss. Ich spüre vielleicht nur eine unangenehme, Stimmung aufkommen, oder ich spüre plötzlich Angst oder Erschrecken oder einen körperlichen Schmerz.

 

Diesen Vorgang, das Anstoßen des Wiedererlebens durch eine ähnliche Situation nennen wir situative Anregung des Wiedererlebens oder kurz Triggern.

Das Erlebnisgedächtnis und das Wiedererleben haben also eine überaus wichtige, eine manchmal überlebenswichtige Funktion. Und das kognitive Gedächtnis, das wir in der Geschichte des Lebens erst sehr spät erworben haben, und das auch in unserem individuellen Leben erst etwa im dritten Lebensjahr zu funktionieren beginnt, ist kein Ersatz für das Erlebnisgedächtnis. Und daher haben wir es auch beibehalten und nicht etwa abgelegt und das Wiedererleben verlernt, als wir das kognitive Gedächtnis erwarben.

 

Andererseits aber hat das Erlebnisgedächtnis notwendigerweise und unvermeidlich einen Mangel, ein Defizit: Ihm fehlen völlig die Fähigkeiten zur genauen Analyse einer Situation, zum Vergleich mit anderen Situationen und zum Abwägen der Gefahr. Daher kann es zwischen tatsächlich gefährlichen Situationen und nur scheinbar gefährlichen nicht unterscheiden, und daher ist es unvermeidlich, dass es oft falsch reagiert, übertrieben und völlig unangemessen. Auf diese Weise lassen sich viele neurotische oder phobische Reaktionen erklären, die unser Wohlbefinden stören oder nachhaltig schädigen können. Aber eine Minute übertrieben zu reagieren ist eben besser als vielleicht lebenslänglich tot zu sein. Das ist immerhin ein Trost, wenn uns das Erlebnisgedächtnis wieder einmal einen Streich gespielt hat und wir scheinbar ohne Grund ausgerastet oder in Panik geraten sind, oder einfach nur kindisch oder - genauer - kindlich reagiert haben.

 

Damit aber leider noch nicht genug.


Beim Wiedererleben einer Situation wird auch der damalige körperliche Zustand reproduziert. Wenn ich damals gerade einen Schnupfen hatte, dann habe ich jetzt beim Wiedererleben einen Schnupfen, wenn ich damals eine Mandelentzündung hatte, dann kann ich jetzt eine Mandelentzündung bekommen und die kann tagelang anhalten. Wenn damals mein Immunsystem geschwächt war, dann ist es auch jetzt geschwächt und ich bin anfällig für bakterielle Angriffe aus der Umgebung. Und wenn ich im Laufe meines Lebens häufig genug eine frühere lebensgefährliche Situation wiedererlebe, in der mein Körper sich in einem extremen Alarmzustand befand, dann kann sein, dass dieser Zustand chronisch wird. In meinem Buch »Erlebnisgedächtnis und Posttraumatische Störungen« habe ich mehrere Beispiele dafür beschrieben.

 

3. Zusammenfassung

 

Das Erlebnisgedächtnis zeichnet unser Leben in Protokollen auf. Die Inhalte dieser Protokolle können spontan oder auf eine situative Anregung (einen Trigger) hin wiedererlebt werden. Das wiederholte getriggerte oder spontane Wiedererleben einer unangenehmen oder gar bedrohlichen, lebensgefährlichen Situation kann zu psychischen und physischen Störungen –also zu Krankheiten – führen. Ein großer Teil der körperlichen und seelischen Krankheiten beruht auf diesem Mechanismus. Diese Störungen haben – bedingt durch bestimmte Mechanismen – die Tendenz, mit zunehmendem Alter des Individuums chronisch und intensiver zu werden.

Die primäre Ursache dieser Störungen sind unheilvolle Erlebnisse, die schon in einem frühen Stadium der Schwangerschaft, aber auch später, also vor, während und unmittelbar nach der Geburt, aber auch in der Kindheit, der Jugend oder im Erwachsenenalter stattgefunden haben. Alle solche Erlebnisse werden in der Theorie des Begleiteten Systematischen Wiedererlebens als Traumen oder Traumata bezeichnet. (Anmerkung: In der Klinischen Psychologie und Psychiatrie hat der Begriff Trauma eine andere, sehr stark eingeschränkte Bedeutung.) Die von einem Trauma (im Sinne des BSW) hervorgerufenen Symptome nennen wir Posttraumatische Störungen. Der in der Psychiatrie gebräuchliche Begriff Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS oder PTSD) bedeutet (wiederum) etwas anderes, nämlich eine Folgeerscheinung dessen, was in der Psychiatrie ein Trauma ist.

 

4. Die Behebung der Posttraumatischen Störungen

 

Wir haben gesehen, dass das getriggerte Wiedererleben

  • einerseits ein überaus wichtiger Warn- und Schutzmechanismus ist,

  • andererseits aber auch zur Quelle psychischer und physischer Störungen werden kann.

Wie können diese Störungen verhindert oder behoben werden?

 

Die von mir entdeckte Antwort ist überraschend:

 

Durch absichtlich herbeigeführtes, professionell begleitetes und hinreichend oft wiederholtes Wiedererleben der traumatischen Situation, welche die Störungen verursacht hat, können diese behoben werden. Dieses Verfahren heißt folglich auch Begleitetes Systematisches Wiedererleben. Das Überraschende an dieser Entdeckung ist Folgendes: Wenn eine Person ein traumatisches Erlebnis wiederholt wiedererlebt, dann wird das Wiedererleben bei den Wiederholungen zunächst intensiver, detailreicher, genauer und von längerer Dauer. Nach einigen Wiederholungen aber wird es mehr und mehr lückenhaft und weniger intensiv. Irgendwann können nur noch besonders unangenehme und quälende Details wiedererlebt werden, und schließlich kann das Geschehen überhaupt nicht mehr wiedererlebt werden. Dann stellt sich bei der Person ein Gefühl der Erleichterung, der Befreiung, der Erlösung ein. In der folgenden Zeit zeigt sich, dass das Geschehen auch nach längerem Abstand nicht mehr wiedererlebt werden kann, der Effekt ist also nachhaltig. Wie sich gezeigt hat, verschwindet damit auch das (ungewollte und störende) getriggerte und spontane Wiedererleben der Situation im Alltag der Person. Damit ist aber auch die Ursache der psychischen und physischen Störungen beseitigt, die durch das entsprechende Erlebnis bedingt waren. Wenn es nicht noch weitere Protokolle im »Lebensvideo« der betreffenden Person gibt, die ebenfalls an diesen Störungen beteiligt waren, verschwinden diese in den folgenden Tagen.

 

Den eben beschriebenen Vorgang nannten wir früher Löschung des Traumaprotokolls; seit einiger Zeit bezeichnen wir ihn als Auflösung oder Deaktivierung. Charakteristisch dafür ist, dass die betreffende Person diesen Prozess in einem Akt der Selbsterfahrung im Grunde selbst vollzieht. Nach einiger Übung ist sie im Prinzip sogar fähig, diesen Vorgang ohne Begleitung ablaufen zu lassen.

 

Siegfried Petry