Sexueller Missbrauch

Der sexuelle Missbrauch in meiner Kindheit im Alter von acht Jahren sollte mein weiteres Leben bestimmen.

Ich wurde in Abständen immer zu einem Onkel unserer Familie geschickt um Geld zu borgen. Jedes Mal erlebte ich dort sexuellen Missbrauch. Ich verdrängte diese Ereignisse. Stattdessen bestimmten Ängste mein weiteres Leben. Immer hatte ich Angst, es könnte etwas passieren und ich fühlte mich hilflos, alleine. Menschen gegenüber war ich stets misstrauisch. War ich in einer Gruppe von Menschen länger als 15 Minuten, bekam ich Herzrasen und Panikängste.

Oft war es mir in meinem Leben nicht möglich, meine Ansprüche zu beachten, mich zu zeigen. Ging es mir mal einigermaßen gut, konnte ich reden und meine Meinung äußern und mich gut fühlen. Aber dann, wie aus heiterem Himmel, kamen Ängste hoch. Ich grübelte, woher diese kamen, zweifelte an mir, fühlte mich schwach und elend. Als ich mich wieder aufgerappelt hatte und es mir „gut“ ging, ließ die nächste Angstattacke nicht lange auf sich warten. Zu Männern hatte ich ein gespaltenes Verhältnis. Meist konnte ich nur im betrunkenen Zustand Sex machen. Oft kam ich mir wie eine Prostituierte vor. Später hatte ich zu Alkohol ein verantwortungsvolleres Verhältnis, aber sexuelle Erfüllung fand ich auch nicht.

Als ich nach "X" zog, versuchte ich Unterstützung bei einem Therapeuten zu bekommen. Nach einiger Zeit kam es auch dort zu sexuellen Übergriffen. Ich trennte mich und fühlte mich in meinem aufkeimenden Vertrauen missbraucht und traumatisiert. Um da raus zu kommen, suchte ich Hilfe bei Therapeutinnen. Mein Misstrauen ließ aber kein richtiges Vertrauen zu und ich fühlte mich nicht frei. Manchmal bekam ich Ängste, die meinen Körper zusammenzudrücken schienen

 

Als ich vor drei Jahren von einem Sadisten gestalkt wurde, war die Grenze des erträglichen erreicht. Ich war nur noch eine Angstmasse. Versuche, bei der Polizei Hilfe zu bekommen, waren aussichtslos. Ich fühlte mich nicht ernst genommen und hatte keine Beweise. Durch eine Vermittlungsstelle kam ich zu einem Traumatherapeuten.

Beim ersten und zweiten Gespräch berichtete ich nicht nur vom Stalking, sondern auch darüber, dass ich sexuell in der Kindheit missbraucht wurde.

 

Beim Wiedererleben ging ich in die Zeit des Missbrauchs während der Kindheit zurück. Ich ging gedanklich-emotional an den Ort des Geschehens. Das Treppenhaus, das Geländer, sogar was ich damals für eine Jacke trug, alles kam hoch. Ich spürte meinen Widerwillen, immer wieder dort hingehen zu müssen. Ich sah das eklige Gesicht und die Hände, Schweiß auf seinem Gesicht, wenn es soweit war. Ich sah, wie er seine Vorhaut immer wieder hochzog und ich ihn befriedigen musste mit dem Mund, bis es kam. Ich fühlte mich so unerreichbar unglücklich. Wenn er mir gesagt hat, ich soll es niemandem erzählen, so fühlte ich jetzt in diesem Moment die große Last auf mir.

Manchmal konnte ich mich nicht richtig auf das Wiedererleben einlassen, immer von der Angst geführt, mir glaubt keiner.

Ich durfte so sein wie ich bin, keine Zweifel an dem, was ich erlebte bzw. im Gespräch nach dem Wiedererleben sagte – alles durfte wahr sein. Ich fühlte mich gleichwertig, wach und nach und nach freier.

Außerhalb des Wiedererlebens zu Hause hatte ich oft Albträume und weinte viel. Das Vertrauen, was zwischen mir und dem Begleiter entstand, gab mir mehr und mehr das Gefühl, es kann mir nichts passieren. Ich lernte mich in mehreren Gesprächen und Wiedererleben besser kennen, konnte meine Ängste zuordnen - ich wusste, was geschehen war.

 

Heute weiß ich, meine Ängste werden immer mal wieder hoch kommen, sie erdrücken mich nicht mehr.

 

Das ich heute an mich glaube und mich wertschätze, habe ich auch der menschlichen Geduld des Begleiters zu verdanken. Danke für die Geduld, danke auch dafür, dass er mich auch in Situationen, als ich manchmal sehr verzweifelt schien, nicht aufgegeben hatte – danke dafür, dass er immer an mich geglaubt und mir geglaubt hat. Danke, dass er meine Werte gestärkthat und damit mein Selbstwertgefühl wachsen konnte.

 

 

Notiz nach einer Sitzung:

Ich fühle mich angestrengt und erleichtert zugleich. Es ist zu beschreiben wie ein Wechselbad von Angst und zugleich Erleichterung. Ich konnte es kaum fassen, dass diese Bilder durch mich sich mir geöffnet haben. Sie existieren und sind real – es ist ein Teil von mir. Ein gespanntes Seil zog sich vom Kopf zum Bauch, ich hatte die Erinnerung, es zerreißt mich.