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Stell dich nicht so an

Dieses Buch, geschrieben von Siegfried Petry, können Sie unter Downloads auch als PDF-Datei einsehen und, als Kopie, speichern.

Dokumentation einer Folge sexueller Gewalttaten

Vorwort
Eva
Ein Brief
Die Therapie
Frühe Erfahrungen (1. Lebensjahr)
So begann es
Angst vor der Angst (2. Lebensjahr)
Ein lustiges Spiel
Ohnmächtige Wut
Dieses verdammte Kind (3. Lebensjahr)
Liebhaben (4. Lebensjahr)
Ein braunes Pferdchen aus Porzellan
Wie ein Tier (5. Lebensjahr)
Exkurs: Der Alptraum
Im Badezimmer
An der Treppe (6. Lebensjahr)
Der Sturz
Verwirrung
Das erste Mal (7. Lebensjahr)
Im Keller
Spielabend
Ich bringe mich um (8. Lebensjahr)
Sie ist böse
Exkurs 1: Die Hand im Nacken
Exkurs 2: Die Geburt
Angst vor dem Einschlafen
Hausaufgaben
Immer Angst
Glückliche Tage in M. (9. Lebensjahr)
Garten ohne Blumen
Im kleinen weißen Haus
Durchgedreht
Point of no Return
... dann bring' ich ihn um
Ich bin schuld (10. Lebensjahr)
Niemand glaubt dir!
Strafe muss sein!
... da sind die Tabletten
Familienfest (11. Lebensjahr)
Hackordnung
Ein Wochenende zu zweit
... ins finstere Loch
Ich habe' sie umgebracht (14. Lebensjahr)
So einfach!
Zu spät! (15. Lebensjahr)



Vorwort

Dies ist die Geschichte der kleinen Eva, die in den ersten 13 Jahren ihres Lebens extreme sexuelle Gewalt erlitten hat. Eva und ich haben diese Geschichte Ende der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts durch "Begleitetes Systematisches Wiedererleben" aufgedeckt und bearbeitet, sodass Eva mit der Erinnerung daran leben kann.

Die Geschichte dieser sexuellen Gewalterfahrung und ihrer Therapie habe ich 1991 im Beltz Verlag veröffentlicht. 1993 ist das Buch in zweiter Auflage erschienen; zur Zeit ist es vergriffen, jedoch beim Verfasser noch erhältlich. Ich veröffentliche die Geschichte nun an dieser Stelle, damit sie nicht ganz vergessen wird.

Als ich seinerzeit mit Eva zusammen an der Aufdeckung ihrer Biographie arbeitete, tat sich vor mir ein Abgrund menschlicher Grausamkeit, Erbarmungslosigkeit und Perfidie auf, den ich vorher nicht für möglich gehalten hätte. Inzwischen weiß ich, dass Evas Geschichte kein Einzelfall ist. Ich weiß, dass es in unserem Land Hunderttausende von Mädchen und Jungen gibt, die Ähnliches erlebt haben. Ich weiß, dass es Gruppierungen von Gewalttätern gab und wohl noch immer gibt, die sexuelle Gewaltausübung geradezu professionell betreiben und denen in die Hände zu fallen für ein Kind das Grausamste bedeutet, was es erleben kann. Ich weiß, dass es in einsamen Häusern in großen Gärten und hinter hohen Mauern professionell betriebene Unternehmen gab, die zugleich Kinderbordell und Filmstudio waren, in denen Kinder bis aufs Blut und bis in den Wahnsinn gepeinigt wurden.

Ich weiß von einem katholischen Kinderheim, in dem einerseits kleine Kinder von Nonnen selbstlos und aufopferungsvoll betreut und herangebildet wurden, in dem Kindern, die von ihren Eltern missbraucht und verwahrlost worden waren, das Leben gerettet wurde. Und andererseits war diese Einrichtung auch ein Kinderbordell unter der Leitung einer Ordensfrau, unter Betreuung eines Heimarztes, der in die Vorgänge eingeweiht war, ein Haus, in dem hohe geistliche Würdenträger "verkehrten" und in dem dieselben Nonnen, die Kindern das Leben gerettet hatten, aus menschlicher Erbärmlichkeit und Feigheit und vielleicht sogar wegen ihres Ordensgelübdes des Gehorsams zu allem schwiegen, was dort vorging.

Ich war gleichsam dabei, als Eva einem hoch gebildeten, kultivierten Herrn in seiner edlen Villa begegnete, mit einer großen Bibliothek, hinter der – gut getarnt – ein »Behandlungsraum« zur Ausübung perversen Leidenschaft des Hausherrn lag.

Aber es geht im Grunde nicht allein um sexuelle Gewalt an Kindern. Es geht um viel umfassendere Aspekte der conditio humana, der Bedingungen, unter denen die Menschen leben und die sie selbst hervorbringen. Es geht um eine "alternative Anthropologie", um eine erweiterte Wissenschaft vom Menschen, seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten. Es geht um die überall auf der Welt verbreitete Bereitschaft der Menschen zur Gewalt, zur Grausamkeit, zum Töten. "Hitlers willige Vollstrecker" gab es nicht nur in Deutschland und nicht nur in Europa, Gräueltaten gab und gibt es fast überall, wo Soldaten Krieg führen und gewisse Voraussetzungen erfüllt sind. Auch Regierungen zivilisierter Länder verhalten sich immer wieder einmal wie kriminelle Vereinigungen oder wie Räuberbanden. Überall auf der Welt werden Kinder tagtäglich von ihren Eltern misshandelt. Männer aus ganz Westeuropa fliegen nach Südostasien und fügen Kindern Leid zu. Immer wieder geschehen in Afrika und sonst wo Völkermorde. Und dann gibt es immer wieder – da und dort – jene alten Männer, welche die Jugend – und neuerdings sogar die Kinder – ihres Volkes in den Tod jagen (Soldatensprache: »verheizen«), angeblich um irgendwelcher »Ideale« willen.

Es geht zunächst darum, diese Tatsachen '''wahr zu nehmen,''' zur Kenntnis zu nehmen, anzuerkennen, dass Menschen so sind oder jedenfalls so sein können, dass die Welt so ist und nicht anders. Erst in Kenntnis der vollen Wahrheit, erst im illusionslosen Wissen um die Realität, sind Veränderungen möglich.





Eva

Eva war einunddreißig Jahre alt und studierte Psychologie, als sie mich im Herbst 1984 wegen Lernschwierigkeiten aufsuchte. Als diese leidlich behoben waren, bat sie mich um eine weitergehende psychotherapeutische Behandlung. Die Symptome, die sie dazu veranlassten, waren vor allem eine fast ständig vorhandene diffuse Angst, es könne irgend etwas Schreckliches passieren (»Die Decke fällt herab«), sowie panische Angst vor dem Einschlafen, weshalb sie stets sehr spät und auch dann nur höchst ungern zu Bett ging.

Äußerlich fielen ihr starkes Übergewicht auf, das sich besonders im Beckenbereich zeigte, und ihre stockende Sprechweise. Kaum jemals sprach sie einen Satz zu Ende, ohne sich zu unterbrechen; häufig vollendete sie ihre Sätze gar nicht, und oft begannen diese mit »Ich weiß nicht...« Bei unangenehmen oder angstbesetzten Themen legte sie regelmäßig eine Hand in den Nacken. »Um mich zu schützen« war ihre immer gleiche Antwort auf meine Fragen, wofür das gut sei.

Kontakte mit anderen hielt sie bewusst oberflächlich und unverbindlich und ließ niemanden an sich heran: »Ich kann sozusagen aus mir heraustreten und dem anderen eine munter plappernde und kichernde, aber leere Hülle darbieten.« Dabei konnte sie Gefühle »wie mit einem Schalter« abstellen.

Sie ließ sich leicht ausnützen und bekam sofort ein schlechtes Gewissen, wenn sie jemanden - ausnahmsweise - einmal eine Bitte abschlug. Hingegen war es ihr so gut wie unmöglich, andere um etwas zu bitten. Fast ebenso schwer fiel ihr das Bedanken; wenn es unumgänglich schien, tat sie es schriftlich. Hinter diesem Verhalten standen ihre Grundsätze: »Ich brauche niemanden, ich brauche euch alle nicht, ihr könnt mir gestohlen bleiben!« Als ich sie einmal bat, darüber etwas tiefer nachzusinnen, gestand sie: »Es fällt mir unheimlich schwer, mich darauf einzulassen, dass mir jemand wichtig ist.«

Eva ließ sich stundenlang als Klagemauer missbrauchen und zog dies dem Alleinsein vor. Von ihren eigenen Ängsten und Nöten erfuhr natürlich niemand etwas. Einer der Gründe dafür war ihre Maxime: »Ich traue niemandem und glaube nichts!« (Den tiefsten und wohl eigentlichen Grund haben wir erst später erfahren.) Andere ihrer Lebensregeln lauteten: »Freude ist verboten. Für jeden Spaß muss ich einmal bezahlen!« – »Weinen ist verboten. Ich darf nicht weinen. Es darf niemand merken, wenn ich traurig bin.« (Eva hat seit ihrer Kindheit kaum jemals eine Träne geweint. - »Da ist so eine innere Stimme: ,Stell dich nicht so an!'«)

Die Beschäftigung mit den dunklen, ihr bislang verborgenen Geschehnissen ihrer Vergangenheit während der Therapie machte ihr ein schlechtes Gewissen: »Ich darf das nicht wissen!« Sie war überzeugt, eine glückliche Kindheit erlebt zu haben.

Ihren Gefühlen traute Eva nicht: »Ich muss alles achtmal überprüfen.«

Stark ausgeprägt war ihre Spinnenphobie. Sie, die buchstäblich keiner Fliege etwas zuleide tat, verfolgte Spinnen in ihrer Wohnung erbarmungslos. Die Vorstellung, dass eine ihr nachts über den Körper laufen könnte, war »der absolute Horror«.

Dunkelheit ertrug sie - auch beim Schlafen - nicht; ein nur von einer Kerze beleuchteter Raum war ihr unheimlich: »Da rast' ich aus!« Nachtwanderungen waren ihr selbst in einer Gruppe unmöglich. In einen Keller traute sie sich nur, wenn er hell beleuchtet und sauber (spinnenfrei) war.

Eva konnte nicht auf einer langen Treppe stehen bleiben und war früher sehr oft Treppen hinuntergefallen. Überhaupt war sie als Kind oft hingefallen; ihre Knie und Hände waren fast immer lädiert, und die Wunden konnten nur langsam heilen, weil sie den Grind immer wieder abkratzte.

Den Winter, und überhaupt Kälte, Schnee und Berge, hasste sie; sie fuhr nur im Sommer in Urlaub und nur in warme, südliche Länder.

Vor Hautcreme, Sonnenmilch und ähnlich schmierigen Substanzen empfand sie einen starken, unüberwindlichen Ekel.

Schon als Kind hatte sie Angst vor dem Einschlafen; sie wachte oft nachts auf und »tappte in der Wohnung herum«. Häufig stand sie frierend lange Zeit vor dem Bett ihrer Mutter, traute sich jedoch nicht, sie zu wecken oder auch nur zu ihr ins Bett zu schlüpfen.

Nur gezwungenermaßen ging sie in den Kindergarten (»Ich hasste ihn!«), kam stets zu spät und stand dann meist in einer Ecke herum. Ihre Schulzeugnisse trugen immer Vermerke wie: »Eva ist zu still.«

Sehr empfindlich reagierte sie auf laute Stimmen oder gar Schreien: »Ich gehe sofort in die Defensive oder ziehe mich zurück, sobald jemand laut wird.« Ganz unerträglich war es ihr, wenn jemand versuchte, sie an den Handgelenken oder an den Unterarmen festzuhalten.

Evas Tage waren hinsichtlich ihrer Stimmungslage hermetisch gegeneinander abgeschottet: »Ich kann mich morgens nie erinnern, wie es mir tags zuvor gegangen ist; ich habe keinerlei Sinn dafür.«

Sie litt nicht selten unter Migräne und Kreislaufstörungen und hatte alle paar Monate einen Gastritis-Anfall.

Mit etwa 22 Jahren unternahm sie, als sie einige Tage allein im Haus war, einen Suizidversuch mit Tabletten. Nach zweitägigem Schlaf erwachte sie und suchte bald darauf einen Arzt auf, der ihr ein Beruhigungsmittel verschrieb. Etliche Jahre später faszinierte sie längere Zeit der Gedanke, mit ihrem Auto bei hoher Geschwindigkeit an einen Baum zu fahren. Aus dieser Zeit etwa stammen auch ihre psychotherapeutischen Erfahrungen, die sie in 80 Stunden Einzeltherapie und einigen »Intensivgruppen« gemacht hat. Die eigentliche Ursache von Evas Symptomen war dabei unentdeckt geblieben.

Eva lebt mit ihrer Mutter heute noch im selben Haus in einer fränkischen Großstadt - und beziehungslos neben ihr her. Über Evas Verhältnis zu ihrer Mutter, insbesondere während ihrer Kindheit, erfuhren wir beide Genaueres erst im Laufe der Therapie und durch diese. Eva wusste zu Beginn unserer Arbeit nur, dass sie für ihre Mutter ein nicht gewünschtes Kind war, was diese ihr später immer wieder einmal gesagt hat.

Die Welt ihrer beiden um zweieinhalb bzw. fünf Jahre älteren Brüder blieb Eva meist verschlossen; die beiden standen ihr herablassend gleichgültig, oft auch feindselig gegenüber. Eva selbst nannte ihr Verhältnis »mies«.

Zu ihrem Vater, einem in seinen Kreisen sehr angesehenen, wohlhabenden Versicherungsvertreter, hatte sie ein weit besseres Verhältnis. Sie war sein Lieblingskind und wurde von ihm den Brüdern vorgezogen (was deren Beziehung zu Eva nicht gerade verbesserte). »Ich hab' unheimlich viel von ihm bekommen. Irgendwelche Wünsche, die ich hatte - er hat sie mir erfüllt. Ich konnte sie nie äußern, aber er kannte sie irgendwie.« -»Überhaupt war mein Vater nach außen der absolute Super-Ehemann und -Familienvater. Er war unwahrscheinlich beliebt.«

Er starb mit 62 Jahren an Magenkrebs; Eva war damals dreißig. »Merkwürdigerweise hatte ich kurz vor seinem Tod immer die Erwartung, er müsse mir doch noch irgend etwas sagen, ohne dass ich gewusst hätte, was. Ich dachte immer, er kann sich doch nicht einfach so davonmachen.«




Ein Brief

Nach etwa einem Jahr Therapie (ca. 40 Sitzungen) war unabweisbar deutlich geworden, dass Eva als Kind von ihrem Vater jahrelang sexuell missbraucht worden war. Sie hatte dies, und erst recht natürlich alle Einzelheiten, vollständig »vergessen« und reagierte auf die Entdeckung mit Entsetzen, Trauer, Wut und Schuldgefühlen.

(Das Auftreten von Schuldgefühlen bei Kindern, die über längere Zeit sexuell missbraucht wurden, ist ebenso merkwürdig wie charakteristisch. Die klassische »Erklärung« dieser Schuldgefühle ist die Macho-Legende von der unbewusst handelnden kleinen Verführerin. Die vorliegenden Therapieprotokolle zeigen einerseits die Unsinnigkeit dieser Hypothese, andererseits auch die wahren Ursachen der Schuldgefühle.)

Nach weiteren eineinhalb Jahren etwa begann der therapeutische Prozess langsamer zu werden und schließlich zu stocken. Immer wieder fragte Eva sich und mich: »Und was fange ich jetzt mit diesem Wissen an? Wie kann ich damit weiterleben?« Dabei kannten wir damals weder den Umfang noch die scheußlichen Details dessen, was der Vater ihr angetan hatte.

Im Juli 1988 erhielt ich von Eva folgenden Brief:

Lieber Siegfried,

Du wirst Dich sicher wundern, dass Du einen Brief von mir erhältst. Ich wundere mich eigentlich auch, dass ich ihn schreibe, aber mir gehen seit heute Nachmittag so viele Dinge durch den Kopf. Ich weiß einfach nicht mehr, wie es weitergehen soll. Ich habe das Gefühl, egal wo ich anfange, ich lande immer wieder bei meinem Vater und bei dem, was er mir angetan hat, und damit immer wieder bei entsetzlich viel Schmerz und Trauer. Bei Schmerz und Trauer, die nicht nachlassen, sondern eher stärker werden. Ich versuche mir einzureden, dass alles lange vorbei ist, dass ich inzwischen erwachsen bin und es sich nie mehr wiederholen kann, aber es nützt nichts, ich fühle mich immer noch wie dieses kleine missbrauchte Kind, das Angst hat vor der nächsten Verletzung, das weiß, dass es immer wieder missbraucht werden wird. Sobald ich mich auf meine Gefühle einlasse, stoße ich auf diese entsetzlichen Jahre meines Lebens und verliere jedes Selbstbewusstsein und alle Sicherheit. Auch heute Nachmittag und auch im Augenblick fühle ich Angst und Schmerz in mir. Ich möchte davonlaufen, suche einen sicheren Ort und finde keinen. Es macht mir Angst, dass mir immer nur der Tod als Sicherheit einfällt. Oft denke ich mir, es wäre besser gewesen, er hätte mich umgebracht.

Ich spüre immer mehr, wie sehr mich mein Vater verletzt hat. Er hat mir eigentlich alles genommen, was ich hatte. Ich erinnere mich noch an dieses kleine Kind, voll Stärke und Sicherheit und Vertrauen, eigenwillig und sich als Mittelpunkt seiner kleinen Welt fühlend. Er hat nichts davon übrig gelassen. Er hat meinen Willen gebrochen, hat mich zu einem Objekt gemacht, zu einem Gegenstand, den man benutzt und wieder in die Ecke stellt. Er hat mir gezeigt, was ich wert bin: nichts, absolut nichts. Ich gehörte nicht mehr mir, ich gehörte ihm, ich war sein Eigentum. Ich habe aufgehört, als Person zu existieren. Heute lebt er nicht mehr, doch was ist mit mir, lebe ich eigentlich noch? Was ist von mir geblieben, was hat überlebt? Ein total verunsichertes Wesen voller Angst. Das Einzige, was er nicht zerstören konnte, war mein Verstand, und an den klammere ich mich heute. Meine Gedanken, die gehörten nur mir, an die kam niemand heran. Vielleicht ist deshalb Verwirrung für mich so schrecklich, die Angst, auch noch meinen Verstand zu verlieren.

Ich weiß eigentlich nicht, warum ich Dir dies schreibe. Ich weiß nicht, ob es richtig ist, ob Du es verstehst. Ich habe Angst davor, dass Du Dich von mir und meinen Problemen belästigt fühlst. Ich habe oft ein schlechtes Gewissen, wenn ich Deine Hilfe in Anspruch nehme, um meine Probleme zu lösen und Angst davor, dass es Dir zu viel wird. Bitte entziehe mir Deine Hilfe nicht und hab' Dank für alles, was Du bisher für mich getan hast.

Herzlichst, Eva





Die Therapie

Es war eine glückliche Fügung, dass ich mich zu der Zeit, als Eva mir diesen Brief schrieb, gerade dabei war, eine höchst wirksame Therapiemethode zu entwickeln und zu erforschen, die ich später Begleitetes Systematisches Wiedererleben nannte.

Das Wesentliche dieser Methode ist, dass der Klient angeleitet und trainiert wird, bei vollem Bewusstsein - nicht etwa in Hypnose oder Trance - in seine persönliche Vergangenheit »zurückzukehren«, mit einem traumatischen, also seelisch und/oder körperlich schmerzhaften Ereignis seines Lebens Kontakt aufzunehmen und dieses dann wiederholt zu »durchleben«, das heißt, es erneut zu erleben, nicht etwa sich lediglich daran zu erinnern. Der Unterschied zwischen dem Erleben und dem bloßen Erinnern eines Vorgangs ist offensichtlich und trivial, dabei aber für die Therapie entscheidend wichtig: Die Erfahrung zeigt nämlich, dass traumatische Ereignisse vom menschlichen Organismus mit großer Präzision und erstaunlichem Detailreichtum »aufgezeichnet« und die Aufzeichnungen (fortan »Protokolle« genannt) dauerhaft gespeichert werden. Der Inhalt dieser Protokolle ist jedoch der Erinnerung des Menschen (der absichtlichen wie der spontanen) unzugänglich und bleibt ihm daher normalerweise unbekannt. Da er sich nicht daran erinnern kann, wird ihm der Inhalt der Protokolle niemals bewusst, das heißt aber: Er weiß nichts davon. Beim Begleiteten Wiedererleben nun durchlebt der Klient die aufgezeichneten Situationen - eine nach der anderen - in mehreren Wiederholungen erneut. Dabei werden seinem Bewusstsein nach und nach immer mehr der aufgezeichneten Einzelheiten zugänglich, und zwar so, als fände das Geschehen in der Gegenwart statt. Am Ende der therapeutischen Arbeit an dem traumatischen Ereignis kann sich der Klient, wann immer er will, an alle Vorgänge erinnern, sie haben für ihn jedoch jeglichen Schrecken verloren und erscheinen ihm fortan einigermaßen gleichgültig und uninteressant. Wichtiger noch ist, dass das traumatische Ereignis seine verhängnisvolle, im Unbewussten wirkende Macht eingebüßt hat. Das dem Bewusstsein unzugänglich gespeicherte »Protokoll« wird bei der Bearbeitung gleichsam aufgelöst oder gelöscht. Das Aufdecken und Bewusstmachen des Geschehenen ist dabei eine zwar notwendige, für sich allein aber noch nicht hinreichende Bedingung für die Heilung. Erst durch das Auflösen eines Protokolls, durch das unermüdlich wiederholte Durchleben des Erlittenen, gleichsam durch das mühsame und qualvolle Ausschöpfen des Brunnens des Leidens, wird die Person geheilt.

Diese Methode also war mir im Sommer 1988 einigermaßen vertraut, als ich Evas Brief erhielt, der ihre Situation nach etwa 120 Therapiesitzungen beschrieb. Ich schlug ihr daraufhin vor, fortan mit dem Begleiteten Wiedererleben zu arbeiten, das ich ihr kurz beschrieb. Sie war damit, ebenso wie mit den neuen Rahmenbedingungen (mindestens drei Sitzungen pro Woche anstatt nur einer einzigen), einverstanden, und wir begannen mit der Arbeit. Und bald schon erstanden, wie photographische Bilder in einem Entwicklerbad, die traumatischen Szenen ihrer Kindheit vor unseren entsetzten Sinnen.

Es gehört, wie oben schon angedeutet, zu den Besonderheiten der von mir benutzten Methode, dass sie, eine Art Psycho-Archäologie, authentische Reproduktionen früherer Geschehnisse hervorbringt, indem sie die Klientin bzw. den Klienten zu einem fast realen Wiedererleben vergangener Ereignisse führt. Dabei werden nicht nur die Wahrnehmungen der Betroffenen reproduziert, sondern auch deren körperliche und emotionale Reaktionen darauf. Der Therapeut wird dadurch gleichsam zum nachträglichen Tatzeugen, genauer: zum Zeugen der rekonstruierten Wahrnehmungen und Reaktionen des Opfers: Er hört aus seinem Mund die einstigen Dialoge, er kann sich über seine anderen Wahrnehmungen berichten lassen, er sieht unmittelbar seine körperlichen Reaktionen, er erfährt von seinen Gefühlen und kann die inneren Monologe des Opfers »abhören« und daraus dessen Kummer, Verwirrung, Ratlosigkeit usw. erkennen. Während der Therapie Evas konnte ich außerdem wie bei einer Längsschnittstudie verfolgen, wie sich die Übergriffe und Evas Reaktionen darauf im Laufe von mehr als zwölf Jahren langsam veränderten.

Die folgenden Kapitel sind (abgesehen von den als solchen kenntlichen Kommentaren) Extrakte aus schriftlichen Aufzeichnungen von Therapiesitzungen, gekürzte, aber sonst unveränderte Wiedergaben der von mir miterlebten Reproduktionen. Sie enthalten vor allem die wörtlichen Beschreibungen, die Eva von ihren körperlichen und emotionalen Empfindungen und ihren Sinneswahrnehmungen gegeben hat, sowie die von ihr zitierten Sätze, die von den damals anwesenden Personen gesprochen wurden. Sehr viel eindrucksvoller, bedruckender und erschütternder jedoch waren die nonverbalen Äußerungen Evas: die Zeichen erlittener Schmerzen in ihrem Gesicht, das Winden, Krümmen und Aufbäumen ihres Körpers, die verzweifelten Gesten ihrer Hände, die Zeichen der Ratlosigkeit und der äußersten Verwirrung, das entsetzte Aufrichten des Oberkörpers, das panische Augenaufreißen und alle die anderen Körpersignale eines seelisch und körperlich gepeinigten, geschundenen, gefolterten, planvoll terrorisierten, fast in den Wahnsinn und in den Selbstmord getriebenen Kindes. Alle diese Äußerungen sind - wenn überhaupt - nur schwer und unzureichend beschreibbar; ich habe mich daher auf knappe Andeutungen beschränkt, die ebenso wie meine eher seltenen Nachfragen zur Verdeutlichung eines Sachverhalts in Klammern wiedergegeben sind. Meine »Prozess-Interventionen«, also Äußerungen, die die Kontaktaufnahme mit einem Protokoll oder dessen nachfolgende Entfaltung fördern sollten, habe ich weggelassen.

Die Anordnung der Kapitel folgt chronologisch Evas Lebenslauf; sie entspricht nicht der Reihenfolge, in der die einzelnen Protokolle in der Therapie bearbeitet wurden. Die Bestimmung dieser Reihenfolge habe ich im allgemeinen der (höheren) Weisheit von Evas Unbewusstem überlassen, das hier bestimmten immanenten Gesetzmäßigkeiten folgt.

Aus Rücksicht auf den Umfang des Buches und die Geduld der Leserinnen und Leser konnten hier nicht alle in der Therapie bearbeiteten Protokolle wiedergegeben werden. (Der volle Umfang der Geschehnisse ist auch mir nicht genau bekannt. Auf Grund einer vorsichtigen, eher untertreibenden Schätzung nehme ich an, dass Eva mindestens 500, wenn nicht 1000 oder mehr sexuelle Übergriffe ihres Vaters erlitten hat, manchmal drei innerhalb eines Tages.) Ich musste mich also darauf beschränken, besonders markante, prototypische Stationen von Evas langem Leidensweg darzustellen, sodass es den Leserinnen und Lesern immerhin möglich ist, die Entwicklung des Geschehens und die Entfaltung des Grauens zu verfolgen. Was zwischen diesen Stationen geschah, war im Kern immer wieder das Gleiche, ja selbst die von mir wiedergegebenen Geschehnisse lassen sich auf einige wenige Grundmuster reduzieren. Wie beim Durchlaufen einer Spirale wiederholt sich im wesentlichen stets das Gleiche, nur mit zunehmender Intensität, mit wachsender Perversion und Perfidie und mit schrecklicherem Leid für die Betroffene. Bei oberflächlicher Betrachtung erscheinen die Vorgänge vielleicht lediglich quälend monoton, und sie sind es zunächst - und vor allem anderen - auch. Die entsetzliche Monotonie, die schier endlosen Wiederholungen der Qual sind eben das Grundmuster von Evas Erfahrungen, und selbst bei aller Verkürzung in der Darstellung musste dieses Muster sichtbar und spürbar bleiben, wenn nicht Wesentliches verloren gehen sollte. Die zugrundeliegende Figur der Spirale, die vielleicht als literarisches Darstellungsprinzip missverstanden werden könnte, ist nichts anderes als das Muster der Vorgänge selbst. Ich habe es nicht absichtlich, ja nicht einmal bewusst benutzt, es hat sich mir aufgezwungen. Ich habe nichts anderes getan, als aufgezeichnet, was ich sah und hörte, aus diesen Aufzeichnungen (mehr als 2600 Seiten) eine Auswahl getroffen, sie gestrafft und schließlich chronologisch geordnet.

Wenngleich Evas Schicksal ein individuelles und einmaliges ist, so weist es doch auch allgemeingültige Züge auf: So oder ähnlich »funktioniert« - pardon! - sexuelle Gewalt, so werden die Opfer zum Schweigen gebracht (»ruhiggestellt«), so werden sie von jedem möglichen Beistand, von jeder Hilfe abgeschnitten, so wird ihnen nachhaltig suggeriert, sie seien an allem selbst schuld, sie seien böse und müssten bestraft werden - und so oder ähnlich werden auch andere Kinder darauf reagieren. Darüber hinaus aber begegnen der Leserin und dem Leser in diesen Berichten auch neurotische und neurotisierende Verhaltensmuster, Methoden der Manipulation und der »Zurichtung«, die von dem speziellen Kontext der sexuellen Gewalttat unabhängig sind, Mechanismen, wie wir sie in alltäglichen »Beziehungskisten« finden können und in den »Spielen der Erwachsenen«, Symptome des »ganz normalen Wahnsinns«. Im Kontext des Grauens erscheinen freilich auch sie ins Schauerlich-Entsetzliche gesteigert.

Das Thema »Sexuelle Gewalt gegen Kinder« ist in unserer Gesellschaft noch immer tabu. Dies macht es Betroffenen noch schwerer, darüber zu sprechen, als es aus anderen Gründen ohnehin schon ist. Dazu kommt, dass viele Opfer ihre Erlebnisse, ja selbst die Tatsache ihres Missbrauchs »vergessen« haben. Soweit dies nicht der Fall ist, sind ihre Erinnerungen lückenhaft, unzuverlässig und fast immer aus der Retrospektive des Erwachsenen gesehen. Es gibt aus verständlichen Gründen so gut wie keine Berichte, die das Geschehen aus der Sicht des Kindes, auf der Ebene seiner unmittelbaren Wahrnehmungen und Emotionen beschreiben. All dies trägt entscheidend dazu bei, dass das Grauen dieser nicht eben seltenen Geschehnisse keine Chance hat, aus abstrakten Statistiken herauszutreten und als Einzelschicksal in das öffentliche Bewusstsein vorzudringen, emotionale Betroffenheit hervorzurufen und dadurch schließlich Veränderungen auszulösen. Die Berichte, die ich in diesem Buch vorlege, eröffnen die Möglichkeit, dass tausendfältiges anonymes Leid am exemplarischen Fall eines einzelnen Opfers in Erscheinung treten und wahrgenommen werden kann.




Frühe Erfahrungen (1. Lebensjahr)

Ich liege in meinem Bett, es ist dunkel. Mir ist kalt. (Eva verschränkt die Arme über der Brust und zieht sich fröstelnd zusammen.) Ich weine, und ... ich möchte, dass jemand kommt, und ... es kommt einfach keiner. Ich wein' und schrei'. Warum kommt denn niemand? (Eva sieht sehr unglücklich aus.) Ich ... ich weiß irgendwie, dass sie es nicht mögen, wenn ich schrei', aber ich brauch' doch jemand. Ich brauch' unbedingt jemanden, der mir hilft. Ich wein' und schrei' lange ... dann ... ist es plötzlich hell (bedeckt die Augen mit dem Arm), und dann ist irgend jemand da. Ich bin froh, dass endlich jemand kommt, und gleichzeitig hab' ich Angst: Ich weiß, dass ich nicht schreien soll. - Mein Vater sagt, ich soll still sein. Ich höre, dass er böse ist. Ich soll endlich still sein. Er zerrt mich hoch, und das tut mir weh. Er schreit so laut und ... (plötzliche Zeichen eines heftigen Schmerzes) au ... (Eva bäumt sich auf, windet sich vor Schmerzen) au ... au ... Er tut mir weh. Er schlägt auf mich ein, au ... er tut mir weh und schreit. Au ... Er ist so wütend, und er schreit, dass ich endlich ruhig sein soll. Er schreit so, und es tut so weh ... ich kann nicht still sein (fortwährend Zeichen starker Schmerzen) ... ich schrei' immer lauter, es tut so weh, und er schreit immer lauter ... es ist furchtbar. (Eva erlebt diese Szene wie einen chaotischen Alptraum, für dessen Beschreibung ihr die Begriffe fehlen; sie wälzt sich herum, setzt sich auf, hält sich die Ohren zu, möchte aus dem Chaos fliehen.) »Sei still, sei endlich still!« Und dann fall' ich ... und ... und ... es tut so weh! Mein Kopf und mein Rücken tun so weh ... und dann hebt er mich auf ... es tut weh, wenn er mich anfasst, und er legt mich in mein Bett ... »Sei still!« Ich kann nicht still sein ... es tut mir so weh ... und dann ... ich kann ... ich kann plötzlich nimmer schreien ... irgendwas ist da, und ich kann nimmer schreien. Er hält mir den Mund zu, und ich krieg' nicht mehr richtig Luft ... Er steht über mir und schaut auf mich runter. Er schaut so ... so böse, und ich hab' so furchtbar Angst. »Wenn du nicht sofort still bist, bring' ich dich um!« (»Weißt du, was das bedeutet?« Sie zuckt verständnislos mit den Schultern.) – Es ist gar nicht dieser Satz, der mir so Angst macht, es ist ... weil er so ... ich weiß nicht ... so böse schaut, ich weiß nicht wie, irgendwie böse.

Jetzt lässt er mich los, und ich möcht' am liebsten schreien, aber ich darf nicht ... ich werd' nie mehr schreien (sie schüttelt langsam den Kopf und presst die Lippen zusammen). Ich muss still sein (ganz leise und atemlos), wenn ich nicht still bin, kommt er wieder, sagt er, und davor hab' ich furchtbar Angst. - Dann geht er weg, und es wird wieder dunkel ... Ich muss ganz still sein, ich darf nimmer weinen ... ich muss ganz still sein ... (Eva zittert am ganzen Leib, wirkt völlig verschreckt und todunglücklich. Sie verschränkt die Arme über der Brust und zieht sich zusammen. So schläft sie schließlich ein. Es ist ein sehr unruhiger Schlaf, der immer wieder durch Zittern und krampfartige Zuckungen gestört wird.)

Eva weiß, dass sie zur Zeit dieses Geschehens noch nicht allein im Bett aufstehen kann, sie ist also höchstens neun Monate alt. Im weiteren Fortgang der Therapie erweist sich, dass dies das früheste Protokoll mit einer ausgeprägten Handlung ist. In der Zeit davor gab es nur eine lange Kette von kleineren Protokollen, deren Inhalte einander ganz ähnlich waren, und die alle die Grundsituation von Evas ersten neun Lebensmonaten darstellten. Eva erlebte diese so:

Ich fühl' mich unheimlich allein. Irgendwie weiß ich, dass keiner mich will, dass ich nicht stören darf, nicht weinen, nicht schreien. Ich bin dauernd am Warten, dass einer kommt, aber es kümmert sich keiner um mich. Kaum jemand spricht mit mir, ich hör' immer nur eine Stimme, ich soll still sein. Irgend jemand schreit mich an, ich soll still sein ... Ich hab' das Gefühl, es ist unheimlich kalt ...

Was Eva in den nächsten Monaten erlebte, bestätigt und vertieft noch diese Erfahrungen:

Ich weiß genau, dass mir niemand hilft. (Eva kreuzt die Arme über der Brust, zieht die Schultern zusammen, fröstelt.) Mir ist so kalt. Auch wenn meine Mutter da ist (schüttelt den Kopf), ist nichts ... da wird mir immer so kalt. Ich weiß nicht ... ich hab' das Gefühl, dass ich irgendwie aufgeb', dass mir alles gleichgültig wird ... (ihr Gesicht spiegelt tiefe Trauer und Enttäuschung).

Diese Erlebnisse sind wohl grundlegend für Evas spätere Unfähigkeit, anderen ihre Gefühle und Wünsche mitzuteilen, wie auch für ihre auffallend ängstlichen Reaktionen, wenn andere laut werden.




So begann es

Eva liegt da wie ein schlafendes Baby: die Arme angewinkelt, die Hände neben dem Kopf, die Finger zu einer lockeren Faust gebeugt, die Gesichtszüge ganz entspannt.

Ich wache von irgendwas auf. Es ist dunkel, und mir ist kalt (Eva fröstelt), und ich spür', dass mich jemand anfasst und irgendwie streichelt. (»Wo streichelt?« Keine Antwort, statt dessen Gesten der Unsicherheit. - »Leg deine Hand dorthin, wo du das Streicheln spürst!« -Langsam legt sie die linke Hand auf die Scham.) Ich bin noch so müde und möchte weiterschlafen. Mein Vater sagt: »Schlaf weiter!«, und ich versuch' auch weiterzuschlafen. (Gleich darauf Zeichen eines plötzlichen heftigen Schmerzes an oder in der Scheide; intensive, aber leise kindliche Schmerzenslaute.) Er tut mir weh! Ich spüre, es tut sehr weh, aber ... komisch ... ich weiß auch, dass ich nicht schreien darf ... ich weiß, dass sie böse sind, wenn ich nachts schreie. Er sagt, ich soll still sein. (Der Schmerz lässt schnell nach und Eva schläft wieder ein.)

Zwischen zwei Durchgängen sagt Eva, dass sie noch nicht laufen kann, und dass dies die erste derartige Erfahrung ist, die sie gemacht hat. Dafür spricht auch, dass sie den Täter erst an der Stimme erkennt und dass wir im weiteren Verlauf der Therapie keine früheren ähnlichen Ereignisse finden konnten.




Angst vor der Angst (2. Lebensjahr)

Eva liegt in ihrem Gitterbett; sie wird langsam und offenbar unwillig wach.

Es ist so kalt. (Eva fröstelt und kreuzt die Arme über der Brust, sie ist offenbar nicht mehr zugedeckt.) Da ... da ist jemand ... ich soll ... ich soll schlafen ... weiterschlafen. (Anscheinend ist ihr irgend etwas sehr unangenehm, sie ist aber noch ganz schlaftrunken und kann nicht richtig wahrnehmen, was vorgeht.) Ich schaff' es nicht, richtig wach zu werden, und er sagt dauernd, ich soll weiterschlafen. (Eva erkennt die Stimme ihres Vaters.) Ich will nicht weiterschlafen, ich will richtig wach werden ... ich weiß nicht ... ich spür' ... ich weiß nicht genau, was ... irgendwas macht er mit mir ... ich weiß nicht genau, was er da macht, aber ich will es nicht ... (Eva wälzt sich unruhig hin und her und versucht immer wieder, sich aufzurichten; die Situation scheint ihr höchst unbehaglich zu sein.) Ich möchte endlich richtig wach werden und wissen, was da los ist, aber er sagt immer wieder, ich soll weiterschlafen. (Eva hält sich die Ohren zu, sie will dies nicht hören. - Plötzlich verzerrt sie das Gesicht vor Schmerz.) Au, au ... er tut mir weh! (Sie windet sich und stöhnt längere Zeit, schreit auch immer wieder auf vor Schmerz. Im Laufe der Arbeit kann sie ihre Schmerzen an der Scham lokalisieren.) Ich soll ruhig sein, sagt er, es ist ja alles gut, ich soll weiterschlafen, ich hab' nur geträumt ... (Endlich lassen ihre Schmerzen nach, und Eva wird etwas ruhiger. Plötzlich wird es hell im Zimmer.) Er ... er steht vor meinem Bett ... und ... er ist so komisch ... er macht mir Angst ... ich weiß nicht, was er da macht ... er ... er schnauft und stöhnt ... ich versteh' das nicht ... ich weiß nicht, was er da macht ... es macht mir Angst ... (Eva zittert heftig.)

Dann macht er das Licht aus und geht weg, und ich ... ich versteh' das nicht ... (Eva legt verständnislos die Handflächen an die Schläfen und rollt den Kopf unentwegt hin und her. Nach einer Weile beginnt sie, mit der rechten Hand mit den Schläfenhaaren zu spielen und dann immer fester daran zu ziehen. Nur ganz langsam wird sie ruhiger und schläft endlich ein. - Die folgende Szene spielt am nächsten Morgen: Eva hat immer noch die rechte Hand im Haar, sie blinzelt, kneift die Augen zusammen, reibt sich mit dem Handballen die Stirn.)

Ich wach' auf und weiß nicht ... ich weiß nicht, was da war. Irgendwie weiß ich nicht mehr, was da war ... irgendwas war da ... ich weiß nicht mehr, was. (Eva ist unruhig, sie macht verzweifelte Gesten mit den Händen, wälzt den Kopf hin und her, wirkt verwirrt und un-glücklich). Ich hab' Angst ... ich weiß nicht, hab' ich geträumt? Ich versteh' das nicht, ich versteh' das nicht! Ich hab' Angst ... ich weiß nicht, wovor, aber ich hab' Angst. Es war schon öfter sowas ... ich versteh das nicht ... das verwirrt mich so ... ich hab' so Angst ... (Eva beginnt zu weinen und zu schluchzen, immer heftiger. Als sie sich endlich wieder etwas beruhigt hat, beginnt sie von vorn:) Irgendwas geschieht da immer nachts, und ich versteh' alles nicht. Ich hab' das Gefühl, es ist irgendwie nicht mehr sicher. Ich weiß nicht ... (ganz verzweifelt) ich weiß nicht ... ich fühl' mich einfach nicht mehr sicher. Ich hab' Angst, und ich weiß nicht, warum und wovor. Das macht mir noch mehr Angst. Irgendwie bin ich nur noch verwirrt und hab' Angst. Irgendwie bleibt diese Angst ... ich hab' immer Angst ... das macht mich ganz verrückt! Ich bin total verwirrt!

Er tut's immer wieder ... irgendwann weiß ich, dass es kein Traum ist. Und die Angst bleibt einfach da ... Ich will nicht, dass jemand mich anfasst. Immer, wenn jemand mich anfasst ... wenn jemand in meine Nähe kommt, ist plötzlich diese Angst da, und ich weiß nicht, wovor ich Angst hab'! Ich bin am liebsten allein ... dann ist es noch am sichersten.

Ich möcht' so gern wissen, wovor ich Angst hab', ich versteh' das nicht ... alle machen mir Angst.

Es ist so komisch: Wenn ich allein bin, wünsch' ich mir, dass jemand kommt und mich ganz fest hält ... und wenn dann jemand da ist, hab' ich Angst (sie zittert) ... immer, wenn jemand mich in den Arm nimmt, hab' ich Angst ... und dann will ich lieber allein sein ... ich bin sehr viel allein (Eva wirkt jetzt sehr traurig. Nach einer Weile ballt sie die Fäuste und wird trotzig:) Ich brauche euch alle nicht ... ich brauche euch nicht ... ich brauche niemand!

Hier bereits beginnen Evas ständig wachsende Verunsicherung und Verwirrung durch suggestive Falschaussagen des Vaters (hier: »Du hast nur geträumt!«), die Evas Realitätsbewusstsein verletzen. Als sich die nächtlichen Besuche des Vaters wiederholen, wird ihr zwar klar, dass sie nicht träumt, aber sie kann nicht verstehen, was da geschieht. Dies erzeugt weitere Unsicherheit und eine diffuse, ungerichtete Angst, die sie ihrerseits wiederum ängstigt. So entsteht ein neurotischer Teufelskreis: die Angst vor der Angst.

Dazu kommt eine zunehmende Berührungsangst, die sich auf jegliche Berührung durch beliebige Personen ausdehnt. Nur wenn Eva allein ist, fühlt sie sich einigermaßen sicher. Daher beginnt sie die Einsamkeit zu suchen, was aber in Widerspruch steht zu ihrer Sehnsucht nach einem Menschen, der sie in den Arm nimmt, sie berührt, sie ganz fest hält. Sie kann diesen Widerspruch nur auflösen, indem sie ihr Bedürfnis nach menschlicher Nähe verleugnet und sich immer mehr einredet: »Ich brauche euch alle nicht, ich brauche niemand!«

Und dies alles geschieht bereits in Evas zweitem Lebensjahr.




Ein lustiges Spiel

Ich sitz' am Boden und spiel' mit irgendwas. (Eva lächelt glücklich, ganz in ihr Spiel vertieft. Dann lacht sie:) Ich hab' das Gefühl, dass mich das unheimlich beschäftigt, was ich da mach'. Ich glaub', irgendwas entdecke ich dabei; es fasziniert mich total. Ich nehme gar nicht mehr wahr, dass um mich herum irgend etwas ist. (»Kannst du schon laufen?« Eva schüttelt den Kopf.)

(Mit einem Mal verändert sich ihre Stimmung völlig: ihr Gesicht zeigt Erschrecken und Angst.) Plötzlich ist da mein Vater! Ich ... ich ... ich hab' Angst. Ich will, dass er weggeht. Er soll weggehn! Er hebt mich einfach hoch und drückt mich ganz fest an sich. (Eva sträubt sich, macht sich steif, windet sich.) Er sagt, ich soll lieb sein, und trägt mich ins Schlafzimmer. Er hat mich einfach so von meinem Spiel weggeholt! Ist einfach gekommen und hat mich ... (sie wird traurig und beginnt zu weinen). Jetzt zieht er mich aus und legt mich in sein Bett. »Wir machen jetzt ein lustiges Spiel.«

Ich hab' Angst. Er zieht sich aus und legt sich zu mir und streichelt mich (zwischen den Beinen). Er sagt, dass er mich lieb hat und dass ich keine Angst haben soll. Dass es nur ein Spiel ist und dass es nicht weh tut. Wenn er sagt, ich soll keine Angst haben, krieg' ich noch mehr Angst. Ich hab' das Gefühl, da stimmt was nicht; ich trau' ihm nicht. Er streichelt mich und sagt, ich soll ganz ruhig sein, er zeigt mir etwas ganz Schönes, es wird mir Spaß machen. Auf einmal ist er irgendwie über mir ... er kniet über mir, und dann (sie greift mit der linken Hand an den Mund) ... da ist was an meinem Mund ... er steckt mir etwas in den Mund ... (Zeichen von Panik und Atemnot), ich ... hab' Angst, ich hab' so Angst ... ich hab' das Gefühl zu ersticken. Ich krieg' keine Luft mehr! Es wird immer schlimmer! (Eva windet sich, macht hilflose Bewegungen mit den Armen und zeigt wachsende Atemnot. Auf einmal erstarrt sie und atmet kaum mehr.) Plötzlich ist alles weg ...

Ich soll mich beruhigen (sie ist ganz außer Atem und ringt nach Luft), es ist alles gut, alles gut, es ist gar nichts passiert, es ist alles wieder gut ... Ich bin so durcheinander, ich weiß irgendwie überhaupt nicht, was los ist ... was los war ... alles ist so weit weg ... Irgendwo ist eine Stimme, die sagt, dass ich mich beruhigen soll ... dass alles gut ist ... Er streichelt mich und dann ... dann ... (ihr Atem stockt, ein heftiger Schmerz durchzuckt sie). Er tut mir weh ... er tut mir so furchtbar weh ... ich darf nicht schreien, ich muss still sein ... (Eva windet sich vor Schmerzen und bedeckt den Mund mit dem rechten Handrücken, als ob sie den Schmerz verbeißen wolle.)Plötzlich ist wieder alles weg ...

Jetzt zieht er mich an (Eva ist noch ganz benommen) und legt mich in mein Bett. Ich soll schlafen und ... und ... und alles vergessen. Es ist gar nichts geschehen, wir haben nur ein bisschen gespielt. - Dann geht er weg. (Eva wird unruhig und beginnt, mit der linken Hand einen Büschel ihres Haares zu drehen. Dies macht sie stereotyp eine ganze Weile.) Ich bin so durcheinander. Ich ... ich ... ich versteh' das nicht. Ich versteh' das alles nicht ... (Verwirrt und unglücklich schüttelt sie langsam den Kopf und schläft schließlich ein. Nach einiger Zeit wird sie sehr unruhig und beginnt, sich heftig an den Haaren zu ziehen.) Ich will mir weh tun! Ich will mir weh tun! – Irgendwann ist da jemand und sagt, ich soll damit aufhören (sie schüttelt den Kopf, wehrt ab). Ich will nicht damit aufhören, ich will mir weh tun! Da wird meine Mutter böse. Ich soll endlich aufhören. Sie hält meine Hand fest, aber wenn sie sie loslässt, fang' ich wieder damit an. Sie schlägt mir auf die Hand; es tut mir weh. (Eva streichelt mit der rechten Hand die linke.) Jetzt nimmt sie mich aus dem Bett und setzt mich auf den Boden, genau dahin, wo ich vorhin gespielt habe ... Aber irgendwie ist alles ganz anders. Es ist nichts mehr wie am Anfang ... sie haben mir alles kaputt gemacht ... (sie weint und sieht sehr unglücklich aus). Alles ist mir so gleichgültig ...

(Nach einer Weile überkommt Eva eine merkwürdige, quälende Unruhe, wie sie oft das mühsame Auftauchen einer schmerzlichen Erinnerung begleitet. Plötzlich bricht es aus ihr hervor:) Ich habe mir in der nächsten Nacht die Haare ausgerissen ... Dann haben sie meine Hände festgebunden ... immer, wenn sie mich zum Schlafen gelegt haben, haben sie mir die Hände festgebunden. (Eva weint bitterlich)

Auch das folgende Protokoll findet sich in Evas zweitem Lebensjahr. Die Entwicklung ist rasch vorangeschritten: Eva ängstigt sich bereits beim Erscheinen des Vaters und misstraut seinen Beschwichtigungen. Sie spürt sehr deutlich, dass da »etwas nicht stimmt«. Bemerkenswert ist, wie klar und wie schmerzlich Eva den Eingriff in ihr Selbstbestimmungsrecht wahrnimmt: »Er hat mich einfach so von meinem Spiel weggeholt!«

Und das Geschehen eskaliert: Der Vater attackiert Eva nun am hellen Tag, während sie wach ist, und er begnügt sich nicht mehr mit Berührungen der Sexualorgane und exhibitionistischen Darstellungen. (Die Kriminalstatistik belegt übrigens, dass bei frühkindlichen Opfern der oralsexuelle Missbrauch die weitaus vorherrschende Form ist.)

In diesem Protokoll beginnen auch die Bagatellisierungen, Beschönigungen, ja »Anpreisungen«, die der Vater für seine Misshandlungen findet und die für Evas psychische Entwicklung so verhängnisvoll sein werden: Ein lustiges Spiel, etwas ganz Schönes, es wird dir Spaß machen ... Eva leitet später aus ihren so gegensätzlichen Empfindungen ab, dass sie selbst nicht »normal« sein muss.

Evas Verwirrung und Verständnislosigkeit angesichts des Erlebten sind so groß und anhaltend, dass sie sich Ablenkung verschaffen muss, indem sie sich selbst Schmerzen zufügt. Sie entdeckt für sich ein Jahrtausende altes Mittel der Menschen, sich von seelischer Pein abzulenken, die »zum Haare-Ausraufen« ist. (Ansätze dazu waren schon in früheren Protokollen erkennbar.)




Ohnmächtige Wut

Da ist mein Vater! (Eva lächelt glücklich.) Ich freu' mich, dass er da ist, und ich lauf' zu ihm hin. Ich hab' ihn lieb, und ich freu' mich. Er hebt mich hoch, und dann setzt er sich hin und nimmt mich auf den Schoß. (Plötzlich wird sie unruhig und sträubt sich.) Er streichelt mich ... er streichelt mich an den Beinen. Ich mag das nicht und will weg. Es tut nicht weh, aber ich mag das nicht. Es ist irgendwie anders als sonst. Ich weiß nicht, was da eigentlich geschieht, aber ich mag es nicht. Irgendwas ist da, was anders ist. (Eva scheint hilflos und verwirrt und leidet sichtlich darunter.) Ich versteh' das alles nicht! Ich mag das nicht und will weg, aber er hält mich einfach fest. »Sei still, ich hab' dich doch lieb! Das haben doch alle kleinen Mädchen gern.« (Dieser Satz löst bei Eva große Unruhe aus. Sie beginnt zu weinen. - »Was geschieht da in dir, wenn du diesen Satz hörst?«) Er verwirrt mich. Ich weiß ja auch nicht, warum ich es nicht mag. Ich weiß ... ich weiß eigentlich nicht, was daran so anders ist, aber ich spür' einfach, dass da was anders ist, ... dass ''er'' dann anders ist, und irgendwas daran macht mir Angst (sie zittert). - Er streichelt mich, und ich hab' das Gefühl, ich kann nichts dagegen tun. Irgendwie weiß ich schon, wenn er so ist, dann ... dann muss ich tun, was er will. Ich merk', dass ich ... dass ich wütend auf ihn werde (sie ballt beide Hände zu Fäusten und wippt mit der rechten wie ein Boxer), und dass ich ihn gern schlagen würde. Ja, ich möcht' nach ihm schlagen –- aber ich bin doch so klein! Er hält mich einfach fest und streichelt mich, und ich kann nichts tun. Ich bin wütend auf ihn und kann einfach nichts tun. (Eva ist voll ohnmächtiger Wut.)

Irgendwann lässt er mich los, und ich lauf' weg von ihm (sie zittert, kneift die Lippen zusammen, die Fäuste sind immer noch geballt, ihre Miene ist voll Zorn und Trotz). Ich möcht' ihm sagen: »Ich hab' dich nicht mehr lieb!«

Eva meint, dass sie gerade erst laufen gelernt hat.

An diesem Protokoll überrascht, dass Eva diesmal beim Erscheinen ihres Vaters Freude statt Angst zeigt. Aus früheren Protokollen weiß ich jedoch, dass Eva intuitiv sehr sicher spürt, in welcher »Laune« ihr Vater gerade ist und ob sie von ihm Böses zu erwarten hat. Und tatsächlich begnügt er sich diesmal mit bloßem »Streicheln«, das aber Eva schon unangenehm genug ist, weil sie merkt, dass es eben doch »anders« ist. Der infame Satz »das haben doch alle kleinen Mädchen gern« stürzt sie dann vollends in Verwirrung Auch spürt sie - wieder einmal - dass sie dem Vater hilflos ausgeliefert ist.

In der folgenden Zeit fühlt sich Eva immer wieder hin- und hergerissen zwischen der schier unausrottbaren Liebe zu ihrem Vater und der Angst vor ihm, zu der sich immer deutlicher Ansätze von Hass mischen. Immerhin ist der Vater der einzige in der Familie, der Eva so etwas wie Zuneigung entgegenbringt. Für die Mutter nämlich, deren Rolle in diesem Drama erst nach und nach deutlicher wird, ist Eva ein ungewolltes, ein »überflüssiges« Kind, das sie ablehnt, wenn nicht gar hasst. So wird verständlich, dass Eva - zu dieser Zeit noch - den Vater selbst kurz nach einer Misshandlung wieder freudig begrüßt, wenn sie nur spürt, dass sie jetzt nichts von ihm zu befürchten hat.




Dieses verdammte Kind! (3. Lebensjahr)

Ich höre, dass meine Eltern sich streiten. (Eva wird traurig und beginnt zu weinen.) Ich will nicht, dass sie streiten, ich mag das nicht. Ich steig' über das Gitter von meinem Bett und lauf' zur Tür hin. Ich will zu ihnen ... sie sollen aufhören ... sie sollen aufhören ... Da hör' ich meine Mutter: »Daran ist nur dieses verdammte Kind schuld. Ich habe es ja nie gewollt! Wenn es nach mir gegangen wäre, wär' es nie geboren worden. Wenn es nicht da wäre, wär' alles viel leichter.« Ich ... ich versteh' das alles nicht ... warum bin ich an allem schuld? Ich versteh' nicht, was ich getan hab' ... ich steh' einfach vor dieser Tür ... und muss ständig denken, dass ohne mich alles leichter wäre ... ich versteh' das nicht ... Und vielleicht muss ich fort ... vielleicht schicken sie mich fort (sie zittert und weint sehr). Ich steh' einfach da, an der Tür, ich steh' einfach da ... und auf einmal geht die Tür auf, und da ist mein Vater, und er schreit mich an, was ich hier will. Ich soll verschwinden und sofort wieder in mein Bett gehen. Irgendwie steh' ich nur da und schau ihn an ... ich kann einfach nicht weg ... Er kommt mir so furchtbar groß vor, und ich spür', dass er wütend ist. Da schlägt er mich einfach ... er schlägt mich ins Gesicht, und ich fall' hin ... (fasst sich mit der rechten Hand an die Schläfe). Es tut mir weh, und ich weine. Ich soll ... ich soll ruhig sein und mit dem Geplärre aufhören, ich geh' ihm auf die Nerven. Ich kann aber nicht aufhören (weint heftig), es tut mir so weh. Dann hebt er mich hoch (sie wehrt sich energisch dagegen), er soll mich loslassen ... und trägt mich irgendwo hin. Es ist ein enger Raum, und es ist dunkel. Wenn ich mich beruhigt hab' und ... und ... (mit Widerwillen) und ihn lieb darum bitte, dann lässt er mich wieder raus. (Da presst sie die Lippen zusammen und schüttelt heftig den Kopf.) Ich bin trotzig und wütend ... Er sperrt die Tür ab. Ich will raus hier, verdammt, ich will raus hier! Ich schlag' gegen die Tür, er soll mich rauslassen! – Irgendwann kann ich einfach nicht mehr. Ich werd' müde und setz' mich in eine Ecke. Es ist so furchtbar kalt hier ... (» Was hast du an ?«) Ein Nachthemd. (Sie verschränkt die Arme über der Brust und zieht sich frierend zusammen. Schließlich schläft sie ein.)

Dieses Protokoll gibt uns einen ersten Einblick in die »heile Familie«, in der Eva aufwächst. Wir erfahren nicht, worum es bei dem Streit geht, sondern lediglich, dass das verdammte Kind an allem schuld ist. Aus einem unerkennbaren Grund - vielleicht hat sie es früher schon einmal gehört? - kommt Eva auf den Gedanken, sie könne weggeschickt werden; auch dies ein Schreckgespenst, das - vom Vater weidlich genutzt - Eva ein Jahrzehnt lang peinigen wird. Der Vater zeigt sich als unbeherrschter, jähzorniger Mensch, der seine Wut (über die Schlappe vermutlich, die er bei dem Streit einstecken musste) an der so unschuldigen wie hilflosen, noch nicht einmal drei Jahre alten Eva auslässt.




Liebhaben (4. Lebensjahr)

Ich stehe in meinem Gitterbett. Es ist Tag, und die Vorhänge sind zugezogen. Es ist langweilig, und ich möchte raus hier. Ich warte darauf, dass jemand mich holt, aber ich habe Angst, nach meinen Eltern zu rufen. Ich habe Angst, ich störe sie.

Eigentlich habe ich auch gar keine Hoffnung, dass mich jemand holt, ich stehe nur so da, und es ist langweilig.

Plötzlich kommt mein Vater. Sie haben mich also doch nicht vergessen! Ich freue mich, weil ich denke, dass er mich herausholt (Eva lächelt glücklich). Er nimmt mich aber nicht aus dem Bett. »Leg dich wieder hin!« Er nimmt mich unter den Armen, hebt mich etwas hoch und legt mich hin. Ich will wieder aufstehen, da hält er mich fest, und ich kann nicht weg. Ich mag das gar nicht, wenn er mich festhält. Mit einer Hand hält er mich fest, und die andere ist zwischen meinen Beinen. Jetzt lässt er das Gitter an der Seite von meinem Bett herunter und kniet neben meinem Bett. Ich will das nicht, wenn er mich so anfasst. Er sagt: »Sei still! Wir zwei müssen uns doch lieb haben, wir haben doch sonst niemanden. Uns hat doch sonst keiner lieb!« Was er sagt, verwirrt mich so. Ich hab ihn ja lieb, aber er soll mich nicht so anfassen. Es stimmt ja alles, was er sagt, aber ich mag nicht, wenn er mich so anfasst. Und das bringt mich so durcheinander. Ich meine immer, ich müsste es dann auch mögen. Es ist so verwirrend, weil ... ich hab das Gefühl, irgendwas stimmt daran, und irgendwas stimmt nicht. Es hat mich ja sonst keiner lieb, aber ich mag nicht, wenn er mich so anfasst.

Dann geht er wieder weg. Er sagt, ich soll schlafen, und geht weg. Ich bin traurig und fühl' mich sehr allein und verwirrt. Ich versteh' das alles nicht.

Später kommt meine Mutter. Sie sagt kein Wort. Sie redet überhaupt nicht viel mit mir. Sie holt mich und zieht mich an - ganz routinemäßig. Komisch, ich hab' das Gefühl, sie ist so ganz weit weg. Sie geht mit mir um wie mit einem Gegenstand (Eva wirkt sehr traurig). Sagt kein einziges Wort. Sie ist ganz weit weg.

Hier haben wir ein Protokoll, in dem auf den ersten Blick nichts Traumatisches geschieht: Eva wird kein Schmerz zugefügt und keine seelische Verletzung. Und doch geschieht hier etwas so Schwerwiegendes, dass es wiedererlebt wird: es ist die Tatsache, dass der Vater eine für Eva unangenehme und abstoßende Handlung mit einer sachlich richtigen, emotional angenehmen verbalen Botschaft verbindet. Dies verwirrt Eva, bringt sie durcheinander, stört ihre Orientierung in der Realität, untergräbt ihr Vertrauen in die Menschen, in die Verlässlichkeit und die Verstehbarkeit der Welt.




Ein braunes Pferdchen aus Porzellan

Ich lieg' in meinem Bett ... ich hab' schon geschlafen ... ich hör' meinen Vater... er schimpft, und ich weiß, es geht um mich.

Ich hätte es nicht anfassen dürfen ... ich wollt' es doch nur mal anschaun ... (»Was ist ,es'?«) ... Es war ein braunes Pferdchen aus Porzellan ... es war auf dem Schrank gestanden ... ich bin auf den Stuhl gestiegen ... da ist es runtergefallen. (Eva erstarrt noch in der Erinnerung vor Schreck, sie atmet flach und schnell, wie in Panik.) Meine Mutter ... meine Mutter ist gekommen ... sie hat gar nicht richtig geschimpft ... sie hat mich vom Stuhl runtergeholt und gesagt, ich soll mich beruhigen, sie bringt es schon in Ordnung.

Er schimpft und ist böse ... Meine Mutter ... sie versucht ihn zu beruhigen ... er soll mich schlafen lassen, sie will morgen früh mit mir reden. - Jetzt kommt er in mein Zimmer und schimpft mit mir ... was ich wieder angestellt hab' ... ich wollt' es doch nur anschauen ... ich wollt' es nicht kaputt machen ... »Was soll ich denn jetzt mit dir machen?« Er geht ... und kommt mit dem Stöckchen zurück ... jetzt weiß ich, was er will ... er muss mich bestrafen. Ich muss aufstehen ... er steht da, so groß, so groß ... »Du warst böse!« Ich weiß schon, was ich jetzt tun muss: Ich muss ihm meine Hände hinhalten ... (sie hält beide Hände mit den Handflächen nach oben vor sich hin), und dann schlägt er mich (Eva zuckt vor Schmerzen zusammen und beißt sich auf die Lippen, sie will die Hände zurückziehen und streckt sie ihm doch wieder hin). Er schlägt mich ... au, au ... ich darf die Hände nicht wegziehen. (» Was geschieht sonst?«) Dann wird er böse ... dann bekomm' ich eine Ohrfeige und dann geht es wieder von vorne los ... immer wieder ... bis ich sie nicht mehr wegzieh' ... ich hab's gelernt, ich weiß, ich darf sie nicht wegziehn, auch wenn's noch so weh tut ... (Eva hält ihm tapfer die Hände hin und wendet nur das Gesicht ab. Ich zähle insgesamt neun Schläge.) Er fragt, ob ich brav sein will (Eva nickt heftig), ob ich in Zukunft nichts mehr anfassen will (sie schüttelt mehrmals den Kopf). »Ich fass' nichts mehr an, ich fass' nichts mehr an!« (Jetzt zieht sie langsam die Hände zurück und hält sie mit gekrümmten Fingern vor der Brust.) Dann darf ich mich wieder ins Bett legen. Ich nehm' meinen Teddy in den Arm ... da ... da nimmt er ihn mir weg ... »Nein, nein, ich brauch' ihn doch!« - »Den brauchst du nicht, der ist nur für brave Kinder da!« Dann geht er und nimmt meinen Teddy mit ... Ich brauch' ihn doch ... was macht er denn mit ihm? (Eva weint bitterlich.)

Ich kann nicht einschlafen, ich fühl' mich so allein, ich kann einfach nicht einschlafen ... (längere Zeit wälzt sie sich unruhig im Bett hin und her). Ich hör', wie meine Eltern schlafen gehen ... ich kann nicht einschlafen ... Irgendwann bekomm' ich Angst ... ich weiß gar nicht wovor ... ich hab' einfach Angst ... (Eva atmet flach und schnell) ich weiß nicht, was ich machen soll ... da fällt mir meine Mutter ein, vielleicht darf ich bei ihr schlafen? Aber ich weiß, sie mag es nicht ... ich darf nachts nicht aufstehen ... Die Angst wird immer größer. (Eva verkrallt die Hände ins Kopfkissen, setzt sich immer wieder auf, legt sich wieder hin.) »Mama, Mama!« (leise und zaghaft) Ich will zu meiner Mama ... ich darf nicht ... ich muss im Bett bleiben ... sie schimpfen, wenn ich nachts aufsteh' ... aber ich hab' doch so Angst ... ich halt' es nicht mehr aus. Ich steh' auf ... ganz leise, ganz leise geh' ich ins Schlafzimmer ... sie schläft (Eva wird sehr traurig) ... ich hab' gehofft, sie ist wach. Ich trau' mich nicht, sie zu wecken ... vielleicht wacht sie doch auf ... ich steh' da ganz lange ... sie wacht nicht auf ... es ist so kalt im Zimmer, so kalt (kreuzt die Arme über der Brust, zittert) ... sie wacht nicht auf ... sie wacht einfach nicht auf ... (Auf meine Frage, ob sie denn nicht einfach zu ihrer Mutter ins Bett schlüpfen kann, schüttelt sie heftig und voller Angst den Kopf.) Mir ist ganz kalt ... ich bin so müde ... ich setz' mich auf den Boden ... neben das Bett. (Dort schläft sie schließlich ein. Nach einiger Zeit erwacht sie zitternd.) Plötzlich steht er da ... er ... er fragt, was ich hier mach' ... ich weiß es nicht ... warum ich nicht in meinem Bett bin ... ich weiß es nicht ... ich weiß überhaupt nicht, wo ich bin ... er hebt mich hoch und schlägt mich (Zeichen von Schmerz). Dann bringt er mich in mein Bett. Es ist so kalt. Ich will nicht hier bleiben, ich will wieder aufstehen (Eva wehrt sich heftig, wird immer unruhiger, dann panisch). Ich hab' Angst davor, dass ich wieder so Angst bekomme ... Er hält mich fest und ... »Du bleibst liegen!« Ich will aufstehen (versucht den Kopf und den Oberkörper zu heben), ich will aufstehen ... er schreit mich an, ich soll endlich Ruhe geben. Ich will aber ... Er wird wütend und schreit, dass es ihm jetzt reicht, und zerrt mich aus dem Bett und legt mich übers Knie und ... (er schlägt sie). Dann wirft er mich ins Bett zurück: »Du rührst dich nicht mehr, verstanden!« Ich bin so erschrocken ... es ging alles so schnell. (Eva liegt jetzt völlig reglos da.) Ich kann nicht einschlafen ... es ist kalt ... es wird schon hell ... (Schließlich schläft sie doch ein. Erst gegen Abend wird sie wieder wach.) Ich bin so müde ... es ist so komisch, ich kann nicht richtig wach werden ... ich versuch' es immer wieder ... ich bin so müde, und es ist so kalt (plötzlich wird sie unruhig). Ich muss aufstehen... ich muss ihn suchen. (» Wen?«) Meinen Teddy! Er ist weggelaufen ... weil ich böse bin ... es ist so schwer, aufzustehen ... so anstrengend ... ich muss ihn suchen ... es ist alles so komisch... es ist alles so weit weg... (sie spricht sehr stockend und mühsam) ...ich muss aufstehen ... ich muss ihn doch suchen! ... Ich steh' an der Treppe, ich will da runter auf die Straße, ich muss ihn doch suchen ... es ist schon dunkel draußen ... die Treppe ist so tief und so steil ... ich weiß nicht, wie ich da runter komme ... einfach fallen lassen? ... Ich muss da runter! ... Auf einmal hör' ich meinen Vater ... er ruft mich, ich soll stehen bleiben ... er schreit, ich soll stehen bleiben. Dann ist er bei mir und packt mich und hält mich fest (Eva wehrt sich). Ich muss ihn doch suchen ...

(Eva muss mehrere Tage ohne ihren Teddy auskommen. Dann, als die Mutter einmal nicht zu Hause ist, fragt der Vater sie:) »Willst du deinen Teddy wiederhaben?« (Eva ist freudig überrascht und nickt eifrig.) - Ich dachte schon, ich krieg' ihn überhaupt nicht wieder. - »Dann musst du vorher ganz lieb zu mir sein. Du musst ihn dir erst verdienen!« Er geht mit mir ins Schlafzimmer. Er zieht mich aus und sagt, ich soll mich ins Bett legen. Dann zieht er sich aus und legt sich zu mir und fängt an, mich zu streicheln. Ich mag das nicht, ich mag das nicht, wenn er mich so streichelt (voller Widerwillen), aber ich wehr' mich nicht und halt' ganz still. Ich will ja meinen Teddy wieder haben ... ich muss ihn mir verdienen ... Jetzt drückt er mich ganz fest an sich ... er hält mich ganz fest ... er ist so komisch ... ich versteh das nicht (Eva wird immer unruhiger) ... was macht er da? ... Er ... er steckt was zwischen meine Beine! Ich hab' so Angst ... ich versteh' das alles nicht (panisch) ... ich hab' so Angst, dass er mir weh tut ... er stöhnt und ist so komisch ... was macht er denn da? Ich versteh' das nicht! ...

»Hör auf zu weinen! Es ist nicht schlimm, es ist doch gar nichts passiert! Es war so schön für mich.« (Eva schaut fassungslos drein.) Ich mach' das nur, weil ich dich so lieb hab'. Wenn du mich auch lieb hast, lässt du mich das immer wieder mal machen.« ... Nein, nein! Nicht wieder, nicht wieder! ... (Eva ist voller Angst und Verzweiflung.) »Wenn du größer bist, dann zeig' ich dir, wie man sich richtig lieb hat.« Ich krieg' so Angst! »Du darfst aber der Mama nichts sagen, die wird sonst böse.«

Dann gibt er mir meinen Teddy wieder (Eva nimmt ihn in den Arm, drückt ihn an sich, lächelt glücklich.) Ich bin so froh, dass ich ihn wiederhab'. (Aber gleich darauf schaut sie wieder sehr ernst und ängstlich.) Wenn ... wenn er ihn mir wieder wegnimmt, muss ich wieder mit ihm ins Bett kommen ... Ich darf meinen Teddy nicht mehr so lieb haben. - Ich will gar nichts mehr lieb haben ... nichts mehr lieb haben. Ich hab' Angst davor, irgendwas lieb zu haben ... Es tut immer nur weh, irgendwie tut es immer weh ...

Evas Satz »Er muss mich bestrafen« lässt hier erst nur vermuten, was sich später immer wieder bestätigt: Der Vater rechtfertigt seine grausamen Strafaktionen vor Eva (und vielleicht auch vor sich selbst) damit, dass er gleichsam einem höheren Gesetz gehorcht. Und die dreieinhalbjährige Eva hat dieses »Gesetz« bereits verinnerlicht.

In diesem Protokoll zeigen sich erstmals deutlich sadistische Züge des Vaters: Das Austeilen einer vorher festgesetzten Ration von Schlägen beginnt immer wieder von vorn, wenn Eva dabei die Hände wegzieht. Auch das Wegnehmen des heiß geliebten, geradezu lebensnotwendigen Trösters, des Teddys, ist sadistisch.

Erstaunlich ist, dass Eva bereits gelernt hat, dass Liebhaben erpressbar machen und Schmerzen nach sich ziehen kann, was natürlich ihre Einstellung »Ich brauche niemanden« noch bekräftigt.




Wie ein Tier (5. Lebensjahr)

Ich liege in meinem Bett. Ich hab' schon geschlafen und bin aufgewacht. Es ist nicht ganz dunkel ... an meinem Bett ist eine kleine Lampe, die brennt immer nachts. Ich hab' Angst, wenn alles dunkel ist.

Da ist plötzlich mein Vater, und ... ich hab' Angst vor ihm. Er zieht mir mein Nachthemd aus. Er sitzt auf meinem Bett und fasst mich an ... er streichelt mich. Ich fühl' mich so hilflos ... ich möcht' am liebsten weglaufen und mich verstecken, aber ich kann es nicht, ich kann gar nichts tun (Eva macht sich plötzlich ganz steif, presst die Lippen zusammen und ballt die Fäuste) ... ich will nichts spüren ... ich will einfach nichts spüren. Ich hab' furchtbar Angst davor, den Schmerz zu spüren. Ich tu' mir selbst weh, um es nicht zu spüren »Stell dich nicht so an, es ist ja noch gar nichts passiert!« (Plötzlich krampft Eva sich vor Schmerz zusammen und stöhnt.) Er tut mir weh, er tut mir so weh! »Sei still und lieg ruhig!« Ich probier' es ... ich geb' mir ja alle Mühe, ruhig zu sein, aber es tut so weh! (Sie beißt sich auf die Lippen und drückt sich die Fingernägel tief in die Handflächen, ihr Gesicht ist von Schmerz verzerrt und sie wimmert leise. Nach einiger Zeit wird sie ruhiger und entspannt sich ein wenig.) Ich spür', dass ich wütend bin ... ich bin so wütend auf ihn (sie krümmt ihre Finger wie Krallen, ihre Hände vibrieren) ... ich möchte ihm weh tun, ich möchte ihm auch einmal weh tun! (Ihr Gesichtsausdruck verändert sich langsam, er wirkt jetzt traurig und mutlos.) Aber ich trau' mich nicht ... ich bin ja so klein und kann nichts gegen ihn tun ... ich kann gar nichts tun ... Plötzlich kommt mir der Gedanke: Komisch, heute geht er gar nicht weg ... er ... er geht nicht weg (sie ist auf einmal wieder voller Angst) ... was will er denn bloß? Er soll doch endlich weggehen! Er steht an meinem Bett und zieht seine Hose aus (sie hat plötzlich panische Angst, in ihrem Gesicht steht das blanke Entsetzen, und sie zerrt sich mit beiden Händen an den Haaren) ... ich weiß nicht, irgendwas macht mir furchtbar Angst, ich weiß nicht, was es ist ... er hat etwas zwischen den Beinen ... es ist so groß ... ich weiß nicht, was er will ... ich versteh' das alles nicht ... was hat er denn vor ... ich versteh' das nicht! Er kniet sich über mich ... er hebt meinen Kopf hoch und ... und steckt mir etwas in den Mund. (Eva hebt wie

unter Zwang den Kopf hoch, öffnet den Mund, würgt, bäumt sich auf, ringt nach Luft, verkrallt die Hände in den Haaren.) Er ist wie ein Tier ... er schnauft und stöhnt ... Ich hab' das Gefühl, ich halt' das nicht mehr aus, es ist so furchtbar, ich halt' das einfach nicht mehr aus ... ich weiß nicht ... auf einmal spür' ich überhaupt nichts mehr ... es ist alles ganz weit weg ... (Eva erstarrt plötzlich mit immer noch erhobenem Kopf und ist minutenlang nicht ansprechbar.)

Er redet auf mich ein ... ich versteh' ihn gar nicht ... ich bekomm' das gar nicht mit, was er sagt ... er packt mich an den Armen ... ich spür' irgendwie, dass er mich so ganz fest packt ... ich denk' mir, das müsste doch weh tun, aber ich spür' überhaupt nichts ... er schüttelt mich ... »Reiß dich zusammen und hör mir zu! So hör mir doch endlich zu!« Ich will ihm nicht zuhören ... er schüttelt mich ... ich will ihn doch nicht hören! Ich versteh' noch, dass ich niemandem davon erzählen darf, sonst ... (wird sehr unruhig) sonst sperrt ... sonst sperrt er mich in den Keller (Eva wird von Entsetzen geschüttelt). Davor hab' ich schreckliche Angst. »Nein, nein, nicht, nicht!«

Dann geht er weg und macht das Licht aus. Ich setz' mich in die Ecke von meinem Bett und mach' mich ganz klein ... ich bin überhaupt nicht mehr da ... irgendwann schlaf' ich ein ... (Es ist offenbar ein sehr unruhiger Schlaf: Eva wälzt den Kopf hin und her, sie atmet schwer und ungleichmäßig, stöhnt immer wieder auf.)

Ich wach' auf. Es ist komisch ... es ist, als wär' ich überhaupt nicht richtig wach, nicht richtig da ... in mir ist alles wie tot. Da ist meine Mutter und auch meine Brüder ... ich weiß nicht, es ist so komisch ... ich hör' sie, und ich seh' sie, aber trotzdem ... ich ... ich bin da und bin gleichzeitig nicht da ... als wär' ich an allem nicht beteiligt ... Ich hab' das Gefühl, der ganze Tag ist wie ein Traum, ich bin wach, aber ich bin doch nicht da, ich weiß nicht ... Irgendwann schimpft meine Mutter mit mir. Ich hör' sie nicht ... ich weiß nur, dass sie mit mir schimpft, aber es kommt gar nicht richtig bei mir an. Sie schickt mich in mein Zimmer ... irgendwie bin ich ihr im Weg ...

Irgendwann schickt sie mich ins Bett. Und da ... es ist auf einmal, als würd' ich langsam aufwachen ... und da hab' ich plötzlich Angst. Ich weiß gar nicht, wovor ... ich spür' nur, dass ich Angst hab'. (»Kannst du dich daran erinnern, was heute Nacht geschehen ist?« - Sie schüttelt langsam den Kopf.) Ich spür' nur, dass ich Angst hab'. Diese Angst bleibt ... bleibt lange ...

In der - vermeintlichen - Endphase der Arbeit an diesem Geschehnis trat eine merkwürdige Veränderung ein, wie ich sie bisher noch nie beobachtet hatte: Während alle anderen Einzelheiten sich aufzulösen begannen und die gewohnten Veränderungen durchliefen, wurde Eva beim Durchleben des nächtlichen Schlafs immer unruhiger. Ihr Gesichtsausdruck und ihre Bewegungen spiegelten wachsende Angst und schließlich Panik wider. Immer wieder riss sie plötzlich die Augen auf, setzte sich auf, wollte »aussteigen«, wurde hin- und hergerissen zwischen entsetzlicher Angst vor dem, was da - offenbar in einem Alptraum - geschah, und dem Wunsch, es zu durchleben und aufzulösen. Wieder einmal bewunderte ich ihren Mut und ihre Tapferkeit. Welch ungeheure Lebenskraft musste in ihr stecken und welch unbändiger Wille, sich von der Last ihrer Vergangenheit zu befreien. Wie viele Beweise dafür hatte sie mir bis zu dieser Zeit schon gegeben, und doch stand ich wieder ehrfürchtig staunend davor. Doch: Wie hätte sie ohne diesen Mut und diese Lebenskraft auch ihre Kindheit überleben können?

Es dauerte mehrere Stunden, bis alle Schrecken des Alptraums, den Evas Organismus offensichtlich wie ein reales Geschehen aufgezeichnet hatte, hervortraten und schließlich aufgelöst werden konnten.




Exkurs: Der Alptraum

Da ... da ist eine Tür, und dahinter ist es ganz dunkel. Ich will nicht ... ich will nicht durch diese Tür, nein, nein, ich will nicht da durch! Aber da ist eine Hand in meinem Rücken ... so groß und stark ... die schiebt mich ... nein, nein, ... ich will da nicht durch! Nein, nein! ... Sie schiebt mich einfach durch die Tür ... Es ist alles um mich ganz dunkel, so furchtbar dunkel ... ich kann überhaupt nichts sehen, es ist alles schwarz und ganz still ... Ich trau mich nicht, mich zu bewegen ... ich hab' Angst weiterzugehen ... ich hab' so Angst! Irgendwie hab' ich Angst, wenn ich weitergeh', dass ich da abstürze ... ich weiß nicht, was da kommt, wenn ich weitergeh' ... ich steh' einfach da und trau mich nicht, mich zu bewegen ... Und dann ... dann ... dann tauchen plötzlich aus der Dunkelheit so ... es sind Schlangen und ... Schlangen und Messer ... sie kommen ... sie tauchen einfach so aus der Dunkelheit auf und kommen ... kommen ... sie kommen auf mich zu ... es werden immer mehr und mehr. Sie kommen immer näher und näher ... sie wollen ... sie wollen in meinen Mund ... und ich kann mich nicht dagegen wehren, ich kann einfach nichts tun. Ich hab' meinen Mund ganz weit offen, und ich ... ich kann ihn nicht zumachen ... und sie kommen immer näher ... sie werden in mich hineinkriechen ... sie kommen ... ich will schreien, ich will schreien ... es geht nicht ...

Und da wach' ich auf ... ich merk', dass ich in meinem Bett lieg' ... es ist ganz dunkel, und ich hab' so Angst (Eva zittert und weint) ... ich trau' mich auch nicht, das Licht anzumachen ... warum kommt denn niemand, warum kommt denn niemand? Ich hab' so Angst und wünsch' mir so sehr, dass jemand kommt ... dass jemand kommt und mich beschützt ... ich weiß, dass niemand kommt ... da ist niemand ... es gibt niemanden (sie weint herzzerreißend und beginnt, sich an den Haaren zu reißen) ... ich tu' mir weh ... das lenkt ab und beruhigt mich irgendwie ... ich tu' mir weh', und dann spür' ich nichts mehr anderes ... (auf einmal wird ihr Gesicht trotzig, sie beißt die Lippen zusammen und gräbt sich die Fingernägel tief in die Handflächen) ... ich brauch' niemand, ich brauch' niemand (sie wiederholt dies mehrfach, redet es sich förmlich ein) ... es tut so weh. .. .wenn ich mir nicht weh tu', dann spür' ich, dass ich doch jemand brauch' (sie steigert noch ihre Anstrengungen, sich weh zu tun). Ich bin so allein ... ich komm' mir so richtig eingeschlossen vor in der Dunkelheit und ... und hab' das Gefühl, da komm' ich nie mehr raus ... da komm' ich nie mehr raus ...

Eva geht zu dieser Zeit noch nicht in den Kindergarten; sie ist demnach höchstens viereinhalb Jahre alt.




Im Badezimmer

Mein Vater badet mich, und es ist lustig. (Eva ist fröhlich und lacht.) »Jetzt will ich aber auch ein bisschen Spaß haben!« Ich weiß genau, dass dann immer irgend etwas ist, was ich nicht will, was ich nicht mag. Es bedeutet nichts Gutes, und es ist so, als käme jetzt die Strafe dafür, dass ich Spaß gehabt habe. Jetzt muss ich dafür bezahlen.

Dann macht er seine Hose auf, und ich denke, ich muss es wieder anschauen. »Fass ihn mal an! Sei lieb zu ihm und streichel ihn mal!« - »Nein, ich will nicht, nein, nein!« Er schlägt mich ins Gesicht. »Du sollst nicht immer nein sagen! Fass ihn an!« Er ist wütend, und ich hab' Angst. Er nimmt meine Hand und zeigt mir, was ich tun soll. »Nimm beide Hände!« - »Ja, so ist es gut, so bist du lieb. Du hast mich doch lieb?« Diese Frage verwirrt mich so. Ich hab' ihn ja lieb, aber ich mag es nicht tun. Am schlimmsten ist, dass ich etwas tun muss, was ich absolut nicht will, und es verwirrt mich so, weil ... ich hab' ihn ja lieb, aber ich mag das nicht tun. Ich will das absolut nicht. Aber wenn ich ihn lieb hab', muss ich es tun, und ich will es nicht. Und ich finde es so eklig. - Seine Frage ,Du hast mich doch lieb?' verwirrt mich so. Es ist, als ob ,lieb haben' zwei verschiedene Bedeutungen hat.

Er stöhnt und hält meine Hand. »Mach's fester!« Und er stöhnt immer lauter und dann ... es ist so eklig. Meine Hände sind so eklig (Eva spreizt die Finger, ihre Miene ist voller Abscheu). - Er wäscht mir die Hände ab und sagt: »So schlimm war's doch gar nicht! Beim nächsten Mal stellst du dich nicht mehr so an! Und du weißt doch, du darfst es niemandem erzählen!« Ich lauf' zu meiner Mutter, und ich bin so verwirrt und hab' Angst. Ich brauche ihre Hilfe, und ich darf ihr doch nichts erzählen. Ich brauch' sie, sie muss mich irgendwie beschützen, aber ich darf ihr doch nichts sagen. Ich bin so verwirrt! Ich lauf' ihr irgendwie nach, dass sie mir hilft. »Was willst du denn?« Ich darf doch nichts sagen! »Geh mir aus dem Weg, du störst hier. Geh zu deinem Vater.« Sie schickt mich einfach wieder zu ihm! Ich fühl' mich so furchtbar alleingelassen und hoffnungslos. (Eva beginnt zu weinen.)

Eva kann noch heute keine Hautcreme, Sonnenmilch und ähnliches auf den Händen vertragen.

Auch in anderen Protokollen aus dieser Zeit - Evas fünftem Lebensjahr - spricht sie häufig davon, dass sie sich von ihrer Mutter im Stich gelassen fühlt. »Warum hilft sie mir denn nicht? Warum beschützt sie mich nicht?« so fragt Eva immer wieder. »Irgendwie hab' ich das Gefühl, sie müsste es doch wissen. Ich komm' gar nicht auf die Idee, dass sie es nicht weiß.« Diese Aussagen sind freilich kein stichhaltiger Beweis für die Mitwisserschaft der Mutter, sollten aber in Anbetracht der sonst so sicheren Intuition Evas auch nicht leichthin abgetan werden.

Wenig später wird Eva ernstlich krank. »Da ist eine Zeit, die ich wie einen einzigen langen Augenblick erlebe: Ich bin in meinem Bett und darf nicht aufstehen. Ich bin traurig und sehr müde und wein' dauernd. Eine Ärztin kommt zu mir, sonst bin ich fast immer allein. Ich bin wohl längere Zeit krank. Sie sagen, ich darf nicht dauernd weinen.«

Diese Krankheit ist die erste uns bekannte starke somatische Reaktion Evas auf ihre Erlebnisse und wohl auch ein verzweifelter - freilich vergeblicher - Appell an die Mutter, ihr doch endlich zu helfen.




An der Treppe (6. Lebensjahr)

Ich sitze mit meinem Vater im Auto. Er hat mich vom Kindergarten abgeholt. Als ich merke, dass er nicht nach Hause fährt, weiß ich schon, was geschieht. Wir halten an einem einsamen Ort. Ich kenne die Stelle. Ich bin nicht das erste Mal mit ihm da und weiß ganz genau, was jetzt kommt. Trotzdem erschreckt es mich, als er sagt: »Jetzt sei schön lieb zu mir.« Dieser Satz macht mir erst richtig Angst. »Nein, nein, ich will nicht!« Das stört ihn überhaupt nicht. Jetzt macht er seine Hose auf. »Ich sag' alles der Mama!« Da wird er wütend. Er zerrt mich aus dem Auto. »Dir werd' ich helfen!« Den Satz kenne ich. Er bedeutet immer Angst und Schmerzen. Ich warte darauf, dass er mich schlägt.

Er zerrt mich an eine lange, breite Treppe. Ich kann mich nirgends festhalten. Er steht hinter mir und hält mich so, dass ich hinunterfalle, wenn er mich loslässt. »Schau runter, schau es dir genau an!« Ich hab' Angst und mach' die Augen zu und dreh' den Kopf weg. Wenn ich es nicht sehe, ist es für mich nicht da. »Mach die Augen auf und schau runter!« Er dreht mir den Kopf nach vorn, und es tut mir im Nacken weh. »Mach die Augen auf und schau runter!« Er tut mir so weh, und ich mach' die Augen auf und schau' runter und hab' schreckliche Angst. »Wenn du nicht lieb zu mir bist, lass' ich dich fallen!« Ich habe solche Angst! Ich würde ihm alles versprechen. »Ich will ... ich will ganz lieb sein! Ich will immer ganz lieb sein, bitte, bitte ...« - Dann stehe ich wieder sicher, und er lässt mich los. Wir gehen zurück zum Auto und steigen ein. »Jetzt wirst du schön lieb zu mir sein!«, und er macht wieder die Hose auf. Ich will es nicht, es ist so ekelhaft. »Ich will nicht!« - »Denk an die Treppe und sei lieb!« (Eva zittert am ganzen Leib.) Es ist so ekelhaft, aber ich hab' solche Angst. Ich fasse ihn an und streichle ihn. Er hält meine Hand fest, dass ich sie nicht zurückziehen kann. Er stöhnt und sagt: »So ist es gut, so bist du lieb!« Dieser Satz ist ganz schrecklich für mich. Ich will doch ein liebes Kind sein, aber doch nicht so, nicht so ... Er stöhnt wieder und sagt: »Mach weiter!« Er stöhnt - und dann ist es vorbei. Es ist so eklig! Meine Hand ist so schmutzig. Er hat ein großes weißes Taschentuch, damit wischt er meine Hand ab. Aber die Hand ist nicht sauber und fühlt sich immer noch so eklig an ...

Wir fahren nach Hause. Unterwegs sagt er: »Du sagst kein Wort, sonst fahren wir zurück zur Treppe, hörst du?«

Als wir ausgestiegen sind, zupft er an meinen Kleidern herum und bringt sie in Ordnung. Dann gehen wir ins Haus. Da ist meine Mutter und meine zwei Brüder. Ich bin bei ihnen, aber sie sind so weit weg. Ich kann sie einfach nicht erreichen. Sie sind da, aber ich bin allein ... ich bin doch immer allein. - Ich nehme seinen Satz ganz wörtlich und sage kein einziges Wort. Ich stehe da und sage nichts.

Ich fühl' mich so allein und so hoffnungslos ... und so hilflos. Ich will diese Hilflosigkeit nicht spüren. (Sie kratzt sich. Wenn Eva ein unangenehmes Gefühl nicht spüren will, kratzt sie sich mit den Fingernägeln am linken Unterarm, der manchmal ganz blutig ist.) Ich habe das Gefühl, einen Ausweg zu suchen und keinen zu finden - zu suchen und zu suchen. Ich find' einfach nichts. Ich werd' verrückt, ich werd' verrückt! Ich halt' das nimmer aus, aber ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich halt' das nimmer aus, aber es gibt irgendwie keinen Ausweg. (Langsam beruhigt sie sich, nach einer Weile beginnt sie zu lächeln, ein stilles, glückliches Lächeln.) Es gibt einen Ausweg, es gibt einen Ausweg: Einfach tot sein. Wenn ich tot bin, hab' ich endlich meine Ruhe, dann kann er mir nichts mehr tun.

Eva ist zu dieser Zeit fünf Jahre alt.

Der hier noch recht unauffällige Satz »Es tut mir im Nacken weh« wird uns immer wieder begegnen und sich später als sehr bedeutungsvoll erweisen.

Evas Gefühl, allein und alleingelassen zu sein, manifestiert sich hier zum ersten Mal als die körperlich-räumliche Empfindung, ganz weit weg von den anderen zu sein. »Ganz weit weg sein« wird bald für Eva zu einem vertrauten Eindruck, »ganz weit weg gehen« zu einer bald bewusst geübten Praxis, zu einer verlockenden Möglichkeit, der unerträglich gewordenen Realität zu entfliehen, bis sie eines Tages die Gefahr spürt, »nicht mehr zurück zu können«, d. h. wahnsinnig zu werden.

In diesem Protokoll aber entdeckt Eva zunächst einen anderen Ausweg aus ihrem Leiden: den Tod. Und bald darauf - noch immer nicht sechs Jahre alt - versucht sie zum ersten Mal, sich umzubringen.




Der Sturz

Ich wache auf und liege in meinem Bett. Es ist Nacht. Ich habe Angst. Ich starre auf die Tür und warte darauf, dass mein Vater hereinkommt. Ich will raus hier! Ich stehe auf, gehe auf den langen Gang hinaus und vor zur Wohnungstür. Ich mach' die Tür auf und schau' die lange, steile Treppe hinab. Ich will weg! Wenn ich die Treppe hinunterfalle, bin ich tot und habe endlich meine Ruhe vor ihm.

Ich gehe näher und immer näher an die Treppe heran. Ich habe Angst vor dem Sturz, aber ich will weg. Schließlich lasse ich mich einfach hinunterfallen. Ich schlage mir den Kopf und den Rücken auf. Dann wird es dunkel um mich, und dann ist da eine Weile gar nichts. Als ich wieder zu mir komme und die Augen aufmache, steht da mein Vater. Ich erschrecke: Er ist also immer noch da. Es hat nicht geklappt. Ich entkomme ihm einfach nicht.

»Ist dir etwas passiert? Wieso bist du nicht in deinem Bett?« Ich kann ihm doch nicht sagen, was ich tun wollte ... wegen ihm tun wollte. Und da sage ich: »Ich kann nicht schlafen.« -»Tut dir etwas weh?« (Eva presst die Lippen aufeinander:) Ich sag's ihm nicht, dass ich mir wehgetan habe. -»Komm, ich helf' dir.« Ich steh' ganz schnell auf und lauf' die Treppe hinauf. Ich will nicht, dass er mich anfasst. Das Treppensteigen tut mir weh. - »Warte, ich bring' dich ins Bett.« Das kommt mir wie eine Drohung vor.

Als ich wieder in meinem Bett bin, kommt meine Mutter: »Tut dir etwas weh?« Das interessiert sie doch gar nicht! Ich sage ihr nichts. - »Wenn du etwas brauchst, rufst du mich!« Sie lügt, sie will nur ihre Ruhe haben. Alle lügen hier, alle.

Dann bin ich wieder allein, und da hab' ich auch schon wieder Angst. Ich starre die verdammte Tür an und warte darauf, dass mein Vater kommt. Es ist alles wie vorher, nur noch schlimmer. Ich bin wieder da und hab' keine Hoffnung mehr. Es gibt keinen Ausweg.

Ich darf nicht einschlafen ... ich muss aufpassen, wenn er kommt.




Verwirrung

Ich bin mit meinem Vater allein in der Wohnung. Er hat mich gerufen. Ich will nicht zu ihm gehen. Ich weiß genau, was jetzt kommt. Ich weiß genau, was er will. Ich habe schreckliche Angst und will nicht zu ihm gehen, aber ich muss tun, was er sagt, sonst wird er wütend.

Ich stehe an der Tür. Im Zimmer sitzt mein Vater. »Komm her zu mir!« Er sitzt vor mir und macht seine Hose auf. Ich will das nicht sehen und mache die Augen zu. »Mach die Augen auf! Schau ihn dir an!« Ich mach' die Augen auf (Eva ist voller Ekel und Abscheu). Er packt mich am Nacken und drückt meinen Kopf zwischen seine Beine. Ich will es nicht, und er tut mir weh. »Au, au ...« - »Nun mach schon! Stell dich nicht so an! Wehr dich nicht, du tust dir nur weh!« Dann muss ich ihn in den Mund nehmen. Ich hab' das Gefühl zu ersticken. Er hält mich am Kopf fest, und ich kann nicht weg. Er stöhnt, er stöhnt immer lauter. Er hält mich fest, und ich krieg' keine Luft. Dann spritzt er mir alles in den Mund. Es ist so eklig, und ich kann nicht weg. »Schluck es runter! Es ist alles für dich! -Du musst dich endlich daran gewöhnen!« Er lässt meinen Kopf los, und ich will weg. Da fasst er mich wieder fest an und lässt mich nicht weg. Er hält mich fest und streichelt mich. Ich will nur weg von ihm. Er redet auf mich ein, er redet und redet. Ich will gar nichts hören. Er soll aufhören! Es verwirrt mich so, es verwirrt mich so, ich weiß gar nicht mehr, was stimmt. (Dieses Gefühl der Verwirrung ist für Eva besonders schlimm - schlimmer noch als das, was vorher geschah.) »"Siehst du, so schlimm war's doch gar nicht! Du darfst dich nur nicht so anstellen. Du bist selber schuld: Wenn du dich wehrst, muss ich dir weh tun. Ich will dir nicht weh tun, ich hab' dich doch lieb. Es wird dir auch noch Spaß machen. Wir werden noch viel Spaß zusammen haben. Nur wir zwei. Ich werd' dir noch viel beibringen.« (Dieser Satz macht Eva große Angst:) Es geht nie vorbei! Es wird nie vorbei sein, er holt mich immer wieder! - »Es ist unser Geheimnis, du darfst es niemandem erzählen!« - Dann lässt er mich endlich los, und ich lauf' weg. Ich möcht' mich irgendwo verkriechen. Ich hab' Angst und fühl' mich so hilflos.

Ich geh' in mein Zimmer. Da sitz' ich in meinem Bett, ganz in der Ecke, und weine. Da kommt mein Vater. Er zerrt mich aus meiner Ecke. »Au!« - »Nimm dich zusammen! Hör auf zu heulen! Du willst doch deiner Mutter keinen Kummer machen, oder?« (Eva schüttelt den Kopf und presst die Lippen zusammen.) Dieser Satz macht mich verrückt - und total hilflos. Nein, ich will ihr keinen Kummer machen, sie weint sowieso dauernd, und ich hab' irgendwie das Gefühl, daran schuld zu sein. Mein Vater hat diesen Satz schon öfter gesagt, ich kenne ihn schon. Und jedes Mal fühle ich mich schuldig. Nein, ich will meiner Mutter keinen Kummer machen. - »So bist du brav! Und jetzt will ich keine Tränen mehr sehen!«

Eva hat sich im Laufe der nächsten Jahre das Weinen völlig abgewöhnt. Noch zu Beginn der Therapie konnte sie keine Tränen weinen.

Dieses Protokoll aus Evas sechstem Lebensjahr enthält neben vielen Ungeheuerlichkeiten einen Satz mit weitreichenden Folgen: »Du bist selber schuld!«. Er bezieht sich hier zwar nur auf den zugefügten Schmerz, aber nach den Erfahrungen mit dem Begleiteten Wiedererleben neigt das Unbewusste geradezu zwanghaft dazu, Aussagen und Befehle, die in einer traumatischen Situation in einem Protokoll aufgezeichnet werden, aus dem Zusammenhang zu lösen und fast unbeschränkt zu verallgemeinern. So wird die Aussage »Du bist selber schuld!« (wenn ich dir weh tue) generalisiert zu: »Du bist selber schuld an allem, was geschieht.« Doch dies ist nur eine der Ursachen für Evas aufkeimende Schuldgefühle. Der Vater hat ihr nämlich schon öfter und mit Erfolg suggeriert, sie sei am Kummer der Mutter schuld. Dass diese »dauernd weint", ist ein neuerlicher, wenn auch nicht zwingender Hinweis darauf, dass sie um die Vorgänge weiß, zumal Eva intuitiv spürt, dass der Kummer der Mutter irgendwie mit ihr zusammenhängt.




Das erste Mal (7. Lebensjahr)

Ich bin mit meinem Vater allein zu Hause. Meine Mutter ist mit meinen Brüdern weggegangen. Ich durfte nicht mit. Sie kann mich nicht brauchen, hat sie gesagt.

Ich möcht' in mein Zimmer gehen. Ganz leise geh' ich an der Schlafzimmertür vorbei (Eva erschrickt). Ich dachte doch, mein Vater schläft ... aber er ist wach und ruft mich. Ich soll ein bisschen zu ihm kommen. Ich will nicht, aber ich muss, ich muss zu ihm gehen. Ich soll mich zu ihm legen. - Er fängt an mich auszuziehen ... er fasst mich überall an. Ich ... ich will das nicht. Seine Hände sind überall. »Lass mich, ich will das nicht!« - »Stell dich nicht so an, ich will doch nur ein bisschen mit dir schmusen. Es ist doch nichts dabei! Ich tu' dir bestimmt nicht weh!« Das macht mir erst recht Angst. Ich hab' das Gefühl, das bedeutet nichts Gutes. - Er ... er nimmt meine Hand, und ich muss ihn anfassen und streicheln ... »Sei lieb und zier dich nicht so, es macht doch Spaß!« Dann legt er sich auf mich (Eva schüttelt verzweifelt den Kopf und windet sich.) »Halt still, verdammt, halt still!« Er will ganz vorsichtig sein und wird mir nicht weh tun. Ich glaub' ihm nicht und hab' Angst. Er lügt mich an, so wie er mich immer anlügt. Das stimmt immer gar nicht, was er sagt. Da sagt er, er tut mir nicht weh, und dann tut er mir doch weh. Au, auf! Er tut mir weh, er tut mir so weh! (Eva windet sich mit schmerzverzerrtem Gesicht.) Er tut mir so weh ... ich halt's nicht mehr aus ... und ich schrei'. »Sei still, verdammt, sei still!« Es tut so weh, und ich ... ich kann nicht aufhören zu schreien. Da nimmt er ein Kissen und ... drückt es mir aufs Gesicht. (Zeichen von panischer Angst und Atemnot.) Er bringt mich um! Ich hab' Angst, er bringt mich um! (Nach einer Weile nimmt er das Kissen von ihrem Gesicht.) » Wirst du jetzt still sein?« (Eva nickt.) »Siehst du, es ist doch viel schöner, wenn du dich nicht wehrst. Ich hab' dich doch lieb und will dir nicht weh tun.« Er soll ruhig sein! Wenn er wenigstens ruhig wäre! Ich will ihn nicht hören! »Ich hab' dich doch viel lieber als deine Mami.« (Dieser Satz ist doppeldeutig, und ich frage Eva, wie sie ihn versteht. »Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, wie ich ihn verstehen soll.«) - »Mit dir macht es viel mehr Spaß. Dir wird's auch bald Spaß machen. Du musst nur immer ganz lieb zu mir sein und immer alles tun, was ich dir sage. Dann werd' ich immer bei dir bleiben und dich nicht allein lassen.« (Ich frage Eva, wie dies auf sie wirkt: »Macht es dir Angst?« - »Nein, ich hab' noch mehr Angst davor, dass er mich allein lässt. Ich hab' doch sonst niemanden.«)  

»Wenn du nicht lieb bist, dann mag ich dich auch nicht mehr, und deine Mami mag dich sowieso nicht; dann bist du ganz allein. Also sei jetzt still und wehr dich nicht!« (Eva beißt die Zähne zusammen und wimmert nur noch leise, ihr Gesichtsausdruck zeigt noch immer große Schmerzen an, und sie zittert heftig.) Er hat mir doch versprochen, dass es nicht weh tut ... (sie beginnt still zu weinen). »Hör auf zu weinen! Es tut nur beim ersten Mal so weh, beim nächsten Mal tut's dir nicht mehr weh. Und dann wird's dir auch gefallen.« Ich ... ich glaub' ihm nicht, ich glaub' ihm das nicht. - »Das ist jetzt unser ganz großes Geheimnis, du darfst es niemandem erzählen.« Da sind seine Hände um meinen Hals, und ich hab' so Angst. Die Hände sind so groß und stark, und wenn er zudrückt, dann bekomm' ich keine Luft mehr. »Hast du das verstanden? Du wirst niemandem was erzählen, sonst werd' ich dich zum Schweigen bringen! Hast du verstanden?« (Sie nickt.) »Du wirst es niemandem erzählen, auch deiner Mutter nicht! Du weißt jetzt, was dir sonst geschieht!« (Sie nickt wieder.) Dann lässt er endlich meinen Hals los. »Es war das erste, aber bestimmt nicht das letzte Mal, dass ich mit dir geschlafen hab'. Du wirst dich daran gewöhnen müssen!« (Eva schüttelt den Kopf) Ich werd' mich nie daran gewöhnen, nie! (Sie beginnt am ganzen Körper zu zittern wie bei Schüttelfrost, macht heftige, unkoordinierte Bewegungen mit den Armen, Händen und Fingern.) Jetzt hab' ich plötzlich Angst, furchtbare Angst, nur noch Angst, und ich weiß gar nicht, wovor. Mir ist plötzlich so kalt. »Beruhig dich und mach kein solches Theater!« Ich kann einfach nicht aufhören, ich kann nicht aufhören ... ich kann gar nichts tun! Da schlägt er mich ins Gesicht und schreit (sie zuckt zusammen), dass ich mich zusammenreißen soll. Ich erschreck' so fürchterlich, weil er schreit und versuch' mich zusammenzureißen (sie krallt die Fingernägel so fest in die Unterarme, dass sie tiefe Spuren hinterlassen). Das ist furchtbar, dass er so schreit. Ich werd' einfach diese Stimme nicht los, wie er mich anschreit. Das ist schlimmer für mich als dass er mich schlägt. Wenn er nur nicht so schreien würde!

"Führ dich hier nicht so auf wie eine Verrückte, das nützt dir auch nichts! Das war heute erst der Anfang; ich mach' mit dir, was ich will, und du kannst gar nichts dagegen tun! Keiner wird dir glauben, und keiner wird dir helfen! Du hast doch nur mich, darum sei ganz lieb zu mir! Du hast mich doch auch lieb, oder? - Sag mir, dass du mich lieb hast!« (Eva ballt die Fäuste und presst die Lippen zusammen.) »Sag's mir, dass du mich lieb hast!« Das sag' ich nicht! Ich will ihm das nicht sagen! (Sie schüttelt energisch den Kopf) »Bist du wieder trotzig? Muss ich erst wieder den Stock holen?« (Sie zittert und schüttelt den Kopf) »Nein, nein! - Ich will es nicht sagen, aber ich hab' solche Angst ... ich halt' es nicht aus, wenn er mich mit dem Stock schlägt ... ich will's nicht sagen, aber ich hab' Angst, dass er mich schlägt ... und ... und da sag' ich's doch. »Ich, ich... ich hab' ... ich hab' dich lieb.« (Eva sieht sehr unglücklich aus.) Es tut so weh, das sagen zu müssen, und ich hasse ihn dafür, ich hasse ihn dafür, dass er mich dazu zwingt!

»Jetzt steh auf und komm mit!« Er geht mit mir ins Bad und stellt mich einfach in die Wanne und nimmt die Dusche ... Das Wasser ist so kalt, so furchtbar kalt! (Sie zittert und schaudert.) »Jammer nicht so rum! Du bist immer nur am herumheulen. Es wird Zeit, dass ich dir das abgewöhne!« Dann trocknet er mich ab und setzt mich auf den Badewannenrand. Ich muss die Beine ganz weit auseinander machen, er will nachschauen, ob was passiert ist. Ich mag das nicht, ich hab' Angst, dass er mir weh tut. »Tut es noch weh?« - »Ja.« Er sagt, er holt eine Salbe, und dann tut's nicht mehr weh; ich soll schön sitzen bleiben. Dann kommt er wieder und schmiert mich damit ein (es schmerzt). "Es ist gleich vorbei, dann wird es nicht mehr weh tun.« »Jetzt bring' ich dich ins Bett« - und er geht mit mir in mein Zimmer. Er zieht mir mein Nachthemd an und deckt das Bett auf. »Ich will nicht ins Bett (verwundert und unwillig), es ist doch noch gar nicht Abend!«. Er sagt, dass ich krank bin und schlafen muss. Und dass ich von dem Saft nehmen soll, dann schlaf' ich schön (Eva wird unruhig). Er holt die Flasche mit dem komischen rosa Saft - ich mag den nicht. Er ist süß, aber ich mag ihn nicht. Sie geben mir den immer, wenn ich nachts schreie und nicht schlafen kann. Ich mag ihn nicht - und dann gibt er mir viel mehr als sonst (sie sträubt sich). (» Was hast du gegen den Saft?«) Ich weiß nicht, ich mag ihn nicht. Ich will nicht ... (wird sehr unruhig), ich will nicht einschlafen. Wenn ich einschlafe, dann weiß ich nicht, was dann geschieht ... Und wenn ich den Saft genommen habe und morgens aufwache, ist immer alles so ... ich weiß nicht ... dann ist immer alles so wirr, und irgendwie weiß ich dann nicht, was los war. Es verwirrt mich so.

Er sagt, ich soll schön schlafen, bis morgen. »Schlaf schön, morgen hast du alles vergessen. Wenn du morgen aufwachst, hast du allen Kummer vergessen und bist wieder fröhlich und lachst.« Ich will ... (kopfschüttelnd) ich will gar nicht lachen, ich bin so traurig, ich bin so traurig und weine. Ich will es gar nicht vergessen, und ich will endlich weinen dürfen. - »Hör auf zu heulen! Wenn du nicht aufhörst, sperr' ich dich in den Keller, da kannst du dann heulen, solang' du willst.« (Die Drohung löst bei Eva panische Angst aus.) »Bitte nicht, bitte nicht in den Keller, bitte, bitte nicht wieder in den Keller!« Da ist es so schrecklich, da hab' ich so fürchterliche Angst.

Ich werd' so müde - aber ich will doch nicht schlafen, und ich versuch' wach zu bleiben. Ich will nicht schlafen, ich will nicht ... ich soll schlafen Und vergessen, schlafen und vergessen ... schlafen ... und ... (sie schläft ein).

(Nach einer Sitzung sagte Eva einmal:)

»Ich hab' das Gefühl, ich sollte einschlafen, um alles zu vergessen. Einschlafen und Vergessen - das ist für mich eins. Heute noch hab' ich am Morgen keinen Sinn mehr dafür, wie es mir am Vortag gegangen ist - ich hab' keinerlei Gefühl mehr. - Ich hab' es gehasst und Angst davor gehabt einzuschlafen. Aber ich hab' mich nicht dagegen wehren können, wenn sie mir den rosa Saft gegeben hatten.« 

(Zwischen zwei Durchgängen sagte Eva einmal:) 

»Es tut so weh, wenn er sagt „Deine Mami mag dich sowieso nicht". Ich weiß ... ich weiß selbst nicht, ob sie mich mag, aber ich möcht's gern, dass sie mich lieb hat (weint und kratzt sich heftig). Ich weiß nicht ... das hat so was Endgültiges, was er da sagt. Sie mag dich sowieso nicht und wird dich nie mögen. Irgendwie so, dass sich da auch in Zukunft nichts ändern wird. - Komisch, da hat er sogar mal die Wahrheit gesagt. - Es hat unheimlich weh getan. Es ist einfach so, dass er mir damit meine Hoffnung, dass sie mich irgendwann doch mag ... die macht er mir damit kaputt. - Ich weiß nicht, ich hab' so den Gedanken, er bindet mich damit noch mehr an sich. Ich hab' oft so Sätze gehört, dass ich nur ihn hab' .. .dass ich nur ihn hab' und dass ich alles tun muss, was er will ... das kommt immer wieder.

Eva ist jetzt sechs Jahre und vier Monate alt.




Im Keller

Es ist Abend. Eva liegt im Bett und kann nicht einschlafen. Die Angst vor der Nacht quält sie heute besonders. Immer wieder steht sie auf und kommt weinend zu ihrem Vater gelaufen; ihre Mutter ist krank und liegt zu Bett. Eva spürt, dass der Vater jedes Mal ärgerlicher wird, aber sie hält es im Bett nicht aus. Schließlich wird er wütend; er packt sie und schleppt sie durch den Hof zu dem alten, selbst am Tag völlig dunklen Gewölbekeller. Eva, im Schlafanzug, fleht ihren Vater an:

»Nicht einsperren, bitte, bitte, nicht einsperren! (Vergeblich. Noch im Keller bittet sie ihn:) »Bitte, bitte, nimm mich wieder mit!« - »Du bist böse, du bleibst hier!« (Er macht das Licht aus und geht.)

»Nein, nein, nein, nein!« (Eva ist entsetzt. Mit vor Schreck weit aufgerissenen Augen und offenem Mund steht sie starr da.) Es ist so dunkel ... ich hab' so Angst ... so furchtbar Angst! Ich muss raus hier, ich muss raus hier, raus hier! (Man sieht ihr an, dass sie – wie sie später sagt - das Gefühl hat, verrückt zu werden. Schließlich sinkt sie erschöpft zusammen. Sie kauert am Boden und verliert nach und nach das Zeitgefühl. Es ist kalt, Eva beginnt zu frösteln, dann zu schlottern. Da beschleicht sie ein entsetzlicher Gedanke:) Ich glaube, er kommt nie wieder, nie wieder ... er lässt mich einfach hier. Ich muss immer hier im Dunkeln bleiben ... ich komm' nie mehr raus, nie mehr raus ... es wird nie mehr hell! (Wieder überfällt sie die Panik, das Entsetzen steht ihr im Gesicht geschrieben. - Stunden vergehen. Eva ist still geworden, nur hin und wieder wimmert sie und zieht sich unter Kälteschauern zusammen. Auf einmal hebt sie den Kopf) Da ... da ... da ist ein Licht ... (Sie streckt langsam den rechten Arm schräg nach oben. Plötzlich erschrickt sie und fasst sich mit den Händen an den Kopf) Ich hab' Angst ... ich versteh das nicht ... ich hab' Angst! Ich weiß genau, das kann nicht stimmen, das kann nicht sein! Es ist nicht da ... aber ich seh' es doch! Da ist eine Tür, und dahinter ist es ganz hell. Und eine Stimme ruft mich: »Komm!« Ich glaub', ich bräuchte nur da durchzugehen ... ich würd' es gern tun, aber ich hab' Angst ... ich weiß, ich bin doch im Keller, und da ist nirgends ... (Eva weint verzweifelt). Ich hab' Angst, dass ich ... dass ich ... (»Verrückt werde?«) - Ja. Ich weiß gar nicht genau, was es bedeutet, verrückt zu werden, aber irgendwie weiß ich, jetzt passiert es. - Ich soll mitkommen ... es ruft mich ... aber ich muss doch hier bleiben, er hat es doch gesagt. Weil ich böse bin, muss ich hier bleiben. Ich muss doch tun, was er sagt ... (Traurig sinkt sie in sich zusammen und schläft nach einiger Zeit wieder ein. Zweimal schrickt sie im Schlaf auf und schreit. Als sie nach längerer Zeit erwacht, spricht sie ganz leise und benommen:) Ich weiß nicht, wo ich bin ... ich weiß nicht, was war ... es ist so furchtbar kalt (sie beginnt wieder zu zittern) so furchtbar kalt ... Ich bin so müde ... so müde ...

Auf einmal ist es gar nicht mehr kalt ... ich spür' gar nichts mehr ... keine Angst ... auf einmal ist da gar nichts! (Während der Therapie setzt sich Eva an dieser Stelle entsetzt auf »Da ist Nichts! Da ist Nichts! Ich halte das nicht aus, ich will das nicht fühlen!« - Später sagt sie mir, es sei unbeschreiblich, was sie da erlebe. Das Einzige, was ihr dazu einfalle, sei das sich ausbreitende Nichts in »Die unendliche Geschichte«. - Nach mehreren Wiederholungen lässt auch dieser Schrecken nach, und ich sehe, dass Eva in der Situation völlig gelähmt war und den Horror einfach über sich ergehen lassen musste. - Später, als das Grauen vorbei war, sagt sie leise:) Wenn ich jetzt einschlafe, wach' ich nie mehr auf ... (Sie lächelt glücklich und liegt ganz entspannt und zufrieden da. Dann verändert sich langsam ihr Gesichtsausdruck, sie wird traurig und beginnt zu weinen.) Eigentlich bin ich noch viel zu klein ... ich hätte so gern noch gewartet ... da wär' doch noch so viel ... jetzt wäre ich bald in die Schule gekommen ... ich glaub', wenn es nicht immer so kalt wäre, würd' ich gern noch leben ... warum ist es immer so kalt, so furchtbar kalt? Wenn es doch nur einmal ein wenig warm gewesen wäre ... Ich will nicht hier sterben, nicht hier. Hier ist es so kalt und dunkel ... und schmutzig. Alles, was sie nicht mehr brauchen, schmeißen sie in den Keller ... nicht hier sterben ... einfach weggeworfen ... wenn es wenigstens jetzt einmal warm wäre ... (Wieder vergeht eine längere Zeit, vielleicht einige Stunden. Plötzlich kneift Eva die Augen zusammen, bedeckt sie dann mit den Armen, wendet den Kopf ab, wird offenbar von Licht geblendet.) Da ... da ist ... jemand ... ich weiß nicht, wer es ist ... er soll weggehen, er soll mich in ' Ruhe lassen ... ich möchte wieder dahin, wo es so warm und hell war ... er soll weggehen ... ich kenne ihn, aber ich weiß nicht, wer es ist ... ich kann mich nicht erinnern, wer es ist ... Er leuchtet mit der Taschenlampe herum, bis er mich findet. »Aha, da hast du dich verkrochen!« Er lacht. »Na, hast du gut geschlafen?« (Eva merkt, dass ihr das Lachen und der Spott »irgendwo ganz innen weh tun«. Sie reagiert nicht.) »Du redest wohl nicht mehr mit mir? - Jetzt hör mit dem Theater auf und komm raus!« (Eva spürt, dass er böse wird.) »Oder soll ich dich hier liegen lassen?« (Eva nickt.) Da wird er wütend. Er zerrt mich aus der Ecke (Eva schüttelt den Kopf) und sagt: »Na warte, gleich wirst du munter werden!« Er reißt mir die Schlafanzughose runter und legt sich auf mich drauf. (Gleich darauf verspürt Eva »tief innen« minutenlang fürchterliche Schmerzen.) Was macht er da mit mir? Ich kann gar nichts dagegen tun, er hält mich so fest. (Eva liegt mit weit aufgerissenen Augen da.) Ich schau' ihm die ganze Zeit in die Augen ... da ist ... da ist so viel Hass! Er hasst mich, er hasst mich! Und es macht ihm Spaß, wenn er mir weh tut. Je mehr er mir weh tut, um so mehr macht es ihm Spaß! (Eva ist entsetzt über diese Entdeckung und kommt lange nicht darüber hinweg. »Immer wieder sehe ich diese Augen, ich werd' sie einfach nicht los!«- Als der Vater sie hochnimmt, flüstert sie:) «Papa, Papa ... bitte nicht einsperren, nicht einsperren. Ich bin ganz brav, ganz brav ... ich hab' nicht geweint ...«

(Der Vater trägt sie nach oben und bringt sie zu Bett. Eva ist offenbar stark unterkühlt und friert noch längere Zeit. Sie klagt über Müdigkeit, wenn sie aber einnickt, schrickt sie entsetzt wieder auf:) Es war so dunkel ... so schrecklich dunkel ... (Den Tag und die folgende Nacht verbringt sie im Bett. Während dieser Zeit erlebt sie mindestens vierzehn unterschiedlich starke Panikanfälle. Sie schrickt auf, schreit, reißt die Augen weit auf, sagt dann immer wieder dasselbe:) Es war so dunkel ... so furchtbar dunkel. Ich hab' so Angst ...

(Fünfmal wird ihr Oberkörper angehoben und ihr der »Saft« eingeflößt. Bevor sie danach wieder wegdämmert, flüstert sie:) »Nicht weggehen, bitte, nicht weggehen ... nicht allein lassen ... nicht wieder einsperren ...« (Jedes Mal, wenn die Wirkung des Schlafmittels nachlässt, erwacht sie langsam und klagt über Müdigkeit, später auch über Kopfweh, dann kommt wieder die Erinnerung und mit ihr der Schrecken, und alles beginnt von vorn. In der Therapie vergeht oftmals eine volle Stunde, bis Eva wieder einigermaßen ansprechbar ist.)

Was Eva in dieser Nacht im Keller erlebte, als sie allein und hilflos in der von ihr so gefürchteten Dunkelheit kauerte und schließlich allen Ernstes glaubte, nie mehr ans Tageslicht zu kommen, ist durchaus vergleichbar mit den Erlebnissen eines verschütteten Bergmanns und hatte auch ganz ähnliche Folgen: Angstträume und Panikanfälle über Monate und Jahre hinweg. Bis zum Ende ihrer Misshandlung konnte sich Eva noch an diese Nacht erinnern, dann sank die Erinnerung - zusammen mit allen übrigen - ins Unbewusste. Die Folge waren die für Eva völlig unerklärlichen Dunkelängste und sofortige Panikanfälle immer dann, wenn es überraschend um sie dunkel wurde, z. B. wenn jemand das Licht löschte oder die Fensterläden schloss. In der Therapie haben wir eine ganze Kette solcher Panikszenen, die bis in die jüngere Vergangenheit reichten, aufgedeckt und bearbeitet. Eva selbst bezeichnete im Nachhinein dieses Erlebnis als das entsetzlichste und nachhaltigste ihres ganzen Lebens. Auch die therapeutische Arbeit daran war für Eva weitaus schlimmer und peinigender als bei allen anderen Geschehnissen. Eva sagte mir, sie musste zwischen durch immer wieder einmal »aussteigen«, weil sie die Ängste des kleinen Kindes und dessen Gefühl, verrückt zu werden, fast nicht ertragen konnte. »Ich musste mich immer wieder einmal davon überzeugen, dass ich nicht im Keller bin und - vor allem - dass noch Licht da ist.« 

Für den Vater allerdings waren die Schäden, die Eva von dieser Nacht davontrug, kein Anlass zum Mitleid. In den folgenden Jahren hat er sie immer wieder, wenn auch nur für Stunden, im Dunkeln eingesperrt. Vor allem aber hat er die Androhung des Einsperrens als sehr wirksames Druckmittel benutzt, um Evas Schweigen zu erpressen. Fortan war die Drohung, sie würde ins Heim gebracht und dort »ins finsterste Loch gesperrt«, für Eva das fürchterlichste Schreckgespenst.




Spielabend

Eva ist vor etwa drei Monaten zur Schule gekommen. An einem frühen Abend sitzt sie zusammen mit der Mutter und den beiden Brüdern über einem Spiel.

Ich kann einfach nicht aufpassen, ich schaff' es einfach nicht mehr. Er hat mir wieder so weh getan ... heute Nachmittag. (An dieser Stelle geriet Eva bei jedem Durchgang tiefer in das Protokoll des Geschehens vom vorausgegangenen Nachmittag, das im Folgenden wiedergegeben ist.)

Ich höre, wie die Wohnungstür zufällt ... da merke ich erst, dass meine Mutter weggegangen ist. Und da steht auch schon mein Vater da! Er nimmt mich einfach bei der Hand und führt mich ins Schlafzimmer. Er sagt kein einziges Wort ... er nimmt mich einfach so mit. Ich weiß auch sofort, was jetzt geschieht, aber ich wehr' mich gar nicht mehr. Er kann einfach so kommen und mir weh tun ... Ich muss mich aufs Bett legen, und er zieht mir mein Höschen aus. Er streichelt mich, und dann legt er sich auf mich. Er tut mir so weh. »Au, au ... bitte, bitte, hör auf!« - Als es vorbei ist, darf ich wieder gehen. »Hör auf zu heulen und reiß dich zusammen! Deine Mutter kommt gleich wieder, die darf nichts merken.«

Er tut es immer wieder, immer wieder ... ich muss immer daran denken. ..ich darf mir doch nichts anmerken lassen, es darf doch niemand was merken ... ich muss mich zusammenreißen.

Und morgen muss ich wieder in die Schule ... da muss ich mich noch mehr zusammenreißen. Ich kann einfach nicht richtig aufpassen ... es ist so anstrengend ... ich bin immer so müde, so müde ... es ist so furchtbar anstrengend ... und ich kann nicht weglaufen und mich verstecken ...

Und davor ist noch die Nacht ... ich hab' Angst, dass ich wieder nicht schlafen kann ... (An dieser Stelle ging Eva wiederum in ein anderes Protokoll:)

Ich lieg' im Bett und kann nicht schlafen. Da kommen so viele Gedanken ... ich krieg' immer mehr Angst ... immer mehr ... dann bekomm' ich keine Luft mehr ... ich hab' Angst zu ersticken ... und dann schrei' ich ... ich will es gar nicht, ich will gar nicht schreien, aber irgendwie kann ich nicht mehr aufhören ... ich sitz' da und schrei' einfach. Und dann kommen sie und haben diesen Saft dabei ... mir wird schon ganz schlecht, wenn ich ihn nur seh' ... »Nein, nein, ich will ihn nicht, ich will ihn nicht!« Ich wehr' mich und schlag' nach ihnen. »Ich will ihn nicht!« Sie halten mir die Arme fest und drücken mich aufs Bett ... dann heben sie meinen Kopf hoch ... ich will den Saft nicht nehmen ... sie drücken mir auf den Nacken ... und dann muss ich ihn einfach schlucken ... sie zwingen mich einfach dazu ... Dann halten sie mich noch eine Zeitlang fest, und ich spür', wie ich müde werd' ... irgendwie nicht richtig müde ... es ist nicht wie richtig müde werden ... so ein komisches Gefühl, als ob ich versinke ... ich mag das nicht und versuch' mich dagegen zu wehren ... ich hasse dieses Gefühl, so irgendwie wegzugehen, zu versinken, und nichts dagegen tun zu können. Ich versuch' immer, mich dagegen zu wehren, ich versuch' immer wach zu bleiben ... es geht nicht, es geht nicht, und das macht mir so Angst. Ich spür', wie meine Arme und Beine immer schwerer werden ... ich kann mich gar nicht mehr bewegen ... ich möcht' mich dagegen wehren ... ich hab' so Angst ... es wird immer dunkler und dunkler ... gleich ... gleich ... (Eva schläft ein. Als sie wieder wach wird, ist sie benommen und hat Kopfschmerzen.) Am nächsten Tag bin ich so müde, aber sie lassen mich einfach nicht schlafen, ich muss doch in die Schule ... da ist es, als wär' ich gar nicht richtig da, es ist alles so weit weg ... es ist auch alles so anstrengend ... ich kann gar nicht richtig zuhören ... ich soll nicht träumen ...

Den ganzen Tag bin ich so müde...

Ich schaff' s nicht, ich kann nicht mehr ... sie sitzen alle da und spielen, und ich muss immer an alles denken, und ich ... ich kann gar nicht richtig aufpassen ... Es ist schon Abend, und ich muss bald ins Bett, und ich hab' Angst ... ich hab' jeden Abend Angst, dass ich ins Bett muss ... meine Angst wird immer größer und größer ... Ich muss an so Vieles denken ... es ist so viel, was mir da einfällt, es ist so viel ... und ich muss mich doch zusammenreißen ... Ich soll aufpassen ... sie lachen über mich ... Ich schaff' das nicht mehr, ich schaff' das alles nicht mehr (Eva weint verzweifelt). Ich versuch' ja, mich zusammenzureißen und nicht zu weinen. Ich versuch' ja, nicht daran zu denken, aber ... ich kann ... ich kann nicht mehr. Ich kann einfach nicht mehr. Ich fang' einfach an zu weinen, ich will es gar nicht, es geschieht einfach so ... ich denk' mir, jetzt muss sie mir doch helfen und mich fragen, was ich ... ich hab' doch versucht, allein zurechtzukommen, ich hab's doch wirklich versucht ... jetzt muss sie mir doch helfen. Ich spür', wenn sie mich jetzt fragen würde, ich würd' ihr alles erzählen ... ich würd' ihr alles erzählen ... Ich wünsch' mir so, dass sie mich nur einmal in den Arm nimmt und mich ganz fest hält ... nur einmal ... nur einmal möchte ich mich sicher fühlen, nur einmal keine Angst haben ... nur einmal einen Augenblick ... nur ganz kurz ... nur ein bisschen ausruhen ...

Aber sie wird nur ärgerlich - »Du störst uns, wenn du heulst!« - und schickt mich ins Bett. »Heulen kannst du, wenn du allein bist!« Es tut so weh ... sie hat noch nicht mal gefragt ... Es tut so weh, es tut so weh ... so allein ... sie will es gar nicht wissen, warum ich wein' ... sie will es gar nicht wissen. ..Ich hab' das Gefühl, da ist irgendwas kaputt gegangen ... es tut so weh ... es tut so weh ... es ist so kalt hier, so kalt ...

Ich hab' es gelernt ... ich hab' es gelernt, nicht zu zeigen, was ich fühl'; es will doch gar keiner wissen. Ich muss fröhlich sein und lachen, dann sind alle zufrieden, dann sind sie sogar nett zu mir. – Ich weiß nicht, wie's weitergeht, ich weiß nur, dass mir keiner helfen wird.




Ich bringe mich um (8. Lebensjahr)

Ich sitze in meinem Zimmer und spiele mit meiner Puppe. (Die siebenjährige Eva ist ganz in ihr Spiel versunken.) Da taucht plötzlich mein Vater auf. Ich hatte irgendwie total vergessen, dass er da ist. Es erschreckt mich, und ich habe Angst. Ich weiß schon, was geschieht.

»Komm mit mir!« Ich habe Angst, er wird mir wieder weh tun. »Ich will spielen!« - »Komm, jetzt spielst du mit mir!« Er nimmt mir meine Puppe weg und wirft sie aufs Bett. Er nimmt mich an der Hand und geht mit mir ins Schlafzimmer.

»Zieh dich aus! - Nun mach schon und beeil dich!« - »Ich beeil' mich ja schon.« - Dann muss ich zu ihm gehen und mich über seine Knie legen. Er hält mich fest. (Eva fasst sich an den Nacken, wo der Vater sie offenbar grob anfasst und ihr Schmerzen bereitet.) - »Du bist ein böses Kind, darum muss ich dich bestrafen!« - Ich weiß nicht, warum ich böse bin. Er sagt immer, ich bin böse, weil ich nachts nicht schlafen will. - Nachts sind da immer diese Träume, und da schrei' ich immer und kann nicht schlafen. - Jetzt schlägt er mich, und ich weiß gar nicht, warum. »Ich muss das tun, damit du ein braves Kind wirst. Du willst doch, dass ich dich bestrafe, damit du ein braves Kind wirst? Sag es, dass du es willst, los, sag es!« - »Ja, ja, ich will es!« Dann schlägt er mich wieder. Und dann lässt er mich los. »Jetzt leg dich ins Bett, ich will mit dir schlafen!« Ich muss mich aufs Bett legen, und er zieht seine Hose aus.

»Mach die Beine auseinander!« Ich will nicht, ich will nicht! Ich hab' das Gefühl, jetzt hab' ich überhaupt keine Möglichkeit mehr, mich zu wehren. Er tut mir so weh! »Au, au ... bitte, tu mir nicht so weh, bitte, bitte!« - »Sei ruhig, halt still! Verdammt, halt still!« Er tut mir so weh! »Ich bin doch stärker als du, ich mach mit dir, was ich will!« Er tut mir immer mehr weh. Ich hab' das Gefühl, ich halt' das nicht mehr aus. Dann ist da ein fürchterlicher Schmerz, und dann spür' ich erstmal überhaupt nichts mehr. (Eva liegt wie bewusstlos da. Nach einer Weile beginnt sie sich wieder zu bewegen.) Da ist immer noch mein Vater über mir. »Wir sind noch nicht fertig!« Er tut mir weiter weh. Er stöhnt und stöhnt immer lauter. (Sie wimmert vor Schmerz.) Und dann ist es vorbei. »Darf ich jetzt gehen?« Ich habe Angst, dass wir noch nicht fertig sind. Mein Vater nickt. Ich zieh' mich an und geh'. Es tut weh. Ich leg' mich auf mein Bett und nehm' meine Puppe in den Arm. Es tut noch so weh. – (Nach einiger Zeit:) Es ist gar nicht so schlimm, nein, nein. (Sie schüttelt den Kopf und presst die Lippen zusammen. Sie sieht sehr traurig aus. Nach einer Weile schläft sie ein; es ist ein unruhiger, immer wieder von Panikanfällen unterbrochener Schlaf. Schließlich wird sie ruhiger, und dann beginnt sie zu lächeln.) Er könnte mir nicht mehr weh tun, er könnte mir nicht mehr weh tun ... wenn ich tot wäre ... wenn ich tot wäre. Ich will endlich tot sein. Ich will nicht mehr leben. Ich bringe mich um.




Sie ist böse

Ich wollte nur die Schlüssel für die Wohnung aus seinem Büro holen, da hält er mich fest und schließt die Tür ab. »Lass mich!« - »Zier dich nicht so!« sagt er und fängt an, mich auszuziehen. Dann macht er seine Hose auf und nimmt meine Hand, und ich soll ihn streicheln. »Nein, nein! Ich will nicht! Ich will nicht!« Ich will raus, ich will weg! Ich reiß' mich los und lauf' zur Tür und schreie: »Nein, nein!« Ich schreie und hoff', dass mich jemand hört. Er schreit mich an, dass ich ruhig sein soll, aufhören soll zu schreien, und hält mir den Mund zu ... zerrt mich von der Türe weg ... stößt mich auf die Couch ... er ist wütend und (Eva schützt Gesicht und Kopf mit Händen und Armen) schlägt mich ... er schreit, dass er mir doch verboten hat zu schreien ... er nimmt ... nimmt sein Taschentuch und ... »Nein, nein!« ... steckt's mir in den Mund. Er packt mich und zerrt mich aus der Ecke und will mir die Beine auseinander machen ... Ich will nicht, ich will nicht! Ich versuch' mich zu wehren. Ich weiß, wenn er es schafft, wird er mir weh tun ... (Eva wehrt sich verzweifelt), aber er ist einfach stärker als ich. Er tut mir weh! Er tut mir so weh! »Du möchtest wohl schreien? - Schrei doch, schrei doch!« Ich kann ... ich kann doch nicht schreien! Er tut mir so weh ... so weh ... Er will mir weh tun, er will mir weh tun! (Diese Erkenntnis scheint Eva zu überraschen und zu erschrecken.) »Tut es weh, tut es weh?« Ich will es erst nicht zugeben. Er fragt immer wieder, immer wieder, ob es mir weh tut. (Eva gibt schließlich auf und nickt.) »Dann ist es ja gut. Das soll es nämlich auch! Dann kann ich ja so weitermachen!« (Eva krümmt sich vor Schmerzen, windet sich, bäumt sich auf) »Willst du jetzt lieb sein?« (Eva nickt wieder.) Dann hört er endlich auf und zieht mir das Taschentuch aus dem Mund und zerrt mich hoch. »Du hättest mich nicht so wütend machen sollen! Ich muss dir wohl wieder mal zeigen, wer hier bestimmt? Willst du immer noch schreien? Wenn ich mit dir fertig bin, dann wirst du alles tun, was ich will.« 

Er steht da ... »Komm her!« Ich muss mich vor ihm hinknien ... er packt meinen Kopf und hält ihn ganz fest, und ich muss ihn in den Mund nehmen. Er fasst mich so fest im Nacken ... (Eva hat Atemnot und Brechreiz, sie stöhnt und würgt. Schließlich schluckt sie mehrmals und hält die Hand vor den Mund.) - Irgendwann ist es vorbei ... ich steh auf ... ich will nur weg ... nur weg hier, nur weg! Ich muss hier raus! Ich hab' das Gefühl, wenn ich hier bleib', dann erstick' ich. Er sitzt auf der Couch und hält mir den Schlüssel hin. Ich will ihn nehmen. Da packt er mich (Eva zuckt zusammen) ... ich erschreck' so ... er zieht mich an sich ... es geht so schnell ... ich will doch nur diesen Schlüssel nehmen ... da packt er mich und küsst mich und fragt, warum ich ihn immer erst so wütend machen muss, wo er mich doch lieb hat. Er will mir doch gar nicht weh tun. Aber ich brauch' es anscheinend. (Erst erstaunt, dann mit wachsender Zustimmung, schließlich wie selbstverständlich wiederholt Eva diesen Satz viele Male: »Anscheinend brauch' ich das, anscheinend brauch' ich das ... « Hier bin ich Zeuge einer Indoktrination und ihrer Verinnerlichung.)

Er sagt, dass ich mit niemandem darüber reden darf. Ich will nur weg, weg, weg! Er gibt mir den Schlüssel ... ich schließ' auf und lauf' weg, nur weg ... ich lauf' die Treppe runter und hör' noch, wie er hinter mir herruft, dass ich hier bleiben soll ... ich will nur weg hier ... Ich lauf' aus dem Haus und über die Straße ... da hupt ein Auto ... ich lauf' einfach weiter, ich hab' so Angst, dass er mir nachläuft ... ich lauf' und lauf' (Eva ist hörbar außer Atem) ... um die Ecke ... nur weg ... nur weg ... Ich lauf' durch die Straßen ... ich weiß nicht, wo ich hin soll. Wo soll ich denn hin? (Langsam wird Eva ruhiger, nach einer Weile beginnt sie zu frösteln und legt die Arme über der Brust zusammen.) Es wird kalt (es ist April, sagt sie mir). Ich weiß nicht, wo ich hin soll ... ich muss wohl doch nach Hause ... es wird dunkel ... ich weiß doch nicht, wo ich hin soll ... da geh' ich halt nach Hause ...

Da sind meine Eltern. Mein Vater schreit mich gleich an ... meine Mutter steht nur da, sie sagt gar nichts (Eva ballt die Fäuste und macht ein trotziges Gesicht). Er fragt, wo ich her komm', wo ich war ... ich komm' gar nicht dazu, zu antworten, er schlägt mich (sie schützt ihr Gesicht), er schlägt mich und schickt mich ins Bett und macht das Licht aus. »Das Licht bleibt aus!« - Ich lieg' da und hör' sie reden und ... ich komm' mir so verlassen vor ... es kümmert sich keiner um mich ... ich gehör' gar nicht dazu ...(Eva beginnt, sich an den Haaren zu ziehen, immer heftiger). Ich will mir weh tun ... ich will mir weh tun. Wenn ich mir weh tu', dann spür' ich nur das, und das ist irgendwie besser ... (sie weint sich langsam in den Schlaf Sie schläft sehr unruhig und sagt - wohl im Traum - immer wieder: »Nein, nein! Nein, nein!« - Das Folgende spielt sich am nächsten Tag ab:) Sie sprechen nicht mit mir. Sie tun so, als wär' ich gar nicht da, sie beachten mich gar nicht. (Diese und ähnliche Sätze wiederholt Eva immer wieder. Sie wirkt sehr traurig, später nachdenklich.) Ich hab' das Gefühl, dass ich was falsch gemacht hab' ... ich bin schuld ... ich bin schuld. Ich fühl' mich immer mehr schuldig. Ich darf nicht mit ihnen essen, ich muss allein in der Küche essen ... Ich weiß nicht, was ich noch tun soll, damit sie mich wieder lieb haben ... es ist meine Schuld, dass sie mich nicht lieb haben. Ich war böse ... ich muss mir weh tun ... ich war böse, ich darf nicht weglaufen ... ich muss mich bestrafen ... ich muss mir weh tun, dass sie mich wieder lieb haben ... vielleicht haben sie mich lieb, wenn ich mir sehr weh tu' ... wenn ich mir ganz arg weh tu', wenn ich mich bestrafe ... Ich hab' irgendwo ein Messer, ich hab' es versteckt ... in meinem Bett ... ich muss mir weh tun ... (Eva scheint in der rechten Hand etwas zu halten, während sie die linke Hand mit der Handfläche nach oben vor der Brust hält. Dann fährt sie mit der rechten Hand über die linke Handfläche, verzerrt das Gesicht vor Schmerz und zieht die Luft durch die Zähne ein.) Es tut so weh, aber es ist noch nicht genug. (Sie schneidet sich noch ein zweites und drittes Mal, es kostet sie sichtlich Überwindung, und sie stöhnt dabei wieder vor Schmerz.) Ich will zu meinem Vater gehen (sie hält die linke Hand wie eine Opfergabe vor sich), ich will ihm das zeigen ... ich will ihm zeigen, dass ich mich bestraft habe, dass er nicht mehr böse zu sein braucht ... er braucht nicht mehr böse zu sein ... ich hab' mich doch bestraft ... Ich geh' zu meinem Vater ... er ist so komisch ... und sag' ihm, ich will immer lieb sein, immer ganz lieb sein. (Bei einem späteren Durchgang zeigt sich diese Szene merkwürdig verändert. Eva sagt auf einmal:) Sie ist böse, ich muss sie bestrafen. Ich bin nicht böse, sie ist böse ... sie braucht das. Sie ist böse, und deshalb haben sie mich nicht lieb. Sie macht ihn immer wütend, sie muss bestraft werden, sie braucht das. Sie will immer nicht lieb zu ihm sein, und dann ist er böse auf mich ... ich bin nicht böse ... ich brauch' das nicht. Ich bin nicht böse ... mich hätten sie lieb ... Wenn sie nicht da wäre, dann wär' alles viel besser, ich wär' ganz lieb, und mich hätten sie lieb ... Sie wissen nicht, dass sie es ist ... Sie ist trotzig ... ich muss sie bestrafen, es muss weh tun, sehr weh tun ... sie hält mir die Hand hin ... sie hat Angst ... (Schmerzzeichen). Es reicht nicht (nochmals Schmerzzeichen, dann noch ein drittes Mal.) – (Als ich später mit Eva über diese Szene spreche und sie frage, welche Darstellung denn die richtige sei, sagt sie, es sei die zweite. Sie habe beim Durchleben von Anfang an das Gefühl gehabt, die Sätze »Ich bin böse, ich muss mich bestrafen ... « seien nicht ganz richtig, da sei vielmehr eine Andere, für die sie gelten. Bei intensiverem Kontakt mit dem Protokoll seien die Sätze plötzlich in der veränderten Form da gewesen.)

(Die Sätze «Du bist böse« und »Ich bin böse« beschäftigten Eva auffällig lange und intensiv. Vermutlich waren sie schon in manchen früheren Protokollen enthalten und hatten sich Eva eingeprägt. Um dies zu überprüfen, fragte ich sie; ob ihre Eltern schon öfter zur Strafe nicht mir ihr gesprochen hätten. Sie nickte sofort sehr heftig. Daraufhin begannen wir mit der Bearbeitung entsprechender früherer Szenen. Aus diesen stammen unzählige Variationen des immer gleichen Themas mit den folgenden Grundmustern:)

Ich denke, dass ich irgendwie böse bin, und da muss ich mich bestrafen, dass sie wieder mit mir reden.

Sie reden nicht mit mir ... ich halt' das nicht mehr aus, ich muss mich bestrafen ... Ich hab' immer das Gefühl, dass ich böse bin, aber was tu' ich denn? Ich weiß gar nicht, was ich getan hab'. Ich denk' manchmal, sie sind böse auf mich, nur weil ich da bin (Eva weint bitterlich). Sie hassen mich, nur weil ich da bin, weil es mich gibt. In bin böse, weil ich da bin. Es wär' viel besser ohne mich. (Bei manchen Wiederholungen liegt Eva wie ein Säugling da, mit erhobenen Armen, die Finger locker gebeugt.) Ich bin schon böse geboren worden. (»Wie kommst du darauf?«) Wenn ich nicht böse wäre, hätten sie mich doch lieb. Ich versuch' es doch ... ich versuch' es doch, lieb zu sein ... ich bin halt böse ...

Eva ist in diesem Protokoll gerade sieben Jahre alt. - Sie hat schon als Kleinkind aus dem Verhalten ihrer Mutter den Schluss gezogen, sie sei böse. Darin wurde sie später durch Äußerungen des Vaters immer wieder bestätigt. Sie weiß zwar nicht, wieso sie böse ist und was sie denn falsch macht (ein überaus verwirrender und peinigender Zustand), gibt sich aber größte Mühe, »lieb zu sein«. Aber was soll sie tun, um lieb zu sein, wenn sie gar nicht weiß, was böse ist? Aus dieser Desorientierung entsprang (schon lange vor diesem Protokoll) der Gedanke, sich selbst zu bestrafen, um ihren Eltern wenigstens auf diese Weise ihren guten Willen zu zeigen. Diese Selbstbestrafung (bzw. die Absicht dazu) kann natürlich den inneren Konflikt Evas, die sich im Grunde ihres Wesens doch als gut empfindet, nicht lösen, ja wird ihn sogar noch verstärkt haben. Da Eva, so wenig wie irgend ein Mensch, einen solch tiefen existenziellen Widerspruch auf Dauer nicht ertragen kann, setzt schließlich eine Persönlichkeitsspaltung ein: Eva erschafft in sich eine zweite Eva (»spaltet sie von sich ab«) und schiebt ihr die Rolle des Sündenbocks zu: Sie ist an allem schuld, sie ist böse, sie muss bestraft und später sogar umgebracht werden.

Während der Arbeit an diesem Protokoll gab es noch eine weitere Schwierigkeit: Es fiel Eva im Laufe der Zeit immer schwerer, über den Satz »Er fasst mich so fest im Nacken« hinwegzukommen, und schließlich blieb sie endgültig dabei stecken. Von dem ganzen Protokoll war zu dieser Zeit schon nicht viel mehr übrig geblieben als eben dieser Satz und die Nackenschmerzen. Da lag die Vermutung nahe, dass es wohl in Evas Kindheit - früher oder später - noch mehr Ereignisse gegeben habe, in denen sie starke Nackenschmerzen hatte, und dass es damit eine besondere Bewandtnis haben müsse, sodass sie den weiteren Fortschritt der Arbeit aufhielten. Darum forderte ich Eva auf, solche Geschehnisse aufzusuchen und zu durchleben. Sofort wurde sie auffällig unruhig und ängstlich, begann aber doch mit der aufgetragenen Arbeit, und allmählich entfalteten sich die folgende Szenen.

 


Exkurs 1: Die Hand im Nacken

Immer, wenn ich etwas nicht tun will ... wenn er mich zu etwas zwingen will, dann packt er mich im Nacken. Ich muss tun, was er will, sonst tut er mir so weh ... Es ist so oft, so oft ...

Bei meinen Hausaufgaben steht er hinter mir ... ich hab' so Angst ... wenn ich was verkehrt mach' ... (Eva zuckt vor Schmerz zusammen und fasst sich mit beiden Händen in den Nacken) ... immer ist seine Hand da an meinem Nacken ... ich hab' das Gefühl, sie ist ständig da (wieder Zeichen heftiger Schmerzen). »Nein, nein!« 

Manchmal hat er mich auch an den Haaren festgehalten, das war mir viel lieber ... es hat auch weh getan, aber nicht so ... so ... (Eva sucht vergeblich nach Worten, die den Unterschied deutlich machen sollen. Es scheint ein Schmerz von ganz besonderer Art zu sein.) Er weiß genau, dass ich das nicht mag, wenn er mich da am Nacken fasst. Ich versuch' ja irgendwie, mich nicht zu wehren ... au ... »Lass mich los!« 

Ich will nicht in dieses Haus (siehe »Garten ohne Blumen«) gehen, nein, nein, ich will da nicht hinein! Ich hab' mir ganz fest vorgenommen, ich geh' da nicht mehr rein, und wenn er mich totschlägt ... nein, nein! Und dann packt er mich am Nacken ... au ... au ... und dann geh' ich doch rein (resigniert). – Komisch ... ich versteh' das nicht ... ich hab' mir so fest vorgenommen, ich geh' da einfach nicht mehr rein, und dann packt er mich am Nacken, und schon geh' ich rein ...

Wenn er mich am Nacken packt, dann tu ich alles, was er will ... dann geh' ich in den Keller ... dann nehme ich ihn in den Mund ... dann gehe ich in das Haus ... dann kann ich mich einfach nicht mehr wehren ... es ist schlimmer, als wenn er mich schlägt ... komisch. (Das Rätsel der geheimnisvollen Wirkung der »Hand im Nacken" wird auch für mich immer größer. Da taucht ein neues Geschehen auf:)

Irgendwie hab' ich das Gefühl, dass ich noch sehr klein bin (Eva hat ihre typische Säuglingshaltung eingenommen) ... ich lieg' in meinem Bet ... da kommt meine Mutter. (Eva kneift die Augen zu und wendet den Kopf ab, sie will offensichtlich irgend etwas nicht sehen. Schließlich stellt sich heraus, dass der gefürchtete Gegenstand das Fläschchen ist, das die Mutter in der Hand hält.) Sie nimmt mich hoch ... ich hab' so Angst, ich will das nicht (Eva zeigt eine geradezu panische Reaktion) ... sie nimmt mich hoch und hält mich im Arm. Dann ... dann drückt sie mir hinten auf den Hals ... es tut so weh! (Eva öffnet den Mund, will offenbar schreien, kommt aber gar nicht dazu, ist vollauf damit beschäftigt, schnell zu schlucken, wobei sie sich immer wieder verschluckt und hustet.) Sie steckt mir die Flasche in den Mund, und ich muss immerzu schlucken, auch wenn ich gar nicht will. Ich will nicht mehr! Sie soll doch aufhören! Ich kann nicht mal schreien ... Ich bin so froh, wenn es endlich vorbei ist und sie wieder weggeht. Irgendwie weiß ich, dass sie mich erstmal eine Zeitlang in Ruhe lässt, bevor sie wiederkommt ... aber dann kommt die Angst wieder, weil ich weiß, jetzt kommt sie bald ... sie kommt immer wieder und hat die Flasche dabei und dann ... (Eva gerät wieder in Panik) dann nimmt sie mich hoch und drückt mir hinten auf den Hals ... (Eva durchlebt die Schreckensszene viele Male, bis diese endlich anfängt, sich aufzulösen. Dann tritt ein neues Detail hervor:) Einmal ist da eine Stimme: »Machst du das immer so?« (Eva kennt die Stimme nicht, weiß aber, dass es eine Frauenstimme ist. Jedes Mal, wenn sie die Frage hört, zuckt Eva zusammen und beginnt, sich zu kratzen. Ich frage sie, was sie erschreckt.) Irgendwie klingt die Stimme so entsetzt. (Eva wird sehr traurig und beginnt dann zu weinen. » Was macht dich so traurig?«) Sie macht das immer so, sie macht das immer so! (»Die andere Frau ist entsetzt, aber deine Mutter macht das immer so?« Eva nickt.) Irgendwie weiß ich, dass es auch anders sein kann, und sie macht das immer so. (Eva hört auch die Antwort ihrer Mutter:) »Es muss schnell gehen, ich hab' keine Zeit. Und so geht es am schnellsten.« (Weinend und tieftraurig wiederholt Eva viele Male leise den Satz:) So geht es am schnellsten, so geht es am schnellsten.

Diese Serie von Erlebnissen erklärt wenigstens teilweise die fast magische Wirkung, die viel später der Nackengriff des Vaters auf Eva ausübt. Und natürlich fiel mir ein, dass am Anfang unserer Arbeit Evas häufiger Griff in den Nacken das erste Körpersignal war, das mir auffiel. - Wieso aber löste schon der Nackengriff der Mutter eine so übermäßige Reaktion aus? Gab es da eine noch frühere Ursache? Meine Vermutung wird dadurch bestärkt, dass Eva bei den Durchgängen durch die Fütterungsszene immer wieder einmal eine frühe, sehr diffuse Erinnerung einblendet: »Ich weiß nicht, da ist noch etwas ... irgend jemand hat mir einmal sehr weh getan ... ich weiß nicht ... irgendwas war da.« Als ich Eva bitte, dorthin zurückzugehen, zeigt sie große Angst und weigert sich heftig. Mit einiger Mühe und Geduld gelingt es mir, sie dafür zu gewinnen, sich auf ein anscheinend sehr traumatisches und angstbesetztes Ereignis einzulassen. Dann wird bald deutlich, dass Eva ihre Geburt wiedererlebt.  




Exkurs 2: Die Geburt

Eva liegt ganz entspannt da und lächelt glücklich.

(»Du fühlst dich wohl?«) Ja ... es ist eigentlich ganz schön hier ... obwohl ... manchmal hab' ich Angst. (» Was macht dir Angst?«) Ich weiß nicht... irgendwas war da ... (längere Pause). Ich hab' Angst, dass es wieder losgeht ... irgendwie erinnere ich mich, dass es hier nicht immer sicher war ... (Pause). Jetzt fühl' ich mich wieder ganz wohl ...

Eva hat, wie ich inzwischen weiß, mindestens zwei Abtreibungsversuche überlebt; einem davon, der von einer »Expertin« aus der Nachbarschaft ausgeführt wurde, ist ihr Zwillingsgeschwister zum Opfer gefallen. Es war also tatsächlich »hier nicht immer sicher«.

(Plötzlich wird Eva unruhig und zeigt Angst.) Ich weiß nicht, da ist ... plötzlich bekomm' ich Angst ... ich weiß nicht, irgendwas geschieht da ... es macht mir Angst ... (Pause). Jetzt ist es wieder vorbei ... es ist alles wieder ruhig. (Nach ca. zwei Minuten wiederholt sich etwa dasselbe, nach einer weiteren Minute wiederum, diesmal heftiger:) Ich hab' Angst, ich hab' so Angst ... Ich will nicht weg hier, ich will nicht weg ... es ist noch zu früh! (Eva beruhigt sich langsam, doch schon bald kommt die Angst wieder:) Ich hab' Angst ... ich hab' Angst ... ich will nicht weg hier, es ist doch noch zu früh ... warum lassen sie mir keine Zeit? Ich will noch nicht weg! Ich hab' das Gefühl, ich bin noch nicht soweit.

Später erfahre ich, dass die Hebamme nach einer durchwachten Nacht aus »Zeitmangel« - sie musste zu ihrem Kind nach Hause - die Geburt eingeleitet hatte. Anmerkung: Zu jener Zeit waren Hausgeburten - auch ohne Arzt – das Übliche.

Es ist so anstrengend, und ich hab' Angst, dass ich es nicht schaffe ... (Eva beginnt zu weinen, sie wirkt sehr traurig. Plötzlich wird sie wieder sehr unruhig.) Es wird ... es wird so ... so eng, es wird so eng (Eva bäumt sich auf und verzerrt das Gesicht. Ihre Not wird im Laufe der nächsten Minuten immer größer.) Ich komm' nicht weiter ... ich komm' nicht weiter ... es ist so furchtbar eng ... ich muss da jetzt durch ... ich steck' fest ... ich steck' fest ... ich steck' fest, ich komm' nicht weiter ... ich schaff' es einfach nicht ... was machen sie mit mir?

Sie schreit, sie schreit: »Es ist so anstrengend ... wie lange dauert das noch?« - »Gleich ... gleich hast du es geschafft ... einmal musst du dich noch anstrengen!« (Gleich darauf verzerrt Eva das Gesicht wie unter einem fürchterlichen Schmerz, erst nach einiger Zeit, als der Schmerz nachgelassen hat, sagt sie:) Es tut so weh ... mein Hals ... mein Nacken tut so weh ... (Im Laufe der Arbeit wird deutlich, dass Eva beim Herausziehen an der Halswirbelsäule verletzt worden sein muss. Hier also lag die Ur-Ursache für die außergewöhnliche Wirkung, die der Nackengriff jahrelang auf Eva ausgeübt hat. - Das Protokoll ist hier noch längst nicht zu Ende, doch ist der Rest in diesem Zusammenhang weniger wichtig.)




Angst vor dem Einschlafen

Ich lieg' in meinem Bett. Es ist schon spät, und ich weiß, ich muss schlafen. Aber ich kann einfach nicht einschlafen, ich hab' so Angst. Ich weiß genau, wenn ich nicht schlaf', sind sie wieder böse auf mich. Aber ich hab' so Angst ... ich hab' so Angst davor, einzuschlafen, dass ich wach bleiben will ... Ich weiß, dass es wieder Ärger gibt, aber ich hab' doch so Angst! Und ich versuch's doch, ich versuch's ...

Irgendwann kommt meine Mutter. Sie ist böse auf mich und schimpft und schreit: »Warum schläfst du nicht?« - und ich weiß genau, sie will gar keine Antwort, sie will es gar nicht wissen. Sie fragen mich immer wieder, jedes Mal, warum ich nicht schlafe und was los ist, warum ich immer Ärger machen muss ... und ich weiß, sie wollen gar keine Antwort, sie wollen es gar nicht wissen. Sie tun immer so, als würd' ich alles nur tun, weil ich böse bin - dabei hab' ich doch Angst, ich hab' doch so Angst!

Sie sagt, dass sie in fünf Minuten wiederkommt, und wenn ich dann nicht schlafe, muss ich eben den Saft nehmen. Ich will das nicht, ich will das nicht! - Ich muss schlafen, ich muss schlafen, sonst muss ich den Saft nehmen! Ich hab' so Angst, ich hab' so Angst und kann nicht einschlafen ... Jetzt hab' ich auch noch Angst vor dem Saft. Ich kann einfach nicht einschlafen. Ich weiß schon genau, dass ich nichts tun kann ... dass sie durch die Türe kommen und die Flasche dabei haben ... Ich sitz' in meinem Bett, ganz in der Ecke, und hab' Angst und wart' drauf, dass die Tür aufgeht. Jetzt wird sie gleich wiederkommen, und ich schlaf' immer noch nicht ...

Da geht die Tür auf, und mein Vater kommt, und ... er hat die Flasche dabei. Jetzt weiß ich, dass ich gar nichts mehr machen kann, gar nichts mehr. Ich möcht' am liebsten weglaufen ... das geht alles nicht (weint sehr), ich kann gar nichts machen. »Bitte, bitte, nicht!« Er ist böse auf mich und sagt: »Musst du jeden Abend Ärger machen? - Mund auf!« Ich tu's nicht (schüttelt den Kopf, beißt die Lippen zusammen), ich will nicht! Und dann ... dann geht alles so schnell. Er schlägt mich und packt mich (Eva fasst sich in den Nacken) - ich weiß gar nicht, was geschieht - und steckt mir den Löffel in den Mund. Dann macht er das Licht aus und geht. Er weiß doch genau, dass ich Angst hab', wenn es dunkel ist! - Jetzt hab' ich noch mehr Angst. Ich weiß, jetzt werd' ich bald einschlafen, ich kann gar nichts dagegen tun ... sie haben es wieder geschafft! ... Aber ich will nicht einschlafen, ich versuch' wach zu bleiben. (Eva kämpft noch eine Zeitlang in panischer Angst gegen das Einschlafen:) Ich darf nicht einschlafen ... irgendwie hab' ich das Gefühl, dass dann irgendwas passiert ... ich darf nicht einschlafen, ich muss aufpassen, ich muss wach bleiben und aufpassen. Wenn ich einschlaf', kann ich nicht aufpassen ...

(Bald darauf beginnt der »Saft« zu wirken und Eva schläft ein. Später in der Nacht kneift Eva im Schlaf die Augen zusammen und hält einen Arm übers Gesicht.) Es ist plötzlich hell, und mein Vater ist da. Was will er denn? Warum lässt er mich nicht schlafen? Ich bin doch noch so müde, ich werd' gar nicht richtig wach ... Was macht er denn? (Eva wird unruhig und beginnt zu stöhnen.) »Au, au! Er tut mir weh, er tut mir so weh! Er sagt, ich soll still sein, ich soll die Augen zumachen und weiterschlafen. Es tut immer noch weh, und ich will endlich wach werden, aber ich bin so müde ... er soll weggehen ... Ich versteh' nicht, was er hier will, warum lässt er mich nicht schlafen? Immer wieder sagt er, ich soll weiterschlafen, es ist nichts ... aber es stimmt nicht, da ist irgendwas, es tut doch so weh! ... Ich bin so müde und kann mich gar nicht wehren ... ich kann gar nichts tun. –.»Schlaf einfach weiter!« Immer wieder sagt er das, und ich will doch wach werden! Wenn er doch nicht dauernd sagen würde, ich soll schlafen ... Ich will das nicht hören, ich will doch wach werden! (Sie hält sich die Ohren zu.)  »Geh weg, geh weg!« Es tut immer noch weh, aber ich bin so müde ... (Eva zuckt noch mehrmals zusammen und schläft nach einer Weile wieder ein.)

(Am nächsten Morgen: Eva hält sich die Augen zu, wie geblendet, beginnt dann, sich die Augen zu reiben.) Sie lassen mich nicht weiterschlafen, ich soll aufwachen, ich muss in die Schule. Ich bin aber noch so müde ... mein Kopf tut so weh ... (plötzlich wird Eva unruhig). - Da war was! Irgendwas war da ... irgendwie weiß ich plötzlich, dass da etwas war (Eva quält sich sichtlich damit, sich an etwas zu erinnern, das sich ihr immer wieder entzieht und dann doch wieder auftaucht). Irgend etwas war da ... vielleicht hab' ich auch nur geträumt? ... Es verwirrt mich so ... immer wenn ich aufwach', weiß ich nicht mehr, was da war (sie ist ganz verzweifelt). Ich kann mich erinnern, dass ich nicht schlafen wollte ... dass er mir den Saft gegeben hat ... dann bin ich doch eingeschlafen ... und dann ... und dann ... dann war irgendwas ... ich weiß nicht, ich weiß nicht ... oder hab' ich doch nur geträumt? Ich darf einfach nicht mehr einschlafen ... es war schon so oft so ... ich darf nicht mehr einschlafen ... aber dann kommen sie wieder mit diesem verdammten Saft ... und am Morgen weiß ich wieder nicht, was da war ... das macht mich noch ganz verrückt ... immer das Gefühl, ich kann mich an irgendwas nicht erinnern, ich hab' irgendwas vergessen ... Ich muss ständig darüber nachdenken, was da war, und ich krieg's einfach nicht ... irgendwas geschieht da nachts ... irgend jemand macht da was ... Was machen sie mit mir?

(In der späten Phase der Arbeit an diesem Protokoll sagte Eva einmal nach einem Durchgang:) Ich hab' es so gehasst, wenn es dunkel geworden ist, dann musste ich ins Bett ... Es war so schlimm, wenn ich früh aufgewacht bin und das Gefühl hatte, da war heut' Nacht etwas. Ich wollte nicht mehr einschlafen ... dann weiß ich nicht, was sie mit mir machen.

Und immer ihre blöden Fragen, warum ich nicht einschlaf'! Sie will mir ja gar nicht helfen ... ich soll gar nicht darauf antworten. Warum fragt sie mich, ich darf ja doch 'nicht antworten ... ich versuch' auch gar nicht mehr zu antworten ... ich sag' schon gar nichts mehr ... ich will gar nicht mehr mit ihr reden ... sie will die Antwort nicht wissen ... es wusste sowieso jeder (Eva weint heftig und lange). Es war allen ganz recht so ... irgendwie hab' ich das Gefühl, es war eigentlich eine Sache zwischen meinem Vater und meiner Mutter - ich weiß nicht, wie ich dazwischengekommen bin ...

Am Ende dieses Protokolls findet sich ein deutlicher Hinweis darauf, dass Eva zu dieser Zeit schon von der Mitwisserschaft der ganzen Familie überzeugt war. Selbst wenn diese Annahme falsch gewesen sein sollte, so hat sie doch Evas Verhältnis zu ihrer Mutter entscheidend geprägt und Evas Überzeugung bestärkt, von ihr im Stich gelassen worden zu sein. Dies wiederum musste Evas seit langem vorherrschende Gefühle von Einsamkeit, Hilflosigkeit und Verlassenheit ins Unermessliche steigern.

Zu dem anscheinend ungeheuerlichen Vorwurf, die Mutter habe - wenn auch sicher nicht im Detail - von den Vorgängen gewusst, möchte ich anmerken: Nach Meinung vieler Fachleute ist es schlechthin unmöglich, dass eine Mutter von einem länger anhaltenden sexuellen Missbrauch ihres Kindes durch den Vater (oder einen anderen zur Familie gehörigen Menschen) nichts weiß. Der wichtigste und häufigste Grund für ihr stillschweigendes Dulden ist die Angst vor einem Skandal und vor dem Verlust des Ernährers der Familie. In manchen Fällen ist der Vater zudem ein Familientyrann, der auch seine Frau misshandelt und demütigt und sie so zum Schweigen bringt. Dass dies bei Evas Vater nicht zutrifft, erfuhr ich, als ich Eva einmal fragte, wer in ihrer Familie der oder die Stärkste sei. Prompt und sehr bestimmt kam die Antwort: »Meine Mutter! Ich hab' immer das Gefühl, sie spielt mit allen, sie manipuliert alles ...« (»Wie macht sie das?«) »Immer, wenn sie irgend etwas will, bekommt sie Kopfweh oder wird krank.« 

Bei dieser Konstellation ist es sehr wohl möglich, dass die Misshandlungen Evas unter anderem auch (Ersatz-)Racheakte des Vaters waren. Dass er auch gern einmal den starken Mann spielen und sich Triumphe verschaffen wollte, geht aus vielen Protokollen überzeugend hervor. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang auch Evas oben angeführte Bemerkung, es sei ihrem Gefühl nach eigentlich eine Sache zwischen ihrem Vater und ihrer Mutter gewesen, in die sie da hineingeraten sei.




Hausaufgaben

Ich sitz' am Tisch und mach' Hausaufgaben (Eva ist in der 2. Klasse). Meine Brüder sind in der Schule, und meine Mutter ist weggegangen.

Da kommt mein Vater. Er sagt noch gar nichts, aber ich weiß ... ich weiß in dem Moment genau, was er will und. ..und dass ich nichts dagegen tun kann. Ich hab' so schreckliche Angst ... aber ich darf keine Angst haben, ich muss mich zusammennehmen (Eva presst die Lippen zusammen und ballt die Fäuste) ... Ich muss mich zusammennehmen. (»Warum darfst du keine Angst haben?«) Das macht alles noch schlimmer ... ich darf diese Angst einfach nicht spüren.

Er sagt, ich soll mit ihm kommen ... und ich muss mit ihm ins Schlafzimmer gehen. »Los, beeil dich, deine Mutter kommt bald zurück!« Ich soll mein Höschen ausziehen, den Rest kann ich anbehalten. »Heute muss es schnell gehen!« Ich hab' so Angst, und er drängt mich so. Er lässt mir einfach keine Zeit, um mich ... um mich ... ich weiß nicht ... irgendwie um die Angst ... um die Angst ... (Eva sucht lange nach einem Begriff - »... zu überwinden?«) Ja, so ... Ich muss mich beeilen, und ... ich hab' solche Angst. Er soll mir doch ein bisschen Zeit lassen!

Dann muss ich mich aufs Bett legen, und er legt sich auf mich. Er tut mir so weh ... es tut so weh ... au ... es tut so weh (Eva gibt leise, aber intensive Schmerzlaute von sich und bemüht sich gleichzeitig, den Schmerz zu verbeißen und still zu sein. Ihrem Gesicht sieht man an, wie sehr sie leidet). Es tut so weh, und ich hab' das Gefühl, ich halt' das nimmer aus. »Hör auf, bitte, hör auf, du tust mir so weh!« Er lacht nur und sagt: »Jetzt wird es doch erst schön! Es geht jetzt erst richtig los!« Und dann sind da nur noch Schmerzen ... ich kann nur warten, bis es vorbei ist ... und versuch', möglichst wenig zu spüren.

Dann ist es endlich vorbei, und ich darf aufstehn. »Darf ich jetzt gehen?« (»Wie kommst du auf die Idee, ihn zu fragen, ob du gehen darfst?«) Manchmal muss ich noch bei ihm bleiben und ... und ihn streicheln ... ich muss immer warten, bis er es mir erlaubt zu gehen.

Ich frag' ihn, ob ich jetzt gehen darf, und da schreit er mich an ... ich erschreck' so ... er schreit mich an, dass ich verschwinden soll ... ich soll endlich abhauen ... und dass ich an allem selbst schuld bin. Ich ... (zittert heftig) ich versteh' es nicht, ich versteh' das nicht ... dass ich an allem schuld bin ... ich geh' ins Bad und wasch' mich und versuch', nicht zu weinen ... ich will nicht weinen ... ich will nicht daran denken. Dann setz' ich mich wieder an meine Aufgaben ... aber ich kann sie nicht machen ... ich kann sie nicht machen ... ich starr' ... ich starr' dieses Heft an, aber irgendwie nehm' ich nichts richtig wahr ... ich sitz' nur da ... auf einmal merk' ich, wie ich immer weiter weggeh', immer weiter weg ... auf einmal ist da gar nichts mehr ... keine Traurigkeit ... nichts ... es ist so schön ... (Eva liegt ganz ruhig und entspannt da).

Auf einmal spür ich, ich muss aufpassen ... (Eva wird unruhig) ich muss umkehren, sonst komm' ich ... komm' ich nicht mehr zurück (sie wird immer unruhiger, ihre Hände beginnen zu zittern, sie fährt sich mit den Unterarmen übers Gesicht und presst dann die Fäuste an die Schläfen, als würde ihr sonst der Kopf zerspringen) ... in meinem Kopf ist alles so durcheinander ... (sie zittert am ganzen Körper, ihr Atem geht stoßweise und ganz flach. Nach einer Weile erst wird sie ruhiger). Ich hör' meine Mutter zurückkommen ... (Eva wird sehr traurig und beginnt zu weinen.) Ich weiß nicht ... ich weiß nicht ... irgendwie wünsch' ich mir, dass sie mich in den Arm nimmt ... und mich einfach festhält ... ich bräuchte das jetzt so ... und irgendwie weiß ich genau, dass sie's nicht tun wird. Es tut so weh ... (Eva weint heftig). Ich weiß ja, dass sie's nicht tun wird, und ich weiß, dass ich mir's gar nicht wünschen sollte ... aber ich brauch' sie so ... ich fühl' mich so fürchterlich alleingelassen. Ich hab' doch so viel Angst ... und da ist niemand ... es tut so weh ...

Da ist meine Mutter, und sie schimpft auch noch mit mir. Sie schimpft, weil ich noch nicht fertig bin. Ich soll nicht immer träumen und soll meine Aufgaben machen. (Eva schüttelt erst traurig und enttäuscht, dann mehr trotzig den Kopf, beißt die Lippen zusammen .und wischt sich die Tränen ab.)

Ich will nicht mehr traurig sein ... ich werd' nie mehr traurig sein ... ich hätt' es doch wissen müssen ... (sie beißt sich in den Handrücken).

Eva ist jetzt im achten Lebensjahr. Immer mehr entfalten sich des Vaters Sadismus und Brutalität. Und immer leichter gelingt es Eva, »ganz weit weg zu gehen«, um ihrem Kummer zu entfliehen. In der hier beschriebenen Situation spürt sie erstmals die Gefahr, die damit verbunden ist, nämlich nicht mehr zurück zu können. Den Zwiespalt zwischen Verlockung und Gefahr des Weggehens empfindet Eva als körperliche Pein.




Immer Angst

Plötzlich kommt mein Vater in mein Zimmer. Ich hab' gar nicht gewusst, dass er da ist; ich hab' gedacht, ich bin allein daheim. Ich weiß gleich, dass er wieder ... wieder was von mir will. Er ist so komisch ... ich merk' es gleich ... irgendwie ist er anders.

(Bei einem der späten Durchgänge durch dieses Protokoll kommen Eva viele Gedanken und Gefühle zu dieser und mancher ähnlichen Situation:) Er ist dann so anders, ich versteh' das gar nicht (Eva beginn zu weinen). Manchmal ist er so lieb zu mir, und dann wieder ... ich versteh' das nicht. Warum tut er mir weh? Ich kann das nicht verstehen, ich hab' ihn doch lieb. Und ich kann das gar nicht beeinflussen; es ist unabhängig von meinem Verhalten, so ... so unberechenbar. Ich weiß nie, was gleich wieder geschieht. Irgendwie hab' ich immer Angst. Ich kann einfach nicht verstehen, warum er mir immer so weh tut. Ich hab' es mir so oft überlegt. Ich hab' gedacht, es müsste doch irgend einen Grund geben, vielleicht, dass ich böse bin oder ... dass ich irgendwas falsch mache ... Was mach' ich denn falsch? Ich versteh es nicht ...

Er sagt, ich soll mich ausziehen. Ich will nicht (Eva ist verzweifelt), ich will nicht, aber ich trau' mich nicht, ihm zu widersprechen, ich hab' so Angst vor ihm. Ich darf ihn nicht wütend machen.

(Eva weint lange.) Ich muss immer tun, was er will, ich darf ihm nicht widersprechen. Warum darf er mir immer weh tun? Was hab' ich denn getan? Ich hab' das Gefühl, er darf mit mir machen, was er will ... es ist egal, was ich will. Irgendwie kann ich mich einfach nicht damit abfinden ... es wär' viel einfacher, wenn ich mich damit abfinden könnte. - Er hat immer versucht mir einzureden, dass ich das auch will, was er da mit mir macht. Ich wusste immer, ich will das nicht, ich will das nicht, ich will nicht! Aber ich durfte mich nicht wehren ...

Ich zieh' mich aus ... vielleicht wird es nicht so schlimm. Ich versuch' mir einzureden, es wird schon nicht so schlimm, es wird schon nicht so schlimm ... und irgendwie weiß ich, dass ich mir was vormach' ... »Mach schneller, beeil dich! Ich kann es kaum noch erwarten, ihn dir reinzustecken!« (Eva hält sich die Ohren zu; sie will diesen Satz nicht hören, er tut ihr, wie sie sagt, sehr weh.) Ich will nicht, ich will nicht (Eva beginnt zu weinen), aber ich kann gar nichts tun ... was soll ich denn tun? Ich muss einfach tun, was er will ... ich weiß, er wird mir weh tun ... ich will nicht, ich will nicht ... Er zieht seine Hose aus (Eva wendet den Kopf ab und legt den rechten Unterarm über die Augen). »Schau her, schau ihn dir an!« - Ich hab' so Angst ... er sagt, ich soll mich hinlegen (Eva weint wieder). »Bitte, bitte, nicht, bitte, nicht ...« Er legt sich auf mich. (Gleich darauf verzieht Eva das Gesicht vor Schmerz, ballt die Fäuste, beißt sich auf die Lippen, wimmert und stöhnt.) Ich versuch' es nicht zu spüren, ich tu' mir selber weh, damit ich es nicht spüre (sie drückt sich die Fingernägel tief in die Handflächen), ich spür' es trotzdem, ich kann mir einfach nicht genug weh tun, es reicht nicht, es reicht nicht ... es ist nicht nur, dass er mir so weh tut (Eva weint heftig) ... er macht mit mir einfach, was er will, ich kann gar nichts dagegen tun ... nur warten, bis es vorbei ist ... und dann versuch' ich's möglichst schnell zu vergessen ... (»Wie machst du das?«) Ich weiß nicht ... ich red' mir ein, dass gar nichts passiert ist ... aber irgendwie hab' ich immer Angst ...

Ich steh' auf und zieh' mich an. Ich bin so froh, dass es wieder mal vorbei ist ... ich hab's wieder mal überstanden. Jetzt wird er mich wieder eine Zeitlang in Ruhe lassen ...

Er geht zur Tür. Da bleibt er stehen und dreht sich um und lacht und sagt, dass er vielleicht später nochmal wiederkommt. (Eva ist entsetzt.) Ich erschreck' so furchtbar, wie er das sagt. Ich werd' verrückt! Ich halt' das nicht mehr aus! Es ist doch gerade erst vorbei! »Nein! Nein! Nicht nochmal heute!« (Sehr heftig bricht es aus ihr hervor:) »Ich sag's der Mama, ich sag's der Mama!« (Kaum hat sie das gesagt, wird Eva starr vor Schreck und verschließt sich den Mund mit dem Handrücken.) Das hätt' ich nicht sagen dürfen ... nein! ... das hätt' ich nicht sagen dürfen! Jetzt ist er wütend. Er kommt und packt mich (Eva fasst sich an den Nacken) und tut mir weh. »Komm mit!« - »Au, au!« Er lässt mich gar nicht fertig anziehen. (Eva zieht den Kopf f zwischen die Schultern, hebt beide Arme halb hoch, ist offensichtlich wehrlos.) Ich muss mit ihm gehen, er tut mir so weh ... ich bin noch nicht mal angezogen ...

Erst weiß ich gar nicht, was er mit mir vorhat, aber dann ... dann ... - »Nein, nein! Nicht, nicht!« (Eva gerät in Panik) »Bitte, bitte, nicht in den Keller! Bitte, nicht in den Keller!« (Sie fleht ihn anscheinend auf dem ganzen Weg in den Keller an.) Er geht mit mir über den Hof zur Kellertür und die Treppe hinab und sperrt mich ein (in einen Verschlag). »Jetzt kannst du dir überlegen, ob du es der Mama sagen willst!« Dann geht er hinauf und macht die Tür zu. Jetzt ist es ganz dunkel ... ich kann gar nichts sehen ... ich hab' so Angst ... hier gibt es ... hier gibt es ... hier gibt es ... (es dauert lange, bis Eva endlich ganz entsetzt hervorbringt:) Hier gibt es so viele Spinnen! Überall sitzen hier Spinnen! (Eva presst die Fäuste an die Schläfen, drückt die Ellenbogen an die Brust, erstarrt mehr und mehr im Schock. Bis zum Ende spricht sie ganz leise und apathisch, mit völlig ausdruckslosem Gesicht:) Irgendwann spür' ich plötzlich gar nichts mehr ... ich hab' auch keine Angst mehr. Irgendwie weiß ich, es ist furchtbar kalt hier ... ich spür' das nicht mehr. Ich weiß nicht, wie lange ich da bin ...

Irgendwann ... holt er mich ... wieder. Irgendwie ist alles so ... als wär' ich gar nicht da ... als würd' ich irgendwie nur zuschauen ... irgendwie fühl' ich gar nichts ... im Hof ist alles weiß, es hat geschneit ... ich hab' keine Schuhe und Strümpfe an, ich spür' es gar nicht, ich seh' nur, dass meine Füße ganz schwarz sind von den Kohlen. Er fragt mich, ob ich jetzt gelernt hab', ihm nicht zu widersprechen.

Dann muss ich lieb zu ihm sein ... ich muss mich vor ihn knien ... muss seine Hose aufmachen und ihn streicheln ... ich tu alles, was er will ... mir ist, als wär' ich gar nicht richtig da ... als würd' ich danebenstehen und mir zuschauen ... er stöhnt ... ich soll weitermachen ... ich will nicht mehr ... er hält meine Hände fest ... (heftiger Ekel durchbricht Evas Lethargie, sie spreizt die Finger und hält voll Widerwillen die Hände vor sich und wendet sich ab). Meine Hände sind so eklig ... Dann wäscht er mir die Hände ab ...

Irgendwann kommt meine Mutter nach Hause ... ich sag' ihr nichts ... ich sag' ihr nichts ... ich bin froh, als sie mich ins Bett schicken, ich will nur schlafen, nur schlafen und alles vergessen ... (Eva schläft ein. In der Nacht wird sie plötzlich unruhig, atmet immer schneller und flacher, wirft den Kopf hin und her, macht abwehrende Bewegungen mit den Armen.) Irgend etwas weckt mich ... da ist mein Vater ... ich will, dass er weggeht. »Geh weg, geh weg! Nein, nein!« (Eva rückt entsetzt ganz an die Wand.) »Ich hab' dir doch gesagt, dass ich nochmal komme!« - »Nein, nein, nicht nochmal!« - Und plötzlich fang' ich an zu schreien ... ich weiß gar nicht, wie's geschieht ... ich schrei' und schrei' ... ich sitz' im Bett und kann einfach nicht aufhören zu schreien ... »Warum schreist du denn so ?« -»Ich weiß nicht, ich weiß nicht!« - »Dann hör doch auf!« Ich kann nicht aufhören, ich kann einfach nicht aufhören! (Eva hält sich die Ohren zu.) Ich hör' mich schreien und weiß nicht, warum! (Über diese Entdeckung ist Eva ganz entsetzt.) Ich find' keinen Grund, warum ich schrei', aber ich kann einfach nicht aufhören. (Eva scheint ganz verzweifelt, sie fasst sich mit beiden Händen an die Schläfen.) Ich werd' verrückt, ich hab' Angst, ich werd' verrückt! Ich könnt' immerzu schreien ... nie mehr aufhören ... das macht mir so Angst ... ich schrei' und schrei' und denk', warum kommt denn keiner? Irgend jemand müsste doch was tun, dass ich aufhöre zu schreien ... warum tut denn keiner was, dass ich aufhöre? - Da geht die Tür auf, und meine Mutter kommt. Irgendwie denk' ich, dass sie zu mir kommt und mich in den Arm nimmt und ganz fest hält ... und dass dann alles gut wird. - Ich weiß gar nicht, warum ich das denk' ... ich hab' mir es halt so oft schon gewünscht ... (Eva beginnt zu weinen, immer heftiger, herzzerreißend). - Mein Vater schickt sie wieder fort. Er sagt, dass ich nur schlecht geträumt hab' und dass er sich schon um mich kümmert. Da geht sie wieder weg ... sie geht einfach wieder weg ... (Evas Gesicht zeigt erst Entsetzen, dann Trauer, gleich darauf wieder Apathie.) Ich hätte es mir denken können ... ich hätte es doch wissen müssen, ich hätte es doch wissen müssen, dass mir keiner hilft.

Mir ist jetzt alles so gleichgültig. Mein Vater schimpft mit mir, er sagt, ich bin böse, und ich soll mich nicht so anstellen. Er gibt mir irgendwas zu trinken, dass ich gut schlafe. Er macht mir die Beine auseinander und fängt an, mich zu streicheln. Ich wehr' mich nicht ... ich kann mich nicht mehr dagegen wehren ... Ich will nicht mehr ... ich will nicht mehr ... ich will nur meine Ruhe. »So bist du brav«, sagt er, und dass ich jetzt ganz stillhalten soll. (Eva beginnt zu wimmern und zu stöhnen.) Er tut mir weh, aber ich halt' ganz still, obwohl es so weh tut. Er sagt immer wieder: »So bist du brav, so hab' ich dich lieb.« Ich wein' nur ein bisschen, nur ganz leise ...

(Eva schläft schließlich ein. Nach einiger Zeit wird sie unruhig und legt die Hand auf die Stirn.) Mein Kopf tut so weh ... mein Kopf tut so weh ... (Die Kopfschmerzen werden anscheinend immer stärker, fast unerträglich. Dann beginnt Eva zu zittern, sie legt die Arme über der Brust zusammen, zieht den Kopf ein, atmet schnell und flach.) Es ist so kalt ... so kalt ... es ist alles so weit weg ... Sie sollen mich in Ruhe lassen, sie sollen mich in Ruhe lassen! Jemand hält meinen Arm fest ... Er soll mich in Ruhe lassen, aber ich kann's ihm nicht sagen. Ich versuch' mich zu wehren ... er sagt, dass es gleich besser wird. (Eva streckt den linken Arm neben dem Rumpf aus und zuckt plötzlich zusammen.) Und dann tut's weh. Warum tun sie mir dauernd weh? (Sie fasst sich mit der rechten Hand an die linke Armbeuge, offensichtlich hat sie dort eine Injektion bekommen. Bald darauf schläft sie wieder ein. Als sie später erwacht, hat sie keine Kopfschmerzen mehr, ist aber noch benommen. Sie kann sich nicht mehr daran erinnern, was geschehen ist. Sie muss einige Tage im Bett bleiben, der Arzt kommt noch ein paar Mal und gibt ihr Medizin.)




Glückliche Tage in M. (9. Lebensjahr)

Es sind Sommerferien. Eva ist 8 Jahre und 4 Monate alt.

Ich darf mit meinen Großeltern nach M. fahren, zu meiner Tante und meinem Onkel (Eva strahlt übers ganze Gesicht). Meine Brüder sind so sauer (sie lacht), weil ich mit darf und sie nicht ... Ich hab' bis zum Schluss Angst gehabt, ich muss doch dableiben. Aber jetzt sind wir weggefahren ... zwei Wochen wollen wir dort bleiben.

Irgendwie bin ich müde ... ich war immer so schrecklich müde, bevor wir hierher gefahren sind ... (Eva meint damit wohl »erschöpft«, kennt aber dieses Wort noch nicht). Sie lassen mich einfach in Ruhe, ich sitz' stundenlang auf der Schaukel oder an dem kleinen Teich mit den Goldfischen ... ich will einfach nur dasitzen ... Manchmal bekomm' ich plötzlich Angst, und dann fällt mir ein, dass er ja weit weg ist ... dann hab' ich keine Angst mehr ... ich kann abends ins Bett gehen und schlafen ... so nach und nach verschwindet die Angst.

Ich glaub', ich hab' in der ersten Woche kein Wort mit ihnen geredet (Eva lächelt anhaltend) ... sie lassen mich einfach in Ruhe ...

Und dann ist die Angst weg ... Ich glaub', ich hab' alles vergessen ... ich kann lachen und reden. Sie sind lieb zu mir ... sie sagen, dass ich hier bleiben soll ... sie haben ein Kind, aber kein Mädchen ... sie hätten gern eines, so ein braves Mädchen, wie ich bin ... irgendwie verwirrt mich das ... daheim sagen sie immer, dass ich böse bin ... Sie schenken mir Sachen, und ich muss gar nichts dafür tun ... meine Tante spielt mit mir (jetzt lächelt sie wieder und wirkt glücklich) ... ich hab' wirklich alles vergessen ... ich brauch' auch die Schaukel nicht mehr ... Ich kann lachen und reden und springen ...

Dann fahren wir nach Hause. Ich freu' mich sogar auf zu Hause - ich rede und erzähl' den ganzen Abend. - Am nächsten Tag ... meine Mutter ist nicht da ... da ist plötzlich mein Vater. Er sagt, ich soll mitkommen. Ich sag', dass ich (sie lacht) ... komisch ... ich weiß gar nicht, was er von mir will. lch sag', dass ich keine Zeit hab', dass ich zu meiner Freundin will, ihr erzählen, wie schön es war ... da wird er irgendwie ärgerlich ... er sagt, dass es wohl zu schön war, dass es mir wohl zu gut gegangen ist - ich weiß gar nicht, was er damit meint ... ich hab' immer noch keine Angst ... mir ist nur irgendwie komisch. Er sagt nochmal, ich soll mitkommen. (Eva schüttelt den Kopf.) »Ich will doch zu meiner Freundin.« Da ... da (Eva zuckt zusammen, erstarrt, reißt entsetzt die Augen weit auf) ... da wird er wütend - ich erschreck' so! (Sie legt die Arme schützend um den Kopf.) Er schlägt auf mich ein und schreit - ich bin so erschrocken ... ich hab' doch gar nichts getan ... ich wollt' ihn doch gar nicht ärgern ... ich, ich weiß gar nicht, was ist ... ich hab' gar nicht mitbekommen, dass er wütend geworden ist, ich hab' immer gelacht und gesagt, dass ich keine Zeit hab' und weg muss ... auf einmal schlägt er mir ins Gesicht ... es ging so schnell ... ich spür' noch nicht mal, dass es weh tut, ich bin so erschrocken ... er schreit, dass er mir erst wieder beibringen muss zu gehorchen, dass ich wieder tu', was er will. Er zerrt mich ins Schlafzimmer - und plötzlich weiß ich wieder alles (da ist auch wieder das Entsetzen in ihrem Gesicht) ... plötzlich ist alles wieder da! Und ... und jetzt ist auch die Angst wieder da!

Er sagt, ich soll mich ausziehen ... jetzt widersprech' ich ihm nicht mehr ... jetzt weiß ich wieder, dass ich tun muss, was er will ... Wie ich mich auszieh', seh' ich, dass er seinen Gürtel aus der Hose zieht ... »Du bist schon immer ein böses Mädchen gewesen und wirst es immer bleiben!« - Dann fängt er an, mich zu schlagen. »Weißt du, was du bist? Weißt du, warum ich dich bestrafen muss?« - »Ein böses Mädchen, ein böses Mädchen, ich bin ein böses Mädchen ... (Eva wiederholt ständig diese Sätze, wie um ihn zu beschwichtigen, während er auf sie einschlägt.). Ich weiß gar nicht, ob ich das glaub', ob das stimmt ... plötzlich ist da die Erinnerung, dass sie gesagt haben, ich bin brav ... jetzt ist es wieder so wie vorher ... (Eva weint herzzerreißend.) - Er fragt, ob ich lieb sein will. (Eva nickt anhaltend. Langsam wird sie ruhiger, wirkt erschöpft.)

Ich muss mich ins Bett legen ... er streichelt mich (immer wieder verzerrt sich ihr Gesicht vor Schmerz, sie krallt die Hände ins Kissen) ... er tut mir weh, so weh! Ich soll ihn auch streicheln (immer wieder Schmerzzeichen) ... er stöhnt ... er stöhnt ... und dann ... (Eva spreizt ihre Finger und hält die Hände von sich, voller Ekel.) - Ich zieh' mich an ... »Jetzt kannst du zu deiner Freundin gehen!« (Eva weint still vor sich hin.) Jetzt ... jetzt will ich nicht mehr ... (sehr traurig). - Es war zu schön ... es war zu schön ... es darf nicht zu schön sein ... ich bin ein böses Kind ... es darf nicht zu schön sein ... immer, wenn es schön ist, kommt danach ... Es hätte nicht so schön sein dürfen ... Ich hatte wirklich alles vergessen ... Ich hab' es doch gewusst, dass es niemals aufhört ... es war zu schön ...

Nach Abschluss der Arbeit an diesem Protokoll sprechen wir darüber, auf welch merkwürdigem »Umweg« wir in der Therapie zu diesem Geschehen gelangt waren: Ich wollte Eva zur Abwechslung und als Erholung von der vorangegangenen anstrengenden Arbeit einmal ein angenehmes Ereignis wiedererleben lassen. So waren wir zu einem Nachmittag gekommen, den Eva mit 34 Jahren während eines Urlaubs in der Provence mit ihrer Freundin bei einer alten Kapelle verbracht hatte. Während dieser ganz besonders schönen Stunden wird Eva immer wieder und scheinbar ohne Grund traurig und ängstlich. Eva meint, sie habe »ein bisschen ein schlechtes Gewissen«. Am Ende geschieht etwas ganz Bezeichnendes: »Bevor wir wieder wegfahren, pflücken wir noch Lavendel. Ich schneide mir die Finger auf ... es blutet und brennt fürchterlich. Da kommt mir plötzlich der Gedanke: Das geschieht dir ganz recht! Es ist dir irgendwie zu gut gegangen!« 

Auf der Suche nach einer entsprechenden Erfahrung, die sie irgendwann einmal gemacht haben musste, und nach dem Grund für die vorbeugende Selbstbestrafung waren wir dann zu den »schönen Tagen in M.« gekommen.

Evas abschließender Kommentar am Ende der Arbeit zeigt, wie sehr sie die früher gemachten Erfahrungen verallgemeinert hatte: »Komisch, wenn es irgendwo schön ist, dann wart' ich schon immer darauf, dass da jetzt was passiert. Und dann ist es wieder okay.«




Garten ohne Blumen

Seit dem letzten Geschehen sind einige Monate vergangen, in denen der Vater Eva unbehelligt gelassen hat. Dafür scheint es, wie man aus dem Folgenden ableiten kann, einen besonderen Grund zu geben, der uns jedoch unbekannt geblieben ist. Vermutlich ist die Mutter doch einmal energisch eingeschritten. Für diese Annahme spricht, dass der Vater nun besondere Vorkehrungen getroffen hat. Jedenfalls ist Eva zu Beginn des Protokolls völlig arglos.

Mein Vater holt mich von der Schule ab, und ich freu' mich, dass er da ist (Eva lächelt, sie sieht richtig glücklich aus); ich glaub', ich hab' ihn lieb. Er holt mich oft ab. Ich steig' zu ihm ins Auto und erzähl' ihm irgendwas aus der Schule. Wir fahren nicht nach Hause, und ich frag' ihn, wo wir hinfahren. Er sagt, dass das eine Überraschung ist, und dass ab heute alles anders ist, und ich merk', dass ich Angst bekomme ... irgendwas ist komisch, er ist irgendwie so seltsam. Er streichelt mich so ... (Eva wird unruhig), an den Knien und an den Oberschenkeln. Ich hab' Angst. Irgendwann halten wir an, und da ist ein Haus; er steigt aus und sagt, dass ich mitkommen soll. Es ist ein kleines weißes Haus in einem Garten ... in dem Garten sind überhaupt keine Blumen. Komisch, irgendwie macht es mich traurig, dass in diesem Garten keine einzige Blume ist ...

Er geht mit mir in das Haus. (Sie beginnt sich heftig zu kratzen, - »Was ist dir so unangenehm?«) Ich hab' das Gefühl, dass ich das Haus und den Raum immer deutlicher seh' ... und ich will das nicht ... die Wände sind aus Holz ... da ist eine Eckbank und ein Tisch und rote Kissen auf der Bank ... ein Schrank ... ein Sofa und ein Sessel ... und ... und (wird sehr unruhig) ... und ein Bett ... und dann ist noch 'ne Tür in einen anderen Raum ... ich weiß nicht, was da ist. Ich steh' einfach da ... irgendwie begreif' ich alles nicht ... Was soll ich hier?

Er sagt, dass wir hier viel Spaß haben werden ... und dass uns hier niemand stören wird (Eva wird wieder sehr unruhig). Es darf nicht wahr sei ... er hat mir doch versprochen, dass er es nicht mehr tun will ... dass er es nie mehr tut ... dass ich alles vergessen soll. Ich hab auch versucht, alles zu vergessen ... und hab' ihn auch wirklich lieb ... und ich hab' gedacht, dass er mich jetzt richtig lieb hat. Es muss ein böser Traum sein ... ich ... ich steh' einfach da ... ich denk', es muss ein böser Traum sein und dass ich gleich aufwache ... »Sag, dass das nicht wahr ist, bitte, bitte, sag es!« - Da lacht er und sagt: »Das wirst du gleich spüren!« Er nimmt mich an der Hand und führt mich zu dem Bett und fängt an mich auszuziehen ... er fasst mich überall an ... überall sind seine Hände und ... er sagt, dass ich besonders lieb zu ihm sein muss ... er hat es so vermisst ... Ich lieg' auf dem Bett und ich seh', wie er sich auszieht, und ... es ist alles ... es ist alles kein Traum (sie zerrt sich an den Haaren, zittert und bebt vor Angst) ... es ist kein Traum! Er kommt zu mir und legt sich auf mich und ... ich hab' Angst, dass er mir gleich weh tut ... ich wart' darauf, dass es gleich fürchterlich weh tut ... er soll's doch endlich tun, damit es vorbei ist! Dann ... er ... er kniet so über mir ... »Nicht, nicht, nein, nein!« Ich schrei', ich schrei' ... und er lacht ... er lacht und sagt, dass mich hier keiner hören kann. Er steckt ihn mir in den Mund (sie zeigt minutenlang Atemnot und Brechreiz, sie bäumt sich auf, windet sich, krümmt sich, hustet und schluckt. Es ist entsetzlich, nie zuvor habe ich Eva so leiden gesehen. - Auf einmal wird sie ruhig und liegt ganz erschöpft da). - Er sagt, dass ich niemandem etwas erzählen darf ... weder von dem Haus, noch von dem, was wir hier tun ... irgendwie ... irgendwie bin ich plötzlich wütend und schrei': »Doch, ich werd's sagen, ich werd' alles sagen!« - Ich seh', dass er wütend ist. Ich will raus hier (sehr heftig) und lauf' zur Tür. »Ich werd' alles sagen!« Ich will raus ... aber die Tür ... ist abgeschlossen (Eva ist entsetzt). Ich dreh' mich um und da ist mein Vater ... er kommt mir plötzlich so ... so riesig vor, er ist so wütend und schreit mich an: »Sag das nochmal!« Er schlägt mich (Eva versucht, das schmerzverzerrte Gesicht und den Kopf mit den Armen zu schützen) ... er schlägt auf mich ein ... ich lieg' am Boden ... und er sagt, ob ich immer noch alles verraten will (sie schüttelt den Kopf) und ob ich jetzt verstanden hab', dass ich niemandem was erzählen darf (nickt wiederholt). Er hat sich seinen Gürtel geholt und steht da ... er ist immer noch so fürchterlich groß. Und damit ich es mir auch merke ... schlägt er mich mit seinem Gürtel (es ist sehr schmerzhaft). Er sagt, ich soll mitkommen ... er lässt mich noch nicht mal richtig aufstehen ... er packt mich einfach an den Haaren ... »Au, au!« ... er zerrt mich durchs Zimmer ... setzt sich in den Sessel ... und ich knie' vor ihm. Damit ich mich wieder daran gewöhne, soll ich ihn anfassen und streicheln ... ich kann das nicht, ich kann das nicht (schüttelt verzweifelt den Kopf). Er wird wütend, und ... er tut mir so weh (umfasst und reibt sich das linke Handgelenk, krümmt sich vor Schmerzen). »Nun mach schon!« (Wieder Anzeichen von Schmerz.) Da tu' ich's ... ich fass' ihn an und streichel ihn ... ich wein', ich wein' ... und er stöhnt und sagt, ich soll weitermachen, er stöhnt, und dann ... und dann ... (Eva windet sich vor Ekel, sie schlägt mit dem Kopf hin und her, würgt, bäumt sich auf, bringt kein Wort heraus. Dann schaut sie voller Abscheu auf ihre Hände mit den gespreizten, leicht gekrümmten Fingern). Es ist so eklig ... so eklig!

Er sagt, ich soll mich anziehen (sie starrt immer noch auf ihre Hände), ich kann nicht ... ich kann nichts anfassen! Er nimmt ein Tuch und wischt meine Hände ab ... sie sind nicht sauber, es ist immer noch so eklig, so eklig! - Ich zieh' mich an ... er sagt, dass wir morgen wieder hierher kommen, und dann fahren wir nach Hause. Ich weine ... es ist alles so hoffnungslos. Er sagt, ich soll aufhören zu heulen ... ich soll mir die Tränen abwischen und ... soll ein fröhliches Gesicht machen, wenn wir nach Hause kommen.




Im kleinen weißen Haus

Ich spiele mit anderen Kindern auf der Straße. Da kommt mein Vater und sagt, ich soll mit ihm gehen. Wir fahren mit dem Auto weg. Ich merk', dass er wütend ist. Er sagt gar nichts, aber ich spür' es irgendwie.

Wir fahren (Eva zittert) ... wir fahren zu diesem kleinen weißen Haus. Er war schon öfter mit mir da. Wenn wir dahin fahren, weiß ich immer, dass irgend etwas geschieht, was ich nicht will. - Er ist so wütend, er macht mir Angst. Wir gehen in das Zimmer ... es ist ganz dunkel, weil die Fensterläden zu sind, und mein Vater macht das Licht an. Dann will er wissen, was ich meiner Mutter erzählt hab'; er hat es mir doch verboten, etwas zu erzählen. Ich weiß sofort, was er meint. (Das Folgende erzählt Eva nur mir; vor ihrem Vater will sie sich nicht rechtfertigen:) Ich hab' doch ... ich wollte doch gar nichts sagen, ich hab' ... es war nachts und ich hab' geschrieen, und da ist meine Mutter gekommen und wollte wissen, was los ist, warum ich schrei' und ... ich hab' doch nur gesagt, dass er weggehen soll, dass er mich nicht mehr anfassen soll, ich hab' sonst gar nichts gesagt.

Er ist wütend und will wissen, was ich erzählt hab', aber ich sag' ihm nichts (Eva beißt die Lippen zusammen und ballt die Fäuste), ich steh' nur da und schau' ihn an und sag' gar nichts. Das macht ihn noch wütender, und er schlägt auf mich ein (sie schützt mit den Händen das Gesicht) und fragt immer wieder, was ich gesagt hab'. Ich sag' einfach nichts, und wenn er mich totschlägt. Er kann mich totschlagen, aber er kann mich nicht dazu bringen, es ihm zu sagen. Ich weiß genau, dass es ihn noch wütender macht, aber ich sag' ihm nichts. Ich hab' zwar unheimlich Angst, dass er mich schlägt, aber ich zeig' ihm das nicht. Er schreit mich an, dass er mir doch verboten hat, was zu erzählen, und dass er mir beibringen wird zu gehorchen. Aber ich sag' einfach nichts. Er sagt, ich darf niemandem was sagen, und damit ich mir das merke, wird er mich bestrafen. »Ich werd' dir beibringen, mir zu gehorchen! Wenn ich heute mit dir fertig bin, dann wirst du keinen eigenen Willen mehr haben! Du wirst nur noch tun, was ich will!« Ich weiß genau, was das bedeutet: Er wird mir weh tun. - Ich soll mich ausziehen und aufs Bett legen. Ich tu' das und ich denk' eigentlich, jetzt kommt wieder das Übliche. Ich muss mich nur zusammenreißen, dann halt' ich das schon aus. Aber dann geschieht was ganz anderes: Er nimmt meine Arme und ... (sie bäumt sich auf, schüttelt verzweifelt den Kopf) er nimmt meine Arme und bindet sie fest. An dem Bett sind oben so Stäbe, und daran bindet er mich fest. »Nein, nein, nicht, nicht! Bitte, bitte ...« Es ist fürchterlich! Er weiß genau, wie schrecklich das für mich ist, dass ich das nicht vertragen kann, wie ich das hasse! Er hat das schon mal gemacht, da waren wir auch in dem Haus, und wenn ich nicht stillhalte, droht er immer damit. Jetzt hat er es wieder getan! Ich denk' mir, ich muss irgendwie loskommen, sonst ... ich weiß nicht ... werd' ich verrückt, ich halt' das einfach nicht aus. Ich halt' das nicht aus! Es ist so schlimm, so schlimm ... (Eva liegt da mit den Händen über dem Kopf, sie windet sich, bäumt sich, zerrt an den Fesseln). Er steht da und schaut mir zu und lacht. »Na, wie gefällt dir das?« (Bei diesem Satz zuckt Eva zusammen wie unter einem Schlag.) Ich hasse ihn, ich hasse ihn! Wenn ich nur loskäme, wenn ich hier nur loskäme! Aber ich kann einfach nicht. Ich kann nichts tun, absolut nichts tun (erschöpft und resigniert). Und er steht da und redet: »Jetzt hast du Zeit, darüber nachzudenken, ob du in Zukunft tun wirst, was ich will. Ich werd' deinen Willen schon brechen! Dich bekomme ich schon klein!« Die Sätze sind so schlimm! Er darf mich nicht klein kriegen! Er macht mir so Angst ... seine Drohungen. Er macht mir so Angst, aber ich will nicht zeigen, dass ich Angst hab'. Ich will ihm nicht zeigen, dass er mir Angst macht. - »Wenn ich zurückkomme, werde ich dich bestrafen. Solange ich weg bin, kannst du darüber nachdenken!« Dann geht er weg und macht das Licht aus. Er weiß ganz genau, dass ich im Dunkeln noch mehr Angst hab'! - Und dann bin ich allein. – (Eva schüttelt den Kopf) Er wird mich nicht kleinbekommen! Ich versuch', da loszukommen, ich will da nicht so hilflos liegen. Ich will weg hier! Es ist so schrecklich. Aber ich schaff's nicht, verdammt, ich schaff's nicht! Ich möchte weglaufen und mich verstecken, aber ich kann nicht weg. Ich kann einfach gar nichts tun, aber ich will irgendwie nicht aufgeben, verdammt! Es ist fürchterlich, ich hab' solche Angst! - Irgendwann geb' ich dann doch auf und seh' ein, ich kann nichts tun, ich kann nur warten, bis er wiederkommt. Es ist so kalt und dunkel. Das Dunkel macht mir Angst. Und es dauert so fürchterlich lang. - Dann ist da ein schrecklicher Gedanke: Vielleicht kommt er gar nicht zurück? (Sie zittert.) Ich möcht', dass er endlich wiederkommt! Er darf mit mir machen, was er will, wenn er mich nur losmacht. Ich mach' alles, was er will (resigniert). Ich hab' das Gefühl, es dauert ewig, und ich kann nur warten, ich kann nur warten. Zwischendrin hab' ich immer wieder das Gefühl, ich halt' das jetzt keine Sekunde mehr aus. - Irgendwann hör' ich das Auto. Dann ist er wieder da. Ob ich nachgedacht habe und ob ich noch mal jemand was sagen will, fragt er. »Hast du jetzt begriffen, dass du keine Chance hast, dass ich der Stärkere bin? Dass ich mit dir machen kann, was ich will?« (Eva nickt.) Ich hab' irgendwie nimmer die Kraft zu widersprechen. Ich kann mich einfach nicht mehr gegen ihn wehren. Ich mach' alles, was er will. Er bindet mich los, und ich denke schon, es ist vorbei, aber dann muss ich mich umdrehen, und er bindet meine Arme wieder an. - Da ist so eine Kommode, da geht er hin, zieht die obere Schublade auf und nimmt etwas heraus. Er wird mich schlagen! Er wird mich schlagen, ich, ich ... ich weiß es. Ich seh' irgendwas, er hat irgend etwas in der Hand, und ich weiß, dass er mich damit schlagen wird und dass es sehr weh tut. Es ist ... wie ein schmaler Lederriemen ... mit hinten so einer Art Griff dran. Vorne ist ein Knoten drin. Ich weiß, es tut sehr weh, wenn er damit schlägt. (»Hat er dich schon einmal damit geschlagen?«) Ja, wenn er sehr wütend ist, wenn ich trotzig bin ... Ich hab' solche Angst davor! Er kommt näher ... (wie in Zeitlupe) ich seh' ihn kommen und weiß, dass er mir jetzt gleich weh tun wird. Er hält den Griff in der Hand und den Lederriemen, sodass da eine Schleife herunterhängt. Jetzt lässt er den Riemen los, und der hängt grade herunter. Ich seh', wie er ausholt, und ... und jetzt schlägt er zu! (Sie stöhnt und bäumt sich auf An ihrem Zusammenzucken kann man die Schläge abzählen. Er schlägt sie zweimal.) Es tut so weh! Aber ich werd' nicht weinen! Ich beiß' die Zähne zusammen, er soll nicht merken, dass es mir weh tut. (Er schlägt sie noch zweimal.) »Damit du endlich lernst, mir zu gehorchen!« Er schlägt immer wieder zu. Es tut so weh, es tut so fürchterlich weh! (Er schlägt sie noch acht Mal.) »Ich bin stärker und kann mit dir machen, was ich will. Hast du das endlich begriffen?« (Eva nickt.) Jetzt hört er endlich auf und bindet mich los. Dann soll ich lieb zu ihm sein. Er setzt sich aufs Bett, und ich muss mich vor ihn hin knien und ihn anfassen und streicheln ... und dann muss ich ihn in den Mund nehmen. Er fängt an zu stöhnen. Er schnauft und stöhnt, er nimmt meinen Kopf und hält mich fest. Er steckt ihn mir immer tiefer in den Mund (sie versucht verzweifelt, aber vergeblich, den Kopf wegzudrehen und zurückzubiegen). Ich bekomm' keine Luft mehr (ringt nach Atem), ich hab' das Gefühl zu ersticken. Er hält meinen Kopf ganz fest. »Gleich bekommst du es! Freust du dich schon darauf?« Und jetzt ... jetzt spritzt er mir alles in den Mund, und ich (voller Ekel, schluckt) muss es runterschlucken. (Eva ist ganz erschöpft, sie weint heftig.) - »Hast du jetzt eingesehen, dass ich dich jederzeit benutzen kann, zu was ich will?« Ich weiß, dass der Satz schlimm für mich ist. Ich hab' da immer den Gedanken: Ich bin doch kein Gegenstand, den er benutzt. Es tut weh, aber irgendwie ist mir auch alles so egal. Ich hab' das Gefühl, ich kann mich einfach nicht mehr wehren, und so sag' ich einfach ja. Ich glaub', ich hab' es nicht eingesehen, aber ich kann nicht mehr widersprechen. Ich will nur noch meine Ruhe haben, und da nick' ich einfach. »Dann können wir ja jetzt nach Hause gehen.« Ich steh' auf und zieh' mich an, und mir ist alles so gleichgültig. Ich bin gar nicht sicher, ob es mich überhaupt noch gibt.

Wir fahren nach Hause. Da ist meine Mutter und meine Brüder. Sie lachen und reden und sind so laut, und ich hab' irgendwie das Gefühl, ich gehör' nicht dazu. Ich steh' so mitten drin und gehör' doch nicht dazu. Ich will nur allein sein und mich irgendwo verkriechen. Ich möcht' am liebsten in eine Höhle, in der ich mich verkriechen kann.

Ich weiß nicht, was dann geschieht; ich weiß nur, dass diese Gleichgültigkeit nicht geblieben ist und dass ich irgendwann wieder genau so trotzig war (lacht). Und dann war da der Gedanke (Eva ballt die rechte Hand zur Faust und beugt den Unterarm wie zum Zustechen): Ich bringe ihn um, irgendwann ... irgendwann bringe ich ihn um! (Bald darauf wird sie traurig und beginnt zu weinen, reißt sich aber immer wieder aus dem Gefühl heraus, indem sie sich heftig am Arm kratzt. Ich frage sie, warum sie sich nicht der Traurigkeit überlassen will.) Wenn ich traurig bin, dann spür' ich, wie hilflos ich bin, und ich hab' Angst davor, diese Hilflosigkeit zu spüren. Es ist keiner da, der mit hilft (nun beginnt sie hemmungslos zu schluchzen). Warum hilft mir eigentlich keiner?

Später fiel Eva spontan ein, dass der Lederriemen mit Griff und Knoten die Hundepeitsche ihres Großvaters war, an die sie sich vorher nicht mehr erinnern konnte. Jetzt fiel ihr auch ein, dass sie einmal gesehen hat, wie der Großvater seinen Schäferhund damit schlug.




Durchgedreht

Auch dieses Protokoll stammt noch aus Evas neuntem Lebensjahr. Der Vater hat sie wieder einmal von der Schule abgeholt und ist mit ihr zu dem kleinen weißen Haus gefahren.

Er sagt, ich soll mich ausziehen, und er schaut mir dabei zu. Ich muss mich aufs Bett legen, und dann zieht er sich auch aus. Plötzlich ist da der Gedanke: Ich halt' das nimmer aus, ich ertrag' das einfach nicht mehr. Wenn er mich noch einmal anfasst, dreh' ich durch. (Eva verschränkt die Arme, zieht die Schultern zusammen, zittert.) Ich will nicht, ich will nicht! Es ist nicht die Angst, dass er mir wieder weh tut - es ist der Ekel davor, dass er mich berührt, sein Körper ... alles. Wenn ich noch mal spür', wie er mich berührt, dreh' ich durch. Er kommt mir immer näher, immer näher, und ich hab' nur den Gedanken, wenn er mich berührt, dreh' ich durch. Dann ... dann ... dann fasst er mich an – (es ist wie ein Schlag) - und ich schrei', ich schrei' und schlag' nach ihm und kratz' ihn und ich schrei' und schrei'. Gleichzeitig hab' ich das Gefühl, ich steh' dabei neben mir und hör' mich schreien und hab' das Gefühl, das bin gar nicht ich. Ich hör' mich schreien, und ich hab' gar keine Kontrolle darüber, ich kann einfach nichts tun. Und dann denk' ich, jetzt werd' ich verrückt! Ich verlier' mich einfach, ich werd' verrückt. Und dann ist da eine Weile gar nichts. Und dann hör' ich meinen Vater lachen. Er lacht und hält meine Hände über dem Kopf fest, und ich versuch' immer noch, mich zu wehren, aber er lacht nur. Er lacht mich aus. Und dann hör' ich auf zu schreien, ich kann nicht mehr schreien. Jetzt spür' ich meinen Vater wieder. Er liegt auf mir, und ich spür' seinen Körper und wie er sich an mir reibt. Ich kann nicht weg, ich kann mich einfach nicht wehren - er macht mit mir, was er will. Jetzt kniet er über mir und ich weiß schon, was er jetzt will ...

Als es vorbei ist, fängt er an zu reden, er redet auf mich ein. Ich will ihn nicht hören, er soll mich in Ruhe lassen! Ich hab' das schon so oft gehört und will es nicht hören (Eva hält sich die Ohren zu). Ich höre es aber doch. Dass es doch gar nicht so schlimm ist und dass ich mich nur nicht so anstellen soll. Dass es mir doch auch gefällt und dass es mir auch Spaß macht. Ich soll sagen, dass es mir Spaß macht. Dann tut er mir weh. Ich soll sagen, dass es mir Spaß macht. (Eva nickt anhaltend.) Das genügt ihm nicht, ich soll es sagen, und er tut mir wieder weh. Er tut mir so weh! Da sag ich: »Ja, es macht mir auch Spaß.« (Mit schmerzverzerrtem Gesicht, ganz verzweifelt.) Jetzt lässt er mich in Ruhe.

Ich zieh' mich an, und irgendwann fahren wir nach Hause. Ich bin traurig und weine, und er sagt, ich soll mich zusammennehmen. Ich muss so tun, als wär' nichts passiert. Ich versuch' auch, mich zusammenzureißen ... es ist anstrengend, sehr anstrengend. Es darf doch niemand etwas merken. - Irgendwann hab' ich das Gefühl, es interessiert doch sowieso keinen. Meine Mutter will es einfach nicht bemerken.

Aus dieser Zeit gibt es noch einige weitere Protokolle, in denen sich bestimmte Symptome immer deutlicher abzeichnen: Eva »dreht durch« und »verliert die Kontrolle« über sich. Sie steht gleichsam neben sich und beobachtet sich z. B. beim Schreien, ohne jedoch etwas dagegen tun zu können. Sie erlebt häufiger und intensiver die Gefühle der absoluten Gleichgültigkeit und Leere, als ob es sie »gar nicht mehr gebe«. Eva empfindet dies als »unheimlich schön« und möchte sich ganz hineinfallen lassen - und spürt gleichzeitig, dass dies gefährlich wäre. - Und mit jeder Misshandlung und jeder Erniedrigung wächst in ihr der Hass auf den Vater.

Auch im nächsten Protokoll - ebenfalls aus Evas neuntem Lebensjahr - zeigen sich diese Symptome. Daneben erweist sich eindrucksvoll, dass Evas Lebensmut und ihre Widerstandskraft (Eva und ihr Vater nennen sie »Trotz«) noch immer ungebrochen sind.




Point of no Return

Ich muss zu meinem Vater kommen, und ich hab' Angst. Er ist in seinem Büro neben der Wohnung. Er sagt, er hat schon auf mich gewartet. Er schließt die Tür hinter mir ab, und da weiß ich, jetzt kann ich nicht mehr weg. Er sagt, er muss mich wohl wieder einmal bestrafen, weil ich immer noch so trotzig bin. (»Ist da irgend etwas vorgefallen?«) Ja, irgendwas war da an dem Tag ... ich war so wütend auf ihn ... irgendwas wollt' ich absolut nicht tun ... ich wollte es einfach nicht tun, weil er es wollte ... und deshalb muss er mich bestrafen. Er sagt, dass er mir den Trotz schon austreiben wird ... (Eva schüttelt trotzig den Kopf und ballt die Faust.) Komisch ... ich hab' Angst, aber ... irgendwie denk' ich, das schafft er nicht! Er kann mich schlagen und alles mögliche mit mir machen, aber irgendwo bin ich stärker als er (Eva freut sich offensichtlich). Ich nehm' mir einfach vor, dass er mich nicht klein kriegt ... (wird ernst) ... es ist verdammt anstrengend ...

Ich muss mich ausziehen, und dann muss ich mich über die Couch legen. Ich weiß schon, was er will, irgendwie kenn' ich es einfach schon ... Er steht da mit einem Stock in der Hand, und dann fängt er an, mich zu schlagen (Evas Gesicht verrät starke Schmerzen, sie zuckt bei jedem Schlag zusammen, sie wimmert und stöhnt, beißt aber die Lippen zusammen und bemüht sich sichtlich, nicht zu schreien). Ich soll ... ich soll ... (sie setzt mehrfach zum Sprechen an, unterbricht sich aber immer wieder, schüttelt energisch den Kopf und macht ein trotziges Gesicht. Sie will offenbar nicht wiederholen, was ihr Vater sagt, so, als sei das bereits eine Einwilligung). Ich werd' ihn nicht bitten, ich werd' ihn nicht bitten, und wenn er mich totschlägt! (Immer wieder heftiges Kopfschütteln.) »Du bist ja immer noch trotzig! Willst du jetzt lieb sein, oder willst du noch mehr Schläge?« - (»Was will dein Vater denn von dir?« Erst nach mehrfachem Nachfragen bringt sie mühsam hervor:) Ich soll ihm sagen, dass ich ... dass ich ... (reißt sich an den Haaren) in Zukunft lieb sein will ... und (Kopfschütteln) ... und nicht mehr trotzig bin. Ich ... ich soll ihn ... ich soll ihn drum bitten ... wenn ich ihn ... (sehr mühsam) ... wenn ich ihn ganz brav drum bitte, dann hat er mich wieder lieb, und dann kann er aufhören, mich zu schlagen. (Eva wird wütend:) Er weiß ganz genau, wie ich es hasse zu bitten (voller Trotz), absolut hasse. Er will mich .. nur klein kriegen ... er macht mich so wütend ... ich werd' ihn nicht darum bitten! - Dann schlägt er mich weiter, und es wird immer schlimmer ... es tut so weh ... er tut mir so weh! (Der Vater schlägt unentwegt auf sie ein, sie wimmert und stöhnt und beißt sich auf die Lippen. Schließlich gibt sie doch auf.) »Bitte ... bitte ... (sehr traurig, gebrochen, ganz leise:) »Ich will lieb sein ... ich werd' ganz lieb sein« ... Ich soll ... ich soll es ganz laut und deutlich sagen ... Ich hab' solche Angst ... er steht da mit dem Stock in der Hand ... und da (sehr widerwillig) da sag' ich es: »Bitte, bitte, ich will ganz lieb sein!« (Eva ist völlig erschöpft, sie weint still vor sich hin und schämt sich anscheinend vor sich selbst, dass sie kapituliert hat.)

Ich will ... (schon wieder trotzig) ich will nicht weinen, er soll nicht merken, wie sehr er mir weh tun kann ... Wenn ich ihm nicht zeig', dass er mir weh tut, dann hab' ich das Gefühl, ich verderb' ihm den Spaß. Er zieht seine Hose aus ... da weiß ich, was jetzt kommt. Ich muss mich auf die Couch legen. »Jetzt kannst du gleich beweisen, dass du ganz lieb bist!« Er kommt zu mir und streichelt mich und sagt, dass es doch so schön ist ... und ... dann legt er sich auf mich ... ich hab' so Angst ... (plötzlich wieder Zeichen heftiger Schmerzen, ihr Atem stockt, sie stöhnt und presst die Lippen zusammen). Er tut mir so weh ... er tut mir so weh ... (Eva stöhnt und zittert minutenlang. Plötzlich liegt sie ganz ruhig, wie bewusstlos.)

Er steht auf und zieht sich an und sagt, dass ich jetzt gehen kann. Ich ... ich fühl' mich so total leer ... Ich zieh' mich an, und dann sagt er noch, dass ich niemandem was sagen darf ... Irgendwie ist mir sowieso alles gleichgültig, ich will nur allein sein ... allein sein. Ich geh' in mein Zimmer und ich setz' mich auf mein Bett und verkriech' mich in eine Ecke ... irgendwie hab' ich das Gefühl, als würde alles um mich herum immer weiter verschwinden ... ich bin einfach irgendwie ganz weit weg (lächelt), als wär' ich gar nicht mehr da ... es ist unheimlich schön ... so ruhig und friedlich, und niemand ist da, der mir weh tut ... (Plötzlich .wird Eva unruhig, irgend etwas scheint ihr unangenehm zu sein.) Da ist irgendwo die Stimme meiner Mutter ... (hält sich die Ohren zu), ich will sie nicht hören ... sie gehört nicht hierher ... ich will, dass sie verschwindet ... Sie ruft immer wieder, und ich merke, dass ich immer mehr in die Wirklichkeit zurückkomme ... Dann ist sie da und schimpft, dass ich nicht gekommen bin ... Ich hab' das Gefühl, ich muss mich zusammennehmen, ich muss mich zusammennehmen ... ich möcht' wieder ... ich hab' so Sehnsucht danach, wieder wegzugehen ... es geht irgendwie auch ganz einfach; wenn ich mich nicht dagegen wehre, dann geschieht es einfach ... Ich hab' das Gefühl, es zieht mich immer wieder da hin ... (Eva ist ganz ruhig und entspannt). Es ist so schön und so friedlich ... und alles andere ist einfach weg ... (Auf einmal wird Eva mehr und mehr unruhig). Irgendwie hab' ich plötzlich das Gefühl, ich muss aufpassen ... ich kriege Angst ... es ist gefährlich ... (sie wird traurig), es ist so schön ... es ist so schön, und ich will nicht zurück, es ist so schön ... (beginnt zu weinen), ich muss zurück ... ich muss zurück ... (wird wieder unruhig) ... ich weiß nicht, wenn ich da so weggehe, ist es unheimlich schön, aber ich hab' das Gefühl, da kommt irgendwann so das absolute Nichts ... ich hab' Angst, dass ich da irgendwo aufhöre zu existieren (zittert) ... dann muss ich wieder zurück (wird traurig) ... es ist schwer, da wieder wegzugehen (weint) ... ich weiß, wenn ich zurückgehe, dann ... dann geht alles so weiter wie bisher ... (Eva macht fahrige Bewegungen mit den Händen, reißt dann plötzlich die Augen auf, voller Angst und schreckensstarr, beginnt schließlich heftig zu weinen.) Ich muss zurück, aber ich will nicht! Ich möchte dort bleiben ... es ist so schön ... und gleichzeitig weiß ich, dass es gefährlich ist ... dass ich nicht dableiben darf! Ich muss zurück! - Ich will einfach leben! Und irgendwie hab' ich das Gefühl, ich kann noch kämpfen.




... dann bring' ich ihn um!

Mein Vater ruft mich, ich soll zu ihm kommen. Ich hab' Angst und fühl' mich so hilflos, aber ich muss ihm gehorchen. Ich geh' zu ihm ins Schlafzimmer, und er schließt die Tür hinter mir ab. »Zieh dich aus! - Leg dich aufs Bett, ich will mit dir schlafen.« - »Ich will nicht, ich will nicht!» Da wird er wütend und schlägt mich ins Gesicht. »Dir werd' ich helfen! Du tust, was ich will!« Er schlägt mich einfach. Er ist so wütend, und ich hab' Angst, er schlägt mich tot. Ich trau' mich nicht mehr, mich zu wehren, und dann tu' ich, was er will. Er legt sich auf mich und ... er tut mir so weh, und ich kann nichts dagegen tun, ich muss einfach warten, bis es vorbei ist ... Irgendwann ist es vorbei, und ich ... ich ... ich ... (Eva ist völlig erschöpft). »Hast du endlich begriffen, du gehörst mir! Du bist nur dazu da, dass ich dich benützen kann, sonst bist du zu nichts wert! Hast du verstanden?« (Eva nickt nachdrücklich mit dem Kopf.) Ich sage »ja«, ich sage zu allem »ja«, ich habe solche Angst. Ich versuche auch, das zu begreifen und mich nicht mehr dagegen zu wehren. Ich will mich endlich damit abfinden. Wenn er es doch sagt! Er ist doch mein Vater! Ich nehme mir vor, mich endlich damit abzufinden ... aber ich kann es nicht! Ich kann mich nie damit abfinden ... aber ich kann auch nichts dagegen tun ... Wenn ich es schaffe, mich damit abzufinden, wäre vielleicht alles gar nicht so schlimm, aber ich kann es nie ganz. - »Jetzt nimm dich zusammen! - Du weißt, dass du niemandem ein Wort sagen darfst, sonst schlag' ich dich tot! - Und jetzt verschwinde!«

Ich nehm' meine Kleider und geh' ins Bad und wasch' mich; ich komm' mir so schmutzig vor. Dann zieh' ich mich an und geh' fort. Ich weiß nicht, wo ich hin will, ich will nur weg von hier. Ich laufe einfach durch die Gegend. Ich fühle mich so allein, und ich will nicht mehr heim. - Irgendwann bin ich am Fluss unten. Ich sitz' ganz lang da und schau' in das Wasser. Ich müsste mich bloß reinfallen lassen. Ich hab' das Gefühl, als würde mich das Wasser anziehen. Aber es ist gleichzeitig unheimlich. Ich denk', ich muss weg hier, doch ich kann nicht. Ich glaub' ... ich glaub', wenn ich tot bin, hab' ich endlich meine Ruhe, und doch hab' ich so Angst davor. Ich kann mich nicht entscheiden. Ich bleib' einfach da sitzen. - Es wird kalt, und ich friere. Aber ich hab' das Gefühl, ich kann einfach nicht weg. Wenn ich weggehe, dann geht alles so weiter. Und wenn ich mich da reinfallen lasse, dann ist alles ... ich weiß nicht, ich hab' die Vorstellung, dass es dann ewig dunkel ist. Und davor hab' ich Angst. Ich sitz' da ganz lang und weiß einfach nicht, was ich tun soll.

Dann fängt es an dunkel zu werden. Ich möcht' am liebsten einfach da sitzen bleiben, aber ich muss nach Hause. - Es wird dunkel, und dann geh' ich halt doch nach Hause. Ja, ich geh' nach Hause, und ich weiß, es wird alles so weitergehen. Ich gehe nach Hause, aber ich hab' mich nicht dafür entschieden, dass ich weiterleben will. Ich hab' das Gefühl, ich hab' es erst mal aufgeschoben. - Als ich nach Hause komme, ist da meine Mutter und schimpft. Sie will wissen, wo ich war und warum ich so spät komme. Ich ... ich ... (hilflos und verzweifelt) ich kann es ihr doch nicht erklären, ich darf ihr doch nichts sagen. Ich steh' nur da und sag' gar nichts. Sie wird böse und schimpft mich. Sie sagt, ich mach' ihr nur Ärger. Ich soll verschwinden, sie will mich nicht mehr sehen. - Ich geh' ins Bett. Ich bin traurig und fühl' mich so alleingelassen. Immer schickt sie mich weg ... Auf einmal geht die Tür auf, und da ist mein Vater. »Hast du irgend jemand was erzählt?« (Heftiges, angstvolles Kopfschütteln.) »Ich hab' nichts gesagt, ich sag' nichts!« - »Du weißt, ich bring' dich um, wenn du was sagst!« Dann geht er wieder. (Nach einer Weile wird Eva unruhig und beginnt sich heftig am Arm zu kratzen.) Ich ... ich ... ich will mir weh tun! (»Warum?«) Ich will mich bestrafen! (»Wofür?«) Irgendwie bin ich schuldig. (»Wie?«) Ich bin böse! ( »Was tust du Böses?«) Keiner hat mich lieb. Wenn ich nicht böse wäre, hätten sie mich lieb. (Eva weint. Sie krümmt ihre Finger, und ihre rechte Hand wird wie eine Kralle.) Ich muss mich bestrafen! Ich zerkratz' mir das Gesicht. Irgendwie bin ich auch wütend, aber ich weiß nicht, auf wen. Wahrscheinlich bin ich schuld. - Ich will mir einfach weh tun. Ich zerkratz' mir das Gesicht. - Es reicht nicht, es reicht nicht! Es tut nicht genug weh. Es blutet, aber es reicht nicht, es reicht nicht! Ich brauch' irgendwas, womit ich mich mehr verletzen kann. Ich steh' auf und hol' mir das Messer. Es gehört meinem Bruder. Ich hab' es mir genommen und in meinem Zimmer versteckt. Ich hab' es schon oft mit ins Bett genommen und hab' es aufgeklappt und angeschaut und mir vorgestellt, dass ... wenn er wieder kommt, dann bring' ich ihn um! Wenn er mich noch einmal anfasst, bring' ich ihn um! Dafür hab' ich mir das Messer genommen. Ich hab' so einen Hass auf ihn. Er macht mit mir einfach, was er will. Ich ... ich ... wenn er mich noch einmal anfasst ... Ich glaub', ich will auch gar nicht mir weh tun, ich will ihm weh tun! Ich bin wütend und will ihm weh tun ... und dann tu' ich mir selber weh. Ich nehm' das Messer und schneid' mir in den Arm. - Das tut auch nicht genug weh, und ich bin immer noch wütend. Ich bin wütend und weiß nicht, was ich mit dieser Wut machen soll. Dann schneid' ich mir immer wieder in den Arm, aber ich spür' überhaupt nichts, ich schau' mir einfach dabei zu. Es blutet ... (Nach einiger Zeit beginnt Eva, mit dem Daumennagel wie mit einer Klinge über die Pulsadern am linken Handgelenk zu schneiden.) Ich müsste eigentlich hier schneiden. Dann wär' alles vorbei, und dann könnte mir niemand mehr weh tun. Aber ich hab' Angst davor. Irgendwie hab' ich Angst davor, tot zu sein. (Plötzlich zeigt sie Anzeichen von Schmerz.) Jetzt fängt der Arm an, weh zu tun. - Da kommt mein Vater. Ich hab' Angst vor ihm, und ich bin wütend auf ihn. Ich nehm' das Messer wieder in die Hand (sie beugt den rechten Arm, als ob sie zustechen wolle). Ich will nicht, dass er näher kommt. Aber er kommt immer näher. Ich will mich wehren und will ihm weh tun und ... irgendwo hab' ich das Bild, dass ich auf ihn einsteche, immer wieder und immer wieder. Umbringen möcht' ich ihn! Er hat mir so oft gedroht, dass er mich umbringt, und seit ich das Messer hab' ... ich will einfach auf ihn einstechen, immer wieder. Und ich versuch' auch zuzustechen ... aber er ist so viel stärker als ich, er hält einfach meine Hand fest und nimmt mir das Messer ab. Er ist wütend und schlägt mich. Er weiß genau, was ich wollte. Er schlägt einfach zu, immer wieder. »Das wirst du mir büßen! Jetzt ist der Spaß vorbei, in Zukunft hast du nichts mehr zu lachen!« - Komisch, ich weiß, dass das stimmt, dass es nachher noch viel schlimmer ist. - Immer wieder schlägt er zu, und irgendwo schlag' ich mit dem Kopf hin. Ich schrei', und da kommt meine Mutter. »Was ist hier los?« - »Sie ist verrückt! Sie ist mit dem Messer auf mich losgegangen!« - Vielleicht hat er Recht, vielleicht bin ich wirklich verrückt? Es verwirrt mich so, vielleicht bin ich wirklich verrückt. - Meine Mutter ist jetzt auch wütend. »So geht das nicht weiter! Es muss was geschehen, es muss irgendwas passieren!« Es klingt wie eine Drohung. Ich denke, die machen jetzt irgendwas mit mir, und kriege Angst. – Schließlich wäscht irgend jemand das Blut von meinem Arm ab und verbindet ihn. Ich hab' das Gefühl, sie sind böse auf mich. Mir ist alles gleichgültig. Es tut auch fast nicht mehr weh.

Es ist Morgen, und ich bin wach. Ich hör' sie alle draußen. Weil keiner kommt, weiß ich, dass etwas anders ist als sonst. Keiner kümmert sich um mich, und ich trau' mich nicht, aufzustehen und zu ihnen zu gehen. Ich hab' Angst davor, was jetzt geschieht, was sie jetzt mit mir machen. Ich warte einfach und hab' Angst. Ich höre, wie meine Brüder weggehen. Dann geht auch mein Vater weg, und ich bin immer noch allein und weiß nicht, was ist ... Irgendwann kommt meine Mutter. Ich trau' mich nicht zu fragen, was jetzt geschieht, und sie redet nicht mit mir. Ich soll aufstehen und mich anziehen. Ich weiß gar nicht, wo sie mit mir hin will. Es ist so ruhig, sie redet nicht, und ich rede nicht. Irgendwann geht sie mit mir weg, und ich weiß immer noch nicht, wohin. Das ist das Unangenehmste, dass sie nicht mit mir redet. Ich hab' so Angst! Wir gehen in irgendein Haus. Ich überlege, ob ich nicht einfach wegrennen soll. Doch ich weiß nicht, wohin. Dann gehe ich halt mit ihr. Ich weiß immer noch nicht, wo wir sind. - Dann sind wir in einem langen Gang mit Stühlen an den Seiten und müssen erst mal warten. Nach einiger Zeit lässt meine Mutter mich allein. - Auf einmal schreit ein Kind. Da bekomme ich unheimliche Angst. Ich denke, sie tun ihm weh, und als nächstes holen sie mich und tun mir auch weh. Ich möcht' am liebsten weglaufen, aber ich kann das nicht. Ich bin irgendwie wie gelähmt, ich kann einfach nicht weg. Ich schaff' es einfach nicht. - Dann holen sie mich. So langsam bekomme ich mit, dass wir bei einem Arzt sind. Doch ich weiß immer noch nicht, was sie vorhat. - Ich kenne den Arzt nicht. Ich soll erzählen, was los ist. Er will wissen, warum ich das getan hab'. Er weiß, dass ich mit dem Messer auf meinen Vater los bin. - Ich darf es doch nicht sagen, ich darf es doch nicht sagen! (Eva ist ganz verzweifelt.) Ich sag' einfach gar nichts, doch dann glauben immer alle, ich wär' trotzig. - Dann redet meine Mutter über mich, und das ist mir sehr unangenehm. Es stimmt nicht, was sie sagt. Ich will sie nicht hören! Es stimmt so nicht! Es stimmt nicht! Aber ich kann's doch nicht erklären! - Dann schicken sie mich raus, und ich muss einfach warten, was sie beschließen. Irgendwann ruft er mich wieder rein. Meine Mutter ist nicht mehr im Zimmer. Darüber bin ich eigentlich ganz froh. Er macht den Verband vom Arm ab, und das tut weh. Er fragt, ob ich ihm nicht sagen will, warum ich das gemacht hab'. Da fang' ich zu weinen an, und er lässt mich einfach weinen und schimpft nicht. Es ist schön, dass keiner sagt, dass ich endlich aufhören soll. Er nimmt mich in den Arm und lässt mich weinen. Und für einen Moment fühle ich mich vollkommen sicher. Er fragt noch mal, ob ich ihm nicht erzählen will ... (Eva presst die Lippen heftig zusammen). Und warum ich so traurig bin, ob mir jemand was getan hat. Aber ich darf ihm doch nichts sagen! Dann gehen wir wieder nach Hause, und ich weiß immer noch nichts. Sie redet nicht mit mir, sie sagt mir einfach nichts. Ich weiß nicht, was sie mit mir tun wollen.

Dann muss ich immer diese Tabletten nehmen. Ich mag sie nicht nehmen. Sie sind eigentlich ganz klein, aber ich mag sie nicht. Mir ist dann immer alles so gleichgültig, und ich bin immer müde. Ich hoffe immer, dass sie sie vergisst, aber das passiert selten. Und immer, wenn ich denke, jetzt sind die Tabletten alle, sind wieder neue da. (»Wie oft etwa?«) Sieben- oder achtmal. ( Warst du inzwischen noch mal bei dem Arzt?«) Nein. - Vor allem früh mag ich sie nicht nehmen. Abends muss ich sie auch nehmen. – (Nach einer Weile wird Eva sehr unruhig und beginnt zu zittern.) Ich hab' fürchterlich Angst. Die Angst kommt immer wieder. Und dann sind da diese blöden Tabletten. Wenn ich sie genommen hab', kann ich überhaupt nicht richtig denken ... und bin so müde. Und irgendwann kommt dann die Angst wieder. Ich weiß gar nicht, wovor ich Angst hab'. Ich weiß nicht ... ich weiß nur, dass es immer am Nachmittag und Abend ist, dass ich Angst hab', und dann bin ich immer froh, wenn ich ins Bett darf. Dann geben sie mir noch eine Tablette, und dann schlaf' ich. - Ich weiß, dass ich die Tabletten lange Zeit nehmen muss und dass es ganz schrecklich ist. Nichts macht mir mehr Freude. Immer ist da dieses komische Gefühl von den Tabletten - oder die Angst. Irgendwann fange ich an, diese Tabletten zu erwarten, und irgendwie werde ich immer stiller und hab' das Gefühl, die anderen kommen gar nicht mehr an mich heran. Nur mein ... nur mein Vater, der kommt und tut mir immer weh. Ich glaube, er hat es darauf angelegt, mir weh zu tun, es macht ihm Spaß.

Irgendwie sind die Tage alle gleich. Irgendwie bin ich überhaupt nicht mehr da. Ich bin schon da, aber irgendwie bin ich total allein. Komisch, die anderen sind zwar da, aber ich bin wie unter einer Glasglocke. Ich rede einfach nichts mehr und bin immer weiter weg.

Dann - irgendwann - ist es aus. Es gibt keine Tabletten mehr. Irgendwann geben sie mir keine mehr, es sind keine mehr da. Ich ... (Eva beginnt heftig zu zittern und zu frieren) ich ... ich ... es ist, als würde diese Glasglocke verschwinden, und ich bin wieder mitten unter den ganzen Leuten, und alles ist so laut und macht mir Angst. Ich will diese Tabletten wieder haben! Ich habe Panik, weil die nicht mehr da sind, und irgendwie hab' ich das Gefühl, so die ganze Welt rückt wieder näher, es ist wieder alles so wie vorher. Mein Vater, er macht mit mir, was er will. Ich ... ich ... ich weiß nicht, wie ich ohne diese Tabletten zurechtkomme. Ich brauche diese Tabletten, ich halt' es sonst nicht aus. Irgendwie hab' ich keinen Schutz mehr. Ich hab' das Gefühl ... ich hasse es, wie die Welt immer näher kommt. Ich möchte alles von mir fernhalten. Zeitweise geht das, ich lass' niemand an mich rankommen. Doch dann kommt mein Vater ...

Ich ... ich weiß nicht, ich hab' da beschlossen, niemand mehr an mich herankommen zu lassen. (Eva liegt da wie eine aufgebahrte Tote, das Gesicht ausdruckslos, die Arme über der Brust gekreuzt, doch mit weit abgespreizten Fingern. Es ist ein schrecklicher Anblick. Auf meinen Versuch, auch nur ihre Fingerspitzen ganz leicht zu berühren, reagiert sie mit Panik und heftiger Abwehr.)

Dieses Protokoll aus Evas neuntem Lebensjahr scheint zunächst die Mitwisserschaft der Mutter, für die es in früheren Protokollen zahlreiche Hinweise gibt, wieder in Frage zu stellen: Hätte die Mutter es gewagt, mit Eva einen Arzt aufzusuchen, wenn sie die Gründe für deren auffälliges Verhalten gekannt hätte? Andererseits enthält dieses Protokoll einen weiteren Hinweis auf die Komplizenschaft der Mutter: Sie erzählt in Evas Beisein dem Arzt Unwahrheiten - was wird sie ihm erst gesagt haben, als sie mit ihm allein war?

Doch warum ist sie mit Eva zum Arzt gegangen? Sollte dies ein verzweifelter Appell oder eine Drohung an den Vater sein? Ist es ein Zeichen ihrer eigenen Hilflosigkeit und Überforderung? Oder einfach der Rückgriff auf das gängige Verfahren, ein Problem scheinbar zu beseitigen, indem man diejenige ruhigstellt, die lästigerweise immer wieder darauf aufmerksam macht? Vielleicht von all dem etwas, und das auf dem Untergrund einer gehörigen Portion Dummheit und im Vertrauen darauf, dass Eva schon genügend eingeschüchtert ist und nichts verraten wird? (Oder wurde die Mutter einfach von dem Ansinnen des Arztes überrascht, mit Eva allein sprechen zu wollen?) Dazu mag noch jenes Quäntchen (oder Quantum) Irrationalität kommen, das so oft menschliches Handeln mitbestimmt.

Die Frage, ob die Mutter von den Misshandlungen Evas wusste, konnte nie definitiv entschieden werden. Eva hat mit ihrer Mutter auch später nie darüber gesprochen; und ob diese dann die Wahrheit gesagt hätte, ist höchst ungewiss. Für Evas subjektives Erleben ist die Antwort ohnehin gleichgültig: Eva war seinerzeit fest davon überzeugt (und ist es noch immer), dass die Mutter von den Vorgängen wusste und sie geduldet hat. Dies allein ist dafür entscheidend, wie sehr Eva sich hilflos, verlassen, verloren fühlen musste.

Erschütternd ist das Verhalten des zunächst so sympathisch und einfühlsam wirkenden Arztes. Er war bald auf der richtigen Spur und kann daher nicht einfach als naiv gelten - und doch unterließ er selbst eine nur oberflächliche Untersuchung Evas auf Spuren von Misshandlungen, von einer gynäkologischen Untersuchung ganz zu schweigen. Statt dessen verschrieb er, vermutlich ganz im Sinn der Mutter, über viele Wochen hinweg immer wieder Psychopharmaka, ohne sich die kleine Patientin noch einmal vorstellen zu lassen, wodurch Eva schließlich süchtig wurde.




Ich bin schuld (10. Lebensjahr)

Es ist Frühjahr; Eva geht in die 3. Klasse. Sie ist also gerade neun Jahre alt.

Ich spiel' auf der Straße, da kommt mein Vater und sagt, dass ich mitkommen soll und dass wir nach X. zu meinen Großeltern fahren und meine Mutter abholen. - Wir fahren los ... auf einmal merk' ich, dass wir zu diesem Haus fahren (Eva beginnt zu weinen, dann wird sie wütend und ballt die Fäuste). Er hat mich wieder angelogen! Ich glaube ihm nicht mehr ... ich werde ihm nie mehr glauben!

Ich muss mit ihm in dieses Haus gehen und muss mich ausziehen. Es geht ihm nicht schnell genug. Ich soll mich beeilen, sagt er, er hat nicht viel Zeit. Ich zieh mich aus ... er sagt dauernd, ich soll nicht so langsam machen. »Komm her!« - »Nein, nein!« (Eva sagt das sehr energisch und schüttelt sehr bestimmt den Kopf.) Ich will das nicht tun, ich tu' das nicht! (Eva bedeckt den Mund mit dem Handrücken.) Er wird wütend und schreit mich an: »Komm sofort her!« - »Ich will nicht, ich will nicht! Ich tu's nicht, nein, nein!« - »Zum letzten Mal: Komm her!« Er wird immer böser, und ich hab' so Angst vor ihm. (Eva schüttelt nur noch den Kopf.) - »Du willst es wohl nicht anders!« Er geht und holt ... (Evas Atem stockt) er holt die Peitsche. »Nein, nein, nicht, nicht!« - »Schau sie dir an! Wir wollen doch mal sehn, ob du nicht doch tust, was ich will!« Ich ... ich geh' immer weiter zurück, ich will weg von ihm, aber er geht mir nach. Jetzt kann ich nicht mehr weg, da ist die Wand ... und er steht vor mir (sie zittert vor Angst). »Nein, nein!« - »Dreh dich um!« - »Nein, nein!« Er packt mich und dreht mich um und dann ... dann »Au, au!« (Eva verzerrt das Gesicht vor Schmerzen. Der Vater schlägt sie etwa ein Dutzend Mal mit der Peitsche. Nach einigen Schlägen bricht Eva zusammen und kauert am Boden. Bei jedem Schlag zuckt sie zusammen, schreit auf, krümmt sich vor Schmerz und bittet immer wieder, er möge aufhören:) »Nicht! Ich tu' alles, ich tu' alles! Nicht mehr schlagen, bitte!« - »Tust du jetzt, was ich will?« (Eva nickt.) »Ja, ja, ich will alles tun!« - »Komm hoch, steh auf!« (Eva kann nicht aufstehen.) Er packt mich am Haar und zerrt mich hoch. (Eva öffnet den Mund. Sie kniet jetzt vor ihrem Vater.) Er packt meinen Kopf ... (Eva stöhnt und würgt, verzerrt das Gesicht vor Schmerz und Abscheu. Immer wieder zieht der Vater ihren Kopf an sich.) »Na, wie gefällt dir das? Willst du noch mehr?« Jetzt packt er meinen Kopf noch fester ... (Ihre Kopfbewegungen werden heftiger und schneller, sie bekommt keine Luft mehr, ächzt und würgt, läuft rot an. Schließlich schluckt sie einige Male voller Ekel.) »Warum nicht gleich so? Immer erst dieses Theater!« (Eva ballt die Fäuste und sagt erst leise, dann immer lauter, mit wachsender Wut:) »Ich hasse dich, ich hasse dich, ich hasse dich, ich hasse dich!« 

Er lacht nur ... er lacht mich aus ... (sie wird sehr traurig und beginnt zu weinen). »Das ist mir egal! Hauptsache, du tust, was ich dir sage!« (Und nach einer kurzen Pause:) »Du hättest mich eben nicht wütend machen sollen!« (Dieser Satz beschäftigt Eva lange:) Jetzt bin ich wieder schuld! Ich bin schon immer an allem schuld gewesen! (Sie rollt längere Zeit verzweifelt den Kopf hin und her.) Ich bin selber schuld! Ich bin selber schuld. Ich bin schuld ... ich bin schuld ... (viele Male).




Niemand glaubt dir!

Ich komm' zu ihm in sein Büro ... ich will ihm nur was sagen und gleich wieder gehen, aber er hält mich fest. Ich soll ... (Eva erschrickt) ich soll ein bisschen bei ihm bleiben. Dann schließt er die Türe ab und sagt, dass er mich lieb hat und dass er mich braucht. Er soll mich loslassen! Er ... er fängt an, mich auszuziehen (Eva wehrt sich). »Du gehörst doch mir!« (Dieser Satz, den Eva schon so oft gehört hat, empört sie immer wieder aufs Neue.) »Ich gehöre doch nicht ihm! Ich kann doch niemandem gehören.«

Überall sind seine Hände ... ich will das nicht, aber er ist einfach stärker, und ich hab' so Angst vor ihm! Er sitzt auf der Couch, und ich steh' bei ihm ... seine Hände sind überall ... überall ... ich weiß nicht, was ich tun kann. (Evas Stimmung schwankt zwischen Hilflosigkeit, Verzweiflung und Empörung. Auf einmal platzt sie los:) »Lass mich! Lass mich! Ich sag' alles der Mama!« - Schon wie ich das sage, weiß ich, dass ich es nicht hätte sagen sollen. - Er wird böse ... er packt mich und hält mich ganz fest. Es tut so weh! Er hält mich so fest! Ich hab' so Angst vor ihm ... er hält mich so fest! (Eva reibt sich die Oberarme.) »Du wirst mit niemandem darüber reden niemals! Hast du verstanden?« Ich hab' so Angst vor ihm (Eva zittert am ganzen Leib). »Es würde dir sowieso niemand glauben. Ich werde sagen, dass du lügst und dass du es gewollt hast. Jeder wird mir glauben, und dich stecken sie ins Heim, und da geht's dir schlecht ... da ist es besser für dich, du tust, was ich sage.« Er sagt, ich soll mich auf die Couch legen ... ich hab' Angst, ich hab' so Angst! Er legt sich auf mich. »Nein, nein, bitte nicht, bitte nicht!« (Eva fleht förmlich um Gnade.) »Stell dich nicht wieder so an!« Dann ... (Eva windet und krümmt sich nun minutenlang vor Schmerz, sie beißt die Lippen zusammen und ballt die Fäuste, drückt sich die Fingernägel tief in die Handflächen, wimmert und stöhnt.) Er tut mir so weh! Er tut mir so weh! (Dann liegt sie erschöpft still. Nach einigen Minuten beginnt sie sehr matt und traurig, fast unhörbar:) Ich ... ich will nicht mehr ... ich will nicht mehr ... (Sie wiederholt diesen Satz viele Male, dann wird sie still. Nach einer Weile sagt sie ganz lethargisch:) Es ist alles so weit weg ... Ich zieh' mich an, aber es ist, als ob ich gar nicht da wäre. Er sagt, ich soll spielen gehen ... jetzt mag ich nicht mehr spielen. Ich geh' in mein Zimmer und leg' mich auf mein Bett. Es hört niemals auf ... es hört niemals auf ... niemals ... (Eva weint längere Zeit ganz verzweifelt.) Es wird immer so weitergehen ... immer weiter ... Immer weiter.




Strafe muss sein!

Gestern bin ich ihm weggelaufen. Er hat mich gerufen, ich soll zu ihm kommen, da bin ich weggelaufen ...

Heute holt er mich an der Schule ab. Am liebsten würd' ich wieder weglaufen ... es hat doch keinen Sinn ... ich kann doch nicht immer weglaufen, er kriegt mich ja doch. Ich geh' zu ihm und steig' ins Auto ... ich hab' Angst ... ich weiß, ich hätte nicht weglaufen dürfen. Er sagt kein Wort. Ich weiß schon, wo er hinfährt ... zu dem kleinen Haus. Ich hab' Angst, ich will da nicht rein! Ich will da nicht rein, aber ich kann gar nichts tun. Er schließt die Tür ab, damit ich nicht wieder weglauf'. »Weißt du auch, warum wir hier sind? Du weißt doch, dass ich dich bestrafen muss?" (Eva nickt angstvoll und traurig.) »Zieh dich aus und leg dich aufs Bett!« Er holt diesen ... diesen ... Lederriemen (Eva zittert vor Angst. Er beginnt sie zu schlagen. Eva zuckt bei jedem Schlag zusammen, krümmt und windet sich, beißt die Zähne zusammen. Ich zähle acht Schläge.) Es tut so weh, es tut so weh! »Ich tu's nicht wieder, ich tu's nicht wieder!« - »Hör auf zu heulen, es musste sein. Es muss weh tun, damit du es dir auch merkst!" - Ich denk', jetzt hab' ich meine Strafe bekommen, und wir können nach Hause gehn, und will aufstehn. »Bleib liegen! Ich bin noch nicht fertig mit dir. Der Spaß ist noch nicht vorbei!« Ich erschreck' so, ich hab' doch gedacht, jetzt hab' ich meine Strafe bekommen ... es war doch genug ... da fängt er an, mich festzubinden. Nein, nein, nicht, ich will es nicht! Ich versuch' mich zu wehren (Eva schlägt mit den Armen um sich), da wird er wütend. »Au, au, nicht so fest, nicht so fest!« Er bindet mich immer fester, immer fester ... (Eva krümmt und windet sich und schreit vor Schmerz.) Er sagt, ich soll den Mund halten und aufhören zu jammern ... dass ich selbst daran schuld bin. »Ich lass' dich jetzt allein, dass du in Ruhe nachdenken kannst, ob du mir noch mal davonlaufen willst.« Dann geht er weg und lässt mich einfach da liegen ... Ich versuch' es einfach nicht zu spüren ... Ich versuch' wegzugehen ... wo ich hingeh', da spür' ich nichts ... ich versuch' es, aber es tut immer mehr weh ... ich kann gar nichts tun ... es tut so weh... wenn ich nur irgendwas tun könnte ... (Eva hebt immer wieder einmal verzweifelt den Kopf, wirft ihn hin und her, macht den Rücken hohl, verzerrt das Gesicht, beißt sich auf die Lippen - die einzigen Bewegungen, die ihr möglich sind) »Au, au!« (In den nächsten Minuten verkrampfen sich ihre Finger wie Krallen.) - Es dauert so lang, so lang. Mir ist so kalt ... ich spür' meine Hände nicht mehr ... vielleicht kommt er gar nicht mehr?

Ich hätte nicht weglaufen dürfen ... ich bin selber schuld ...

Es ist so schrecklich kalt ... Ich glaub' jetzt ganz sicher, dass er nicht mehr kommt. Er lässt mich einfach hier liegen ... draußen scheint die Sonne und hier ist es ganz dunkel ... ich seh' die Sonne nie mehr und das Licht ... er kommt nicht mehr ... (Eva weint bis zur Erschöpfung).

Irgendwann geht das Licht an ... es ist schon vier Uhr ... (»Woher weißt du das?«) Da ist 'ne Uhr ... (»Weißt du, wann die Schule aus war?«) Um ein Uhr ... um zwei ist er weggegangen ... Er steht da ... er sieht so groß aus ... er macht mir Angst. Er ist so groß und ich so klein ... »Na, hast du nachgedacht, ob du noch mal weglaufen willst?« (Eva schüttelt den Kopf) - »Bitte, mach mich los, bitte, bitte, mach mich los!« - »Wir müssen noch das von gestern nachholen!« Er zieht sich aus und legt sich auf mich. Er tut mir weh ... es tut so weh ... er soll aufhören ... (Eva krümmt und windet sich vor Schmerz.) Auf einmal hört er auf ... dann kniet er sich über mich und packt meinen Kopf. »Nein, bitte nicht! Bitte nicht!« Er packt mich so fest, so fest ... es tut so weh »Au, au!« (Eva hebt widerstrebend den Kopf und öffnet den Mund, sie ächzt, stöhnt, würgt, leidet entsetzlich, bis sie endlich ganz ermattet den Kopf sinken lässt. Dann beginnt sie immer schneller und immer flacher zu atmen, schließlich hechelt und japst sie nur noch, der Kopf wälzt unkontrolliert hin und her.) Er schreit, was mit mir ist, ich soll mich beruhigen ... ich kann's nicht, ich will's ja, aber ich ... ich kann nicht ... er schreit, er schreit immer wieder, ich soll mich beruhigen ... ich kann's einfach nicht ... ich weiß nicht, was mit mir ist ... ich hab' so Angst, ich komm' da nicht raus, ich komm' da nicht mehr raus ... ich kann nicht mehr aufhören ... irgendwie funktioniert alles nicht mehr, ich schaff' es nicht mehr ... (Plötzlich hebt Eva den Kopf, gleich darauf liegt sie ganz ruhig da, sie atmet wieder regelmäßig, ihre Oberlippe schwillt an der linken Seite an.) Er hat mich geschlagen ... »Hast du dich wieder beruhigt? Willst du mir noch mal weglaufen?« (Eva schüttelt den Kopf) »Ich lauf' nicht mehr weg ... ich lauf' nicht mehr weg."

Dann bindet er mich los. (Eva zieht langsam die Beine an und nimmt die Arme herab.). Ich kann meine Hände gar nicht mehr bewegen. (Ganz langsam führt sie die rechte Hand zu der geschwollenen Lippe, dann reibt sie sich lange die Handgelenke.) Er nimmt mich in den Arm ... er ist gar nicht mehr böse ... irgendwie versteh' ich das nicht ... er ist plötzlich so lieb zu mir, und grad' hat er mir doch so weh getan ... Irgendwie find' ich es schön, aber irgendwie hab' ich auch Angst ... ich weiß nicht, ob ich das will ... ob ich es schön finde.

Er sagt, dass ich endlich gehorchen muss ... wenn ich ihm gehorche, muss er das alles nicht tun ... ich muss nur ein bisschen lieb zu ihm sein ... es ist doch gar nicht so schlimm ... dass es auch nicht weh tut, wenn ich mich nicht dagegen wehre ... dass er mich dann auch nicht bestrafen muss. - Er sagt das alles so freundlich, aber irgendwie hab' ich das Gefühl, was er sagt und ... und wie er es sagt, das passt nicht zusammen (Eva wirkt sehr gequält, sie ist unruhig und zittert) ... irgendwie stimmt das einfach nicht ... ich weiß nicht, ich weiß nicht, ich hab' nur das Gefühl, irgendwie stimmt alles nicht ... es ist nur so ein Gefühl ... es stimmt nicht, es stimmt nicht ...

Ob ich in Zukunft tun werde, was er will (Eva nickt), ob ich ihm das verspreche (sie nickt wieder). Ich versprech's ihm (sehr traurig), ich versprech's ihm. »So bist du mein braves Mädchen!« Ich soll mich anziehen, dass wir nach Hause fahren können.

(Das Erlebnis ängstigt Eva noch viele Tage:) Ich hab' so Angst ... ich weiß nicht, wie lange ich das noch aushalte ... ich muss so aufpassen, dass ich .. .dass ich nicht die Kontrolle verliere. (Offensichtlich drückt Eva ihr damaliges Empfinden mit ihren heutigen Begriffen aus. Mir fällt dabei ein, dass »die Kontrolle behalten« jahrzehntelang eines der wichtigsten Prinzipien ihres Lebensprogramms war.)

Ich hab' so Angst, dass ich da mal nicht mehr rauskomme, dass ich es einfach nicht mehr schaff', mich zusammenzureißen ... Ich weiß nicht ... ich hab' das Gefühl, dass irgend eine Kleinigkeit genügt, und ich dreh' durch. Es ist, als hätt' ich keinerlei Schutz mehr (Eva zieht sich zusammen, kreuzt die Arme über der Brust, zittert heftig am ganzen Körper) ... ich kann mich nicht mehr schützen ... es ist alles viel zu nah ... wenn irgendwas geschieht, werd' ich verrückt.

Ich wein' dauernd ... ich fang' plötzlich an zu weinen, ich will es gar nicht, es geschieht einfach so ... ich kann nichts dagegen tun ... Ich will nicht in die Schule gehen (Eva schüttelt heftig den Kopf, anscheinend spricht sie mit ihren Eltern. Auf meine Frage hin sagt sie, dass sie einige Zeit nicht zur Schule geht). Ich hab' vor allem Angst ... alles macht mir Angst. Sie geben mir Tabletten ... dann ist mir alles so gleichgültig (Eva spricht jetzt ganz langsam und apathisch), alles ... so ... gleichgültig. Dann fängt er wieder an ...

(Am Ende der Arbeit an diesem Protokoll reflektiert Eva ihre Erfahrungen:) Irgendwie hab' ich geglaubt, dass er mich bestrafen muss. Ich wusste schon an der Schule, als ich nicht weggelaufen bin, dass er mich bestrafen wird und dass es weh tun wird, und ich wusste, dass es sein muss ... er muss mich doch bestrafen ...




... da sind die Tabletten

Ich bin mit meinem Vater allein zu Hause. Meine Mutter ist weggefahren ... wir waren am Bahnhof, da ist sie weggefahren. Jetzt bin ich mit ihm allein. (» Und deine Brüder?«) Sie sind bei meinen Großeltern in X. (einem Vorort). (Eva wird traurig und beginnt dann zu weinen.) Sie ... sie wollten mich nicht.

Er hat gesagt, dass wir zwei es uns ganz schön machen ... er ist auch ganz lieb zu mir, aber ich hab' trotzdem Angst, irgendwie hab' ich immer Angst vor ihm. Ich hab' einfach dauernd Angst ... immer, wenn er in der Nähe ist, hab' ich Angst.

Ich bin in der Küche, und da kommt mein Vater. Er sagt: »Komm, wir gehen ins Bett.« (Eva spreizt die Finger abwehrend und schüttelt den Kopf.) In meinem Kopf geht plötzlich alles durcheinander. Ich will nicht mehr ... nein, nein (sie wirkt sehr gequält, als ob sie nicht recht beschreiben könne, was in ihr vorgeht), es geht alles durcheinander: die Vorstellung, was jetzt wieder kommt, und dass ich das nicht will, und die totale Panik ... und trotzdem geh' ich mit ihm, wie ein Automat geh' ich mit ihm ... da ist dieses Messer auf dem Küchentisch ... ich nehm' es mit ... und da ist plötzlich der Gedanke: »Heut' bring' ich ihn um!« Ich will nicht, ich will nicht, aber ich geh' mit ihm ins Schlafzimmer. Ich ... ich halt' das nimmer aus, ich halt' das nimmer aus! Er sagt, ich soll mich ausziehen. (Eva beugt den rechten Arm mit geballter Faust wie zum Stoß mit einem Messer.) »Fass mich nicht an, fass mich nicht mehr an! Ich bring' dich um, ich bring dich um!« Ich erschreck' über das, was ich gesagt hab' ... und ... wieso hab' ich ein Messer? Ich weiß gar nicht, warum ich das mitgenommen hab' ... Er kommt auf mich zu ... er kommt einfach auf mich zu und schreit: »Leg das Messer weg, leg's sofort weg!« (Eva gerät in Panik, ihren Armbewegungen sieht man an, was geschieht: Der Vater packt sie sehr fest am Handgelenk, sie lässt das Messer fallen und hebt die Unterarme schützend vor den Kopf.) Er schlägt mich (sie krampft sich zusammen), er ist so wütend, er schlägt einfach auf mich ein. »Das machst du nicht nochmal! Dir werd' ich helfen! Ich hab' dir wohl in letzter Zeit zu viel durchgehen lassen!« (Er schlägt immer noch auf sie ein.) »Ich muss wohl wieder mal härtere Saiten aufziehen!« Ich hab' so Angst! Er ist so wütend, so wütend. »Da könnt' ich gleich mal damit anfangen!« Ich muss mich ... vor ihn hinknien, und ... er steht vor mir und macht seine Hose auf ... Er packt mich an den Haaren und ... und steckt ihn mir in den Mund ... (Eva würgt und hat Atemnot, sie setzt sich verzweifelt zur Wehr.) Es ist furchtbar! Es war noch nie so schlimm! Er ist so wütend. (Es ist entsetzlich anzusehen, wie Eva leidet. Man kann förmlich sehen, wie sie mit dem Oberkörper und dem Kopf nach hinten ausweichen will und wie der Vater sie an den Haaren festhält und immer wieder zustößt.) »Na, wie ist das? Willst du immer noch gegen mich kämpfen? Willst du mich immer noch umbringen?« (Eva würgt immer wieder und hat Brechreiz, sie ächzt und stöhnt und gibt Schmerzenslaute von sich. Dann schluckt sie ein paar Mal mühsam und wird schließlich ruhiger, sie ist außer Atem und völlig erschöpft). Er fragt, ob ich begriffen hab', dass er der Stärkere ist und mit mir tun kann, wozu er Lust hat, ob ich das endlich begriffen hab'? Ich soll sagen, dass er alles mit mir machen darf (sie nickt). »Ja, du darfst alles mit mir machen.« Ich soll ... ich soll ihn dabei anschauen, wenn ich das sage. (Eva schlägt kurz die Augen auf und blickt nach oben:) »Ja, du darfst alles mit mir machen.« (Sie wirkt völlig apathisch, todtraurig, hoffnungslos.) Dann geht er weg, und ich ... ich halt' das nimmer aus, ich halt das nimmer aus. Ich will ... ich will nicht ... ich will nicht mehr ... leben (sie schüttelt langsam und sehr traurig den Kopf), nein ... nein ... - Da fallen mir diese ... diese Tabletten ein ... die er mir manchmal gibt ... es tut nicht weh, wenn ich die nehme. Ich schlaf' einfach ein, und dann ist alles vorbei ... ich mach' das Schubfach auf, und da sind die Tabletten. Ich nehm' sie, und dann ... dann schluck' ich sie ... dann leg' ich mich in mein Bett ... jetzt werd' ich traurig (sie beginnt zu weinen) - (»Tut es dir leid, dass du die Tabletten genommen hast?« Eva schüttelt langsam den Kopf.) Nein ... nein ... ich hätt' so gern gelebt ... aber so will ich nicht mehr leben (sie weint bitterlich). Ich nehm' meinen Teddy in den Arm ... ich hab' ihn doch schon so lang ... ich bin traurig, weil ich nicht weiß, was aus ihm wird ... irgendwie hab' ich nicht gedacht, dass es so weh tut ... es macht mich unheimlich traurig: ich denke, sie schmeißen ihn einfach weg ... (Eva schluchzt und weint hemmungslos.) - Ich hab' ... irgendwie hab' ich mir es einfacher vorgestellt, aber jetzt ist es gleich vorbei ... jetzt wird mir so komisch ... ich werd' müde ... und jetzt ... jetzt ... schlaf' ich gleich ein, und dann ist alles vorbei ... (spricht immer langsamer und leiser) er kann mir nicht mehr weh tun. (Sie schläft ein. Nach einiger Zeit wird sie unruhig und bewegt den Kopf hin und her, als ob ihr etwas lästig wäre.) Da ist mein Vater ... er schüttelt mich, ich soll aufwachen ... er lässt mich nicht schlafen (atmet schwer, stöhnt, schüttelt den Kopf) ... er lässt mich einfach nicht schlafen ... ich soll wach bleiben ... er soll mich doch schlafen lassen ... jetzt ist es gleich ... jetzt hab' ich das Gefühl, jetzt hab' ich's geschafft, jetzt ist es gleich soweit ... mir ist, als würd' ich immer tiefer irgendwo reinfallen, immer tiefer ... (sie schläft wieder ein, ihr Kopf sinkt auf die Seite, sie wirkt wie tot).

Da ist jemand ... sie lassen mich nicht schlafen (ihr Kopf wird wie von fremder Hand hin- und herbewegt, sie wird nicht richtig wach). Sie lassen mich einfach nicht schlafen ... mir ist so schlecht ... ich weiß nicht, was sie mit mir machen, sie sollen mich doch in Ruhe lassen ... es ist so komisch, ich bin nicht wach, aber irgendwie krieg' ich doch mit, was da geschieht ... dass sie irgendwas mit mir tun ... es ist so hektisch ... sie sollen mich doch in Ruhe lassen ... es ist so blöd, ich hab' immer das Gefühl, ich krieg' alles mit, aber ich kann nichts tun ... sie legen mich auf den Rücken ... jemand nimmt mein Kopfkissen weg ... sie schieben mir was unter die Schultern und ... und tun meinen Kopf so zurück ... er hält meinen Kopf fest und dann (würgt, verkrampft sich, hat Brechreiz) ... sie stecken mir was ... ich will etwas herauswürgen ... »Halten Sie sie fest!« ... Er soll mich jetzt noch mal ganz fest halten und dann ... (blitzschnell legt sie beide Hände auf die Magengrube und versucht mit aller Gewalt, sich aufzurichten au, au ... es tut so weh, es tut so weh! Ich hab' nur den Gedanken: Ich will hoch, ich will unbedingt hoch! Und er hält mich so fest. Wenn er mich nur nicht so festhalten würde! - Wie es so weh tut, mach' ich die Augen auf ... ich seh', wie sie sich so über mich beugen, ich seh' ihre Gesichter über mir ... und ich will doch nur hoch ... Jemand hält meinen Arm fest ... ich will doch nur schlafen ... (Plötzlich zuckt ihr linker Arm heftig, sie hat Schmerzen in der Armbeuge, offensichtlich bekommt sie dort eine Injektion.) Es tut weh, ich weiß nicht, was da ist ... es ist alles so weit weg ... sie reden miteinander ... der eine sagt, dass mein Vater mich jetzt schlafen lassen soll. (Sie schläft wieder ein. Nach einiger Zeit erwacht sie langsam.) ... Mein Kopf tut so weh, und ich fühl' mich so schlapp ... da ist mein Vater ... er redet auf mich ein ... ich darf nichts sagen ... ich darf ... nichts sagen ... ich soll einfach sagen, dass ich mich nicht mehr erinnern kann ... mein Kopf tut so weh ...

Da ist ... da ist der Doktor. Er macht etwas an meinem Arm. Er fragt mich, was gestern war ... ich soll erzählen, warum ich das gemacht hab' (sie wird sehr unruhig) ... da hinten steht mein Vater ... ich darf doch nichts sagen ... ich sag', ich weiß nicht, ich weiß nicht ... ich hab' ... ich hab' so Angst ... (wird immer unruhiger, schüttelt heftig den Kopf, windet sich) ich soll doch mal versuchen, mich zu erinnern ... ob ich vielleicht Kummer hab' ... ob mir jemand was getan hat (sie zittert immer heftiger) ... ich soll ihm doch einfach erzählen, was gestern los war ... ich sag' nur, ich weiß nicht, ich weiß nicht ... (ihr Kopf schlägt wild hin und her) ... er sagt, ich soll mich beruhigen, es ist ja alles gut. Er sagt irgendwas ... dass es so keinen Sinn hat ...

Er geht mit meinem Vater raus und ich hör' sie reden und - au, mein Kopf! - er fragt meinen Vater, ob er weiß, warum ich das getan hab' ... der sagt, er glaubt, dass ich Probleme in der Schule habe (Eva schüttelt den Kopf, ist nicht einverstanden) ... er will nicht, dass meine Mutter was erfährt, es geht ihr nicht gut. (Eva schläft wieder ein. - Nach einiger Zeit beginnt sie wieder zu sprechen:) Mir ist kalt, mein Kopf tut so weh ... ich schlaf' die meiste Zeit ... alle tun so, als wär' ... gar nichts gewesen. (»Alle?«) Mein Vater ... auch der Doktor ... er ist manchmal da ... es fragt keiner mehr ...

(Später frage ich Eva, wo ihre Mutter hingefahren ist.) Zu meinem Onkel nach M. (sie beginnt zu weinen) ... ich wollte unbedingt mit, aber mein Vater hat gesagt, dass ich dableiben muss, dass meine Mutter mal ihre Ruhe braucht ... es ist schon längere Zeit so: Wir müssen immer ruhig sein und brav sein und dürfen sie nicht stören ... (Auf einmal zeigt sich Ärger und dann Wut in ihrem Gesicht, sie ballt zornig die Fäuste. »Was macht dich so ärgerlich?« Daraufhin beginnt sie zu weinen.) Ich bin doch so schon immer ganz brav und ruhig.

(Ich erfahre noch, dass Sommerferien sind und dass Eva in die 4. Klasse kommt, wenn die Schule wieder beginnt. Demnach ist Eva 9 Jahre und 4 Monate alt. Eva weiß auch, dass der sie behandelnde Arzt der langjährige Hausarzt der Familie ist, der jetzt schon länger nicht mehr lebt. »Er war eigentlich ein ganz lieber Mensch.«).




Familienfest (11. Lebensjahr)

Zwischen dem letzten Protokoll und diesem liegt genau ein Jahr. In dieser Zeit war der Vater mit Eva noch oft in dem kleinen weißen Haus. Er hat sie mehrmals an Armen und Beinen gefesselt und stundenlang allein liegen gelassen und hat sie ohne erkennbaren Grund ausgepeitscht (»Du bist böse und schlecht, ich muss wieder einmal etwas für deine Erziehung tun!«). Oft drängte sich mir der Eindruck auf, dass er sich damit eigentlich an seiner Frau (oder den Frauen überhaupt?) rächen wollte. Wenn Eva ihm nicht sofort und blindlings gehorchte, geriet er in maßlose Wut, die er in brutalen sexuellen Misshandlungen entlud. (Auch dabei hatte ich wiederholt den Eindruck, dass er Frustrationen abreagierte, die er durch seine Frau erfahren hatte.)

Eva meint oft zu spüren, dass ihre Mutter böse auf sie ist, ohne dass sie wüsste, warum. »Was habe ich denn nur getan? Warum lassen sie mich nicht in Ruhe?« fragt sie sich immer wieder. Sie hat oft Alpträume und kann häufig nicht zwischen Traum und Wirklichkeit unterscheiden. Als Folge der Beruhigungs- und Schlafmittel, die ihr eingeflößt werden, ist manchmal ihre Erinnerungsfähigkeit gestört: »Ich weiß gar nicht, wie ich ins Bett gekommen bin ... ich war in der Schule ... ich bin nach Hause gekommen ... es war Mittag ... und dann weiß ich nicht, was dann war. Da fehlt ein Stück! Ich weiß nicht ... es macht mir so Angst ... irgendwie ist da ein Tag einfach weg, da ist einfach ein ... ein schwarzes Loch. Da fällt mir ein, da sind noch mehr so schwarze Löcher ... ich hab' schon so viele! ... Da bin ich einfach nicht da ... da gibt es mich einfach gar nicht. Irgendwie hab' ich Angst, dass ich ganz verschwinde, ich muss aufpassen, ich muss aufpassen!«

Evas vorherrschende Gefühle in dieser Zeit sind Angst, Hoffnungslosigkeit, Hilflosigkeit, ohnmächtiger Hass auf den Vater und die Sehnsucht, tot zu sein.

Nun ist Eva 10 Jahre und 4 Monate alt.

Es sind so viele Leute bei uns im Wohnzimmer. Sie reden und lachen und sind so laut. Ich mag das nicht. Ich wäre viel lieber allein. Ich mag nicht reden, und ich mag nicht, wenn mich jemand anfasst. Ich tu' mir weh (Eva hält ihre Hände unter dem Tisch versteckt und kratzt sich die Handflächen auf). Es merkt keiner, dass ich mir weh tu'. Mir hilft es dabei, mich zusammenzureißen ... es ist so furchtbar anstrengend.

Auf einmal krieg' ich Angst, dass jemand was merkt. Sie müssen es doch merken ... ich mein' immer, sie müssen es mir doch ansehen! Ich hab' so Angst! Wenn sie es merken, dann sagen sie, ich bin schuld ... niemand wird mir glauben ... manchmal glaub' ich schon selber, dass .ich schuld bin ... bin ich schuld? (Eva ist völlig verwirrt. Durch vorsichtiges Nachfragen finde ich heraus, dass sie sich einfach nicht vorstellen kann, ihr Vater könne schuld sein. So bleibt ihr nichts anderes übrig, als die Schuld bei sich zu suchen.) Aber was habe ich denn bloß getan?

Manchmal wünsch' ich mir, dass endlich einer was merkt ... dass es vorbei ist ... ganz egal, was dann kommt ... Aber dann ist da wieder die Angst ... es darf niemand merken, es darf niemand was merken!

Da kommt mein Vater und sagt, ich soll mit ihm kommen; er hat ein Geschenk für mich, weil ich doch heute Namenstag habe. Ich bin so froh, dass ich hier rauskomme ... nur weg hier ... weg ...

Er geht mit mir in sein Büro und schließt die Tür ab. Da weiß ich, dass er wieder was von mir will. Ich hätte es eigentlich wissen müssen, ich hätte es mir eigentlich denken können ... Ich hab' Angst. Er sagt, ich muss erst ein bisschen lieb zu ihm sein (Eva schüttelt energisch den ; Kopf und wehrt ab). »Stell dich nicht so an! Schließlich hab' ich heut' Geburtstag, und da musst du lieb zu mir sein und tun, was ich sage!« (Eva beginnt zu weinen.) Ich muss mich vor ihn hinknien und ihm die Hose aufmachen und ihn streicheln. Ich hab's doch schon so oft gemacht, ich muss mich doch mal daran gewöhnen. Aber ich will es nicht, ich will es nicht! - Wenn ich so vor ihm knien muss, ist es besonders schlimm ... oft muss ich es ihm im Auto machen, da ist es viel einfacher ... Ich spür' jetzt, es ist gleich ... »Mach weiter! Schneller!« Dann fasst er meine Hände und hält sie fest, dass ich sie nicht wegnehmen kann und dann ... (Eva spreizt die Finger und hält voller Ekel die Hände weit von sich.) Ich halt' das nicht aus, ich halt' das nicht aus! Es ist so ... so ... Er weiß genau, dass ich das nicht aushalten kann ... er hält extra meine Hände fest, dass ... und oft lässt er mich ganz lange so vor ihm knien, bevor er meine Hände abwischt ... Jetzt nimmt er sein Taschentuch ... Dann holt er ein Päckchen aus seinem Schreibtisch. (Eva schüttelt energisch den Kopf:) »Jetzt will ich es nicht mehr! Ich will es nicht, ich will es nicht!« - Er sagt, ich soll's nehmen, es ist eine Überraschung ... ich soll's aufmachen. (Eva macht das Päckchen auf, ist erst völlig perplex, dann zeigt sie zunehmende Angst und Entsetzen.) Ich ... ich ... ich weiß nicht, was das ist ... es sieht ... aus ... wie ... »W ... w ... wa ... was ist das? Was ist das, was ist das?« - »Das wird dir noch viel Spaß machen!« - Ich hab' so Angst! - »Schau mal, wie groß er ist!« - Ich hab' so Angst! -»Wir wollen es gleich mal ausprobieren! Leg dich auf die Couch!« Ich hab' so Angst, so schreckliche Angst! (Eva zittert am ganzen Körper.) »Halt still! Wehr dich nicht dagegen, sonst muss ich dir weh tun!« (Gleich darauf krümmt und windet sich Eva vor Schmerzen, traut sich aber nicht, zu schreien.) Er tut mir so weh damit, er tut mir so weh, so furchtbar weh! Es tut viel mehr weh, als wenn er ... »Na, wie gefällt dir das? Soll ich noch weitermachen? Soll ich ihn noch tiefer reinstecken?« - »Nein, nein, bitte nicht! Bitte, Papa, bitte, hör auf, bitte, bitte! Ich mach' alles ... ich tu' alles, was du willst!« - »Dann musst du ihn in den Mund nehmen!« (Eva nickt.) Ich mach' alles, ich mach' alles, er soll nur aufhören, mir weh zu tun ... es ist so furchtbar ... Dann ... dann kniet er sich über mich. Er ist schon wieder ganz groß und steif! (Ich sehe, wie Eva gezwungenermaßen den Kopf hebt - wieder der Griff in den Nacken! - und ihn längere Zeit ruckartig vor- und zurückbewegt.) Ich hab's ihm versprochen ... ich hab's ihm versprochen, jetzt muss ich es auch tun. Ich hab' so furchtbar Angst ... weil da jetzt plötzlich etwas ist, was noch viel mehr weh tut ... (Eva liegt erschöpft und nach Atem ringend da.) Mir ist so schlecht ... ich möcht' nur ein bisschen liegen bleiben und mich ausruhen ... nur ein bisschen ... Er sagt, ich soll aufstehen und mich zusammenreißen. Wir müssen zurück ins Wohnzimmer, bevor uns jemand vermisst. Er soll mir doch ein bisschen Zeit lassen, nur ein bisschen, mir ist doch so schlecht ... ich weiß nicht, ob ich es schaffe. (Während sie zurückgehen, reibt sich Eva mit beiden Handrücken die Tränen aus den Augen.) Ich muss mich zusammenreißen, es darf doch keiner was merken ... ich muss so tun, als wär' gar nichts gewesen. Ich geb' mir ja Mühe, aber es ist so anstrengend ... Ich versuch' mir einzureden, dass gar nichts passiert ist. Es ist doch gar nichts passiert, es ist doch gar nichts passiert ... Dann bin ich wieder mitten unter den ganzen Leuten und doch irgendwie nicht da ... es ist so anstrengend (Eva kratzt sich wieder die Handflächen auf) ... nun ist alles noch viel schlimmer ... Auf einmal denk' ich, ich halt' das nicht mehr aus, gleich schrei' ich, gleich schrei' ich! Aber dann ... (Eva kratzt sich noch heftiger als zuvor und bekommt ihre Gefühle wieder unter Kontrolle.) Es ist so anstrengend, und ich bin so müde, so furchtbar müde ... (Die Stunden bis zum Abendessen und darüber hinaus schleichen für Eva qualvoll langsam dahin.) Endlich darf ich ins Bett gehen ... ich bin so froh ... endlich bin ich allein, endlich allein ... (Eva atmet hörbar und sichtbar auf, doch gleich darauf beginnt sie immer schneller und flacher zu atmen.) Ich weiß nicht, was da mit mir los ist ... ich weiß nicht, ich ... ich ... ich kann gar nichts dagegen tun, es geschieht einfach so mit mir ... (Eva wirft den Kopf hin und her, schlägt mit den Armen wild um sich, legt sie dann schützend vor den Kopf und stößt mühsam hervor:) W ... w ... we ... we ... weg, weg, weg, weg! (20- bis 30mal. Dann beruhigt sie sich ganz langsam, kommt wieder etwas zu Atem.) Plötzlich ist es so kalt ... komisch, es ist Sommer und warm, wieso ist es plötzlich so kalt? (Eva kreuzt die Arme über der Brust, zieht sich zusammen, schlottert und klappert mit den Zähnen. Nach einiger Zeit klingen diese Symptome langsam ab und Eva schläft ein. Später öffnet sie die Augen wieder, schaut aber starr ins Leere.) Da ... da ist mein Vater ... er legt sich auf mich ... nein, nein, nicht schon wieder weh tun ... und ... komisch ... ich seh' ihn, und ich hör', und ich spür', dass er mir weh tut ... und gleichzeitig ist er so weit weg ... als würd' ich nur zuschauen ... komisch ... au, au (ganz leise und benommen). - Es ist schrecklich kalt (Eva dreht sich auf die Seite und rollt sich zusammen, die Anzeichen von Schüttelfrost sind noch stärker als zuvor) mein Kopf tut so weh ... Da, da schreit ein Kind ... es schreit so furchtbar, es schreit und schreit und hört nicht auf ... ganz tief drinnen in mir schreit es ... keiner hört es, und keiner hilft ihm ...

(Am nächsten Morgen wird Eva nur mühsam wach; sie spricht leise und stockend:) Ich muss heute nicht in die Schule ... ich bin froh darüber ... ich bin noch so müde ... ein wenig ausruhen ... ich kann mich gar nicht richtig erinnern, was war ... da waren so viele Leute ... er hat mich mit ins Büro genommen ... ich soll lieb zu ihm sein ... dann weiß ich nichts mehr ... (sie versucht noch ein paar Mal, sich an den gestrigen Tag zu erinnern, kommt aber nicht weiter. Schließlich gibt sie auf). Wieder so ein schwarzes Loch! Das macht mir so Angst! - Ich bin so schrecklich müde ... es hört niemals auf ... es geht immer so weiter ... nur ein bisschen ausruhen ... dann nehm' ich mich gleich wieder zusammen ... ich versprech's ihm ... nur ein bisschen ausruhen.




Hackordnung

Meine Eltern streiten, sie schreien sich an. Es macht mir Angst, wenn sie streiten (Eva hält sich die Ohren zu). Ich hab' Angst, dass ich da wieder reingezogen werde. Ich schleich' mich aus der Wohnung, ganz leise; ich will warten, bis der Streit vorbei ist. Ich schleich' mich die Treppe runter in den Hof.

Auf einmal kommt mein Vater. Ich sehe, dass er wütend ist. Ich weiß nicht, warum ... ich weiß nur, dass er gefährlich ist, wenn er wütend ist ... Er geht an mir vorbei (Eva ist erleichtert) ... zum Auto ... und dann bleibt er plötzlich stehen und sagt, dass ich mitkommen soll. Ich hab' Angst, aber ich geh' trotzdem hin. Er fährt mit mir weg. Er fährt ... nein, nein! ... er fährt zu dem Haus. Ich hab' doch gar nichts getan!

Ich steig' einfach nicht aus (schüttelt energisch den Kopf). »Ich steig' nicht aus! Ich geh' da nicht rein! Ich hab' doch gar nichts getan!« Er kommt und packt mich und zerrt mich aus dem Auto, zu dem Haus ... er stößt mich in das Zimmer ... ich fall' hin ... ich erschreck' so, es geht alles so schnell (sie atmet ganz schnell und flach). Ich soll aufstehen und mich ausziehen ... ich hab' so Angst vor ihm, er steht da und ist so wütend ... Ich trau' mich nicht, ihm zu widersprechen ... ich steh' auf und zieh' mich aus. Er holt den Lederriemen, und ich muss mich über den Sessel legen ... »Ich hab' doch nichts getan!« – »Sei ruhig! Du bist böse!« Er schlägt mich - au, au! - ich hab' doch gar nichts getan! Immer wieder sagt er, dass ich böse bin. Ich hör' immer nur: »Böse, böse, böse ... « Er ist wie verrückt; ich denk', er schlägt mich tot.

Dann muss ich mich aufs Bett legen, und er bindet mich an. »Nein, nein, bitte nicht« Ich kann gar nichts mehr machen. Er legt sich auf mich, er ist immer noch so wütend ... au, au! (Eva windet und krümmt sich vor Schmerzen.) Es tut so weh, es tut so furchtbar weh! »Dir werd' ich's zeigen, dir werd' ich's zeigen!« (Es folgen einige besonders heftige, wütende Stöße, die Eva aufschreien lassen. Dann ist es vorbei.)

Ich ... ich soll sagen, dass es mir gefällt (Eva wirft den Kopf ruckartig hin und her). »Nein, nein!« Er hat mir doch so weh getan! Da schlägt er mich ins Gesicht. »Los, sag es; sag, dass es dir gefällt!« - »Nein, nein!« (Er schlägt sie immer wieder und wiederholt seinen Befehl, bis sie schließlich aufgibt.) »Ja ... ja ... (unter Schmerzen und mit größter Überwindung) es ...es gefällt mir, es gefällt mir!«

Ich will nur, dass er aufhört, ich würd' alles tun, damit er aufhört ... ich kann doch gar nichts dafür, dass er so wütend ist, warum tut er mir nur so weh? Ich hab' doch wirklich nichts getan.(Eva weint lange darüber, dass sie schließlich doch gesagt hat, es gefalle ihr.) - Warum lässt er seine Wut immer an mir aus? (Ich frage sie, ob sie weiß, über wen er eigentlich wütend ist. Sie nickt und weint noch stärker.) Immer, wenn er über meine Mutter wütend ist, holt er mich. Mit mir kann er machen, was er will. Ich kann doch gar nichts dafür!

»Ich wusste es doch! Ihr seid doch alle gleich!« - Ich weiß nicht, was er damit meint: alle gleich ...

Dann steht er auf und setzt sich in den Sessel und lässt mich einfach liegen. Ich hab' so Schmerzen. (Eva wimmert und stöhnt.) Wenn er mich doch wenigstens losbinden würde. - »Warum hast du das gemacht? Ich hab' doch gar nichts getan?« - »Halt den Mund! Ich mach' mit dir, was ich will!« - Er macht mit mir, was er will ... Da geh' ich weit weg, ganz weit weg, immer weiter, immer weiter (Eva liegt jetzt still und apathisch da, ihre Stimme ist fast unhörbar).

Er bindet mich los und sagt, ich soll mich anziehen, wir fahren nach Hause. Es ist alles so weit weg. Ich geh' in mein Zimmer und leg' mich auf mein Bett ... alles ist so weit weg. .. ich muss da wieder rauskommen ... ich will nicht, aber ich muss ... irgendwas in meinem Innern sagt, ich darf da nicht bleiben, es ist gefährlich ... aber es ist so schwer, hier zu bleiben ... ich will immer wieder weg, es ist wie ein Traum, aus dem ich nie ganz aufwache ... es wird immer schwerer, zurückzukommen ... irgendwann komm' ich nicht mehr zurück ... (Eva schläft schließlich ein. Als sie später erwacht, kreuzt sie frierend die Arme über der Brust.)

Es ist kalt ... mein Kopf tut so weh ... (sie legt die Hände an die Schläfen, scheint angestrengt nachzudenken). Ich weiß nicht ... ich weiß nicht ... (wird immer unruhiger) ich weiß nicht, was geschehen ist! Ich weiß nicht, was da war! Sie haben gestritten ... immer lauter ... ich bin ... ich bin weggelaufen ... und dann? (Sie schlägt sich verzweifelt mit den Fäusten an die Schläfen.) Ich weiß nicht, wie ich hierher gekommen bin, ich weiß nicht, was geschehen ist! Ich weiß, da fehlt was. Das macht mir so Angst. Das ist doch nicht normal, dass ich mich nicht erinnern kann. Ich weiß nicht, was ... was mit mir los ist ... (beginnt zu weinen) ich kann doch mit niemandem darüber reden ... ich muss mich zusammenreißen ... ich muss mich zusammenreißen, es darf nicht mehr passieren (beißt die Lippen energisch zusammen und ballt die Fäuste) ... es ist so anstrengend ... ich hab' immer Angst ... ich fühl' mich einfach nie sicher ... nur wenn ich weggeh', dann hab' ich mal keine Angst ... Warum hilft mir denn niemand? Warum hilft mir denn keiner? (Ich frage sie schließlich: »Wer könnte dir helfen?« Da weint Eva lange Zeit herzzerreißend, dann wird sie trotzig.) Sie ... sie ... sie hilft mir bestimmt nicht ... manchmal glaub' ich, sie merkt gar nicht, dass ich da bin ... vielleicht ... vielleicht bin ich gar nicht da? ... Sie hilft mir bestimmt nicht. Warum tut sie das ... warum tut sie, als ob ich gar nicht da wäre? - Manchmal denk' ich, vielleicht bin ich wirklich nicht da. Vielleicht gibt's mich gar nicht? - Manchmal möcht’ ich schreien, dass ich auch noch da bin ... ich tu's nicht ... ich geh' dann fort und bin traurig. Ich weiß nicht, was hab' ich denn getan? Was hab' ich ihr denn getan? Ich kann doch nichts dafür ... ich kann doch nichts dafür, dass ich da bin ... Sie tut, als ob ich gar nicht da bin ... sie kümmert sich um meine Brüder, und ich muss immer zuschauen, wie sie ... es tut so weh, es tut so weh! Ich gehör' einfach nicht dazu, ich darf nur zuschauen ... es tut so weh, es tut so weh ... Ich hab' versucht, mir einzureden, dass ich niemand brauch' ... es tut so weh ... immer nur daneben zu stehen ... Nein, nein, ich will nicht mehr weiter ... nicht mehr weiter ... leben ...




Ein Wochenende zu zweit (12. Lebensjahr)

Ich wach' auf ... da liegt mein Vater auf mir ... er tut mir weh ... ich erschreck' so, ich hab' ihn gar nicht kommen hören; ich erschreck' so, dass ich schrei' ... da hält er mir den Mund zu, und ich schlag' nach ihm (Eva schlägt mit beiden Händen heftig auf ihn ein). Er geht weg ... er hat Angst, er hat Angst! (Eva ist sehr erstaunt:) Irgendwie versteh' ich das nicht, er hat Angst.(Dieser Gedanke beschäftigt Eva, bis sie wieder einschläft.)

Am Morgen (es ist Freitag) bringen wir meine Mutter zum Bahnhof; sie fährt fort, übers Wochenende, zu meinem Onkel. (Eva wird traurig, schluckt tapfer die Tränen hinunter, flüchtet sich in Trotz.) Ich will nicht traurig sein ... sie soll ruhig wegfahren, ich will gar nicht mit. (»Glaubst du dir das?"«- Da wird sie wieder traurig und beginnt zu weinen.) Warum nimmt sie mich nicht mit? Jetzt lässt sie mich wieder mit ihm allein! Warum hat sie mich nicht mitgenommen? (Als sie sich etwas beruhigt hat, frage ich sie nach ihren Brüdern.) Die sind mit der Schule weggefahren ... ich bin ganz allein mit ihm, ich hab' so Angst ...

Wir fahren nach Hause ... (Plötzlich erschrickt Eva), er fährt nicht nach Hause, er fährt nicht nach Hause! Ich frage ihn, wohin er fährt. »Was glaubst du wohl? - Denk mal an heute Nacht!« - (Eva denkt nach. Dann fällt ihr offenbar ein, was geschehen ist:) »Ich wollte doch gar nicht böse sein, ich bin doch nur so erschrocken ... Ich hab' doch nur geschrieen, weil ich so erschrocken bin ...«

Er fährt zu dem Haus, ich hab' so Angst, da reinzugehen ... »Ich geh' da nicht rein, ich geh' da nicht rein!« Er packt mich im Nacken, da muss ich einfach mitgehen ... Ich soll mich ausziehen ... »Mach schon! Oder soll ich nachhelfen?« - »Nein, nicht, nein, nicht! Ich beeil' mich schon.« Er steht da und hat die Peitsche in der Hand! »Ich werd' dir beibringen, stillzuhalten!« Ich muss mich an die Wand stellen (Eva hebt die Hände hoch, legt die Handflächen an die Wand), und er schlägt mich. Es tut so weh, es tut so weh! - »Das war für das Theater heut' Nacht! - Steh auf und leg dich aufs Bett!« Er bindet meine Arme und Beine fest. Dann legt er sich auf mich. »Jetzt kannst du schreien!« Er tut mir weh und sagt immer wieder, ich soll schreien. Es tut so weh, aber ich will nicht schreien. Da schlägt er mir ins Gesicht und ich schrei'. »Lauter, lauter!« Er tut mir immer mehr weh, und ich schrei' und schrei', bis ich nicht mehr kann (Eva wirkt völlig erschöpft). Er setzt sich in den Sessel ... »Bitte, mach mich los!« - Er lacht. »Wieso? Gefällt es dir nicht? Warte nur, ich mach' gleich weiter.« - Er kommt wieder und legt sich auf mich ... .»Nein, nein, au, au!« - »Schrei, schrei, schrei!« Ich schrei' so laut ich kann ... Ich kann schon nicht mehr ... aber wenn ich aufhör' zu schreien, tut er mir wieder so weh ... Ich hör' mich nur noch schreien. »Noch lauter, noch lauter!« Ich hör' nur noch: »Schrei, schrei! Lauter, noch lauter!«

(Endlich ist es vorbei. Eva liegt wie tot da. Nach einiger Zeit beginnt sie zu zittern, immer heftiger.) Mir ist so kalt ... meine Arme tun so weh. Er sitzt da ... »Bitte, bitte, mach mich los...« (Sie bittet immer wieder, ganz leise und schwach). »Wir haben viel Zeit.« Mir ist so kalt, und ich hab' so Schmerzen. »Bitte, bitte ...« Er steht auf und kommt zu mir ... ich denk', er macht mich los und wir fahren nach Hause. »Noch nicht!« - »Nur mal kurz aufstehen, bitte!« Er lacht nur und fängt an, mich zu streicheln. Er fragt, ob es weh tut (Eva nickt). »Dann schrei doch!« - »Ich kann nicht mehr.« - »Heute Nacht konntest du doch auch schreien! Und sonst willst du doch auch immer schreien! Jetzt werd' ich dich mal richtig zum Schreien bringen! Du willst doch sonst immer schreien -jetzt kannst du mal richtig schreien!« Er legt sich wieder auf mich. Es tut so weh! (Eva schreit längere Zeit unter furchtbaren Schmerzen, wird dann immer leiser). Ich kann nicht mal mehr schreien, so weh ... er tut mir so weh. Immer wieder sagt er: »Schrei doch, schrei doch!« (Eva liegt eine Weile starr mit erhobenem Kopf da, wie eine Sterbende, dann lässt sie den Kopf sinken, stöhnt leise und liegt dann wie tot da. Erst nach längerer Zeit öffnet sie wieder die Augen.) Ich halt' das nicht mehr aus, wenn ich doch endlich tot wär' ... ich halt' das nicht mehr aus.

Er sitzt da im Sessel und lacht ... er lässt mich einfach so da liegen ... »Bitte, bitte! (ganz leise, flehentlich) ... es tut doch so weh!« 

Er geht weg ... ich höre das Auto wegfahren ... (Die folgenden Stunden verbringt Eva meist in einem Dämmerzustand. Manchmal stöhnt sie, wimmert, bäumt sich auf, liegt dann wieder reglos.) Es dauert so lang, so furchtbar lang ... ich kann gar nichts tun ... ich hab' so Schmerzen ... es ist dunkel und kalt (die Fensterläden sind geschlossen, und der Vater hat das Licht ausgemacht). Es ist ganz still, ganz still ... nur die Uhr tickt ... (sie schaut wieder lange ins Leere). Ich hör' immer nur diese Uhr und ich will nur noch sterben ... die Uhr schlägt ... sieben Uhr ... wie lange dauert es, bis man tot ist?

(Plötzlich zuckt Eva heftig zusammen:) Er ist da! Er steht plötzlich da! Ich hab' ihn gar nicht kommen gehört! Er sagt, wir wollen es jetzt noch mal machen. »Nicht mehr schreien, nicht mehr schreien, bitte!« Er sagt, diesmal soll ich ganz ruhig sein und stillhalten. Er legt sich noch mal auf mich und tut mir weh (Eva wimmert nur ganz leise). Es tut so weh, so weh ... die Uhr tickt so laut ... Er fragt, ob ich noch mal schreien will (Eva schüttelt den Kopf), ob ich in Zukunft stillhalten will, ob ich genug geschrieen hab', ob ich tun werd', was er will (Eva nickt nach jeder dieser Fragen), und ob ich (Eva stockt und wendet den Kopf ab) ... ob ich ihn lieb hab' (nickt). Ich soll es sagen ... (Mit großer Überwindung:) »Ich hab' dich lieb!« Dann bindet er mich los. (Eva kann die Arme kaum bewegen und nimmt sie nur ganz langsam und mühsam herab. Dann zieht sie die Beine an. In der folgenden Zeit stammelt sie leise vor sich hin:) »Nicht mehr schreien ... lieb haben ... nicht mehr schreien ... ganz still halten ... lieb haben ...« - Er zieht mich an und wir fahren nach Hause. »Nicht mehr schreien ... stillhalten ... lieb haben ...«

Er legt mich ins Bett und gibt mir was zu trinken ... ich soll es ganz austrinken und dann schlafen ... und nicht vergessen, was ich ihm versprochen hab'. (Eva stöhnt im Schlaf immer wieder und rollt den Kopf hin und her, wimmert leise:) Au ... au ...

Er gibt mir immer wieder Saft und sagt, ich soll weiterschlafen ... immer wieder ...

Ich will nicht mehr schlafen, ich will aufstehen, es ist schon hell. Er sagt, ich soll weiterschlafen ... er lässt mich nicht aufstehen ... gibt mir Saft und Tabletten (Eva wehrt sich energisch und hält sich den Mund zu). Er packt mich im Nacken, und da muss ich es nehmen ... Er hält mich fest, bis ich sie genommen hab'. Immer, wenn ich aufwach', gibt er mir was und sagt, ich soll nicht vergessen, was ich ihm versprochen hab'.

(Am Sonntagmorgen wird Eva nur sehr mühsam wach; sie ist benommen, schaut verwirrt, kommt ganz langsam zu sich. Sie fasst sich an den Kopf.) Au, au, mein Kopf tut so weh ... alles tut mir weh ... (erschrickt plötzlich). Es ist Sonntag ... ich hab' den ganzen Samstag geschlafen! Immer ... immer, wenn ich aufgewacht bin, hat er mir Tabletten gegeben ... Und sie kommt erst morgen Abend! (Panisch:) Ich bin noch bis morgen Abend mit ihm allein! Es ist noch so lang bis morgen Abend. Es kann noch so viel geschehen ... Alles tut mir weh ... mir ist so schlecht ... Da kommt er ... er tut so, als wär' gar nichts ... Ich soll lieb zu ihm sein ... mich vor ihn knien ... (sie macht rhythmische Bewegungen mit den Händen). Ich muss ihn streicheln. Dann ... nein, nein! ... soll ich ihn in den Mund nehmen (Eva wehrt sich energisch, wendet sich ab, will weg). »Nein, nein!« - Da lacht er ... er lacht, und mir tut alles so weh! - »Ich weiß ja, dass du das gar nicht magst, aber du tust, was ich will! Mach den Mund auf!» Und er packt meinen Kopf - au, au! - er hält mich so fest ... drückt mir auf den Hals ... so fest, au, au ... da kann ich mich nicht mehr wehren ... er steckt ihn mir in den Mund (Eva würgt, ächzt und stöhnt. Als es endlich vorbei ist, schluckt sie widerwillig. Dann beginnt sie immer heftiger zu zittern. Sie atmet schnell und flach, ihre Arme und ihr Unterkiefer schlottern, sie kann nur mit großer Mühe sprechen, stotternd und abgehackt:) Ka ... ka ... kalt ... warum ist es plötzlich so furchtbar kalt? Was ist mit mir los, dass es so kalt ist? - Auf einmal ist alles so weit weg ... ich fall' ... ich fall' ... ich fall' in ein schwarzes Loch ... immer tiefer, immer tiefer ... (Eva liegt längere Zeit reglos.) - Ich wach' auf ... ich lieg' am Boden ... mein Kopf tut so weh ... ich ' geh' in mein Bett, es ist immer noch so kalt ... alles tut mir weh ... warum hilft mir denn keiner?

Er weckt mich auf ... sagt, dass ich mitkommen soll ... bei ihm schlafen ... in sein Bett legen ... Er streichelt mich ... überall sind seine Hände ... ich mag das nicht ... au, au (Schmerzzeichen im Gesicht), er fragt ob es noch weh tut. (Eva nickt.) Ich muss die Beine auseinander machen, er will das anschauen. Es tut weh ... so weh. Er fragt, ob ich weiß, warum er mir weh tun musste? (Sie nickt und weint.) »Weil ich geschrieen hab'.« Ich weiß, ich darf nicht schreien, sonst muss er mich bestrafen, weil er mich lieb hat. Wenn ich böse bin, muss er mich doch bestrafen! Er fragt, ob ich noch mal schreien will? »Nein, nein, ich bin ganz still, ich bin ganz still!« (Weiterhin Schmerzzeichen.) Ob ich ihn noch lieb hab'? (Nickt. - Wieder Schmerzzeichen.) Ich soll's sagen, ich soll's sagen ... (Während er sie weiter quält und ihr immer größere Schmerzen zufügt, bringt Eva mit verzerrtem Gesicht mühsam hervor:) »Ich hab' dich lieb, ich hab' dich lieb - au, au - ich hab' dich lieb!« (Sie muss es etwa ein Dutzend Mal wiederholen, ehe er endlich von ihr ablässt.) »Weißt du noch, was du mir versprochen hast? -»Ja, ja, nicht mehr schreien, ganz still halten, ganz still halten.«

(In der Nacht wacht sie unter Schmerzen auf, stöhnt und wimmert, bis sie merkt, wo sie ist. Sie schaut entsetzt und wird sofort ruhig.) Ich hab' so furchtbar Angst, dass er aufwacht ... ich darf ihn nicht aufwecken ... ich bin ganz still ... es tut alles so weh (sie beißt sich auf die Lippen, drückt sich die Fingernagel in die Handflächen), ich hab' furchtbare Schmerzen (dies zeigt sich auch deutlich in ihrem Gesicht), ich halt' das nicht mehr aus ... es ist so schrecklich ... aber ich muss ganz still sein (sie spricht fast unhörbar leise), ich darf ihn nicht aufwecken ... ich trau' mich nicht mal, mich zu bewegen ... lieg' ganz still ... es tut so schrecklich weh ... ich schaff' es nicht mehr ... ich halt' es nicht mehr aus ... da ... da geh' ich weg ... weit weg ... immer weiter (da ist wieder dieses unheimliche, etwas irre Lächeln auf ihrem Gesicht, das langsam stärker und erschreckender wird) ... mir ist wieder eingefallen, wie ich da hinkomme, ich weiß es jetzt wieder ... da kann mir keiner weh tun ...

Ich hör' den Wecker schellen ... ich muss aufstehen, ich muss in die Schule gehen. Ich hab' so Angst und gleichzeitig ist mir alles so gleichgültig ... es ist alles so weit weg. Ich kann einfach nicht aufpassen. Die Lehrerin schimpft, ich soll aufpassen, soll nicht immer träumen ... Ich will ja aufpassen, aber es ist so anstrengend. Ich schaff' es einfach nicht ... dann ist wieder alles so weit weg ... es ist so furchtbar anstrengend ... dass niemand was merkt ... Irgendwie hab' ich das Gefühl, ich kann nicht mehr ... ich will nicht mehr ... es ist alles so ... ich muss mich immer so zusammennehmen, es darf niemand was merken ... und ich bin so müde, so müde, so müde ... er sagt immer wieder, ich muss mich zusammenreißen, es darf keiner was merken. Und es ist manchmal so schwer ... so tun, als wär' alles in Ordnung ... ich will nicht mehr. - Ich soll lachen, und dabei bin ich oft so traurig ... ich darf nicht traurig sein, sobald jemand dabei ist ... nur, wenn ich allein bin ... ich spiel' allen was vor ... ich möcht' so weit weg, wo gar nichts mehr ist. Manchmal denk' ich, es muss schön sein, tot zu sein ... ich hab' nur Angst davor, dass es so dunkel ist ... Manchmal weiß ich gar nicht mehr, was wirklich ist ... er tut mir weh, und dann muss ich lachen und fröhlich sein ... dann möcht' ich weggehen und allein sein ... ich muss mich immer so zusammenreißen, manchmal hab' ich das Gefühl, das bin ich gar nicht ... ich bin .gar nicht da ...

Endlich ist die Schule aus, und wir können nach Hause. Ich hab' so Angst davor, nach Hause zu gehen, aber ich weiß nicht, was ich sonst tun soll. Ich bin so furchtbar müde, so schrecklich müde ... es war so anstrengend in der Schule ... ich leg' mich in mein Bett und geh' einfach ganz weit weg. (Eva schaut lange Zeit bewegungslos ins Leere. - Plötzlich schrickt sie auf:) Er kommt! (Eva zittert, ihr Atem geht flach und schnell.) Ich soll mit ihm kommen ... bevor wir zum Bahnhof fahren, soll ich noch mal mit ihm ins Bett gehen (sie schlottert vor Angst) ... er legt sich auf mich ... es tut schrecklich weh (Eva leidet wieder entsetzlich, gibt aber kaum einen Laut von sich, sie bäumt sich auf, beißt sich auf die Lippen, krallt die Finger ins Kissen) ... ich darf nicht schreien, ich darf nicht schreien (ganz leise), ich muss ganz still halten ... er tut mir so furchtbar weh ... Ich soll aufstehen, mich beeilen, wir müssen zum Bahnhof. Ich muss mich zusammenreißen ... ich hab' doch noch so Schmerzen ... Er sagt, ich darf mir nichts anmerken lassen ... - Warum hat sie mich nicht mitgenommen? Komisch, irgendwie bin ich wütend auf sie, sie hätte mich doch mitnehmen können. (»Weißt du, warum sie dich nicht mitgenommen hat?«) Sie mochte mich nicht dabei haben (traurig, dann trotzig). Ich soll bei meinem Vater bleiben, hat sie gesagt. Sie schickt mich doch immer zu ihm, ich störe sie immer. - Und trotzdem steh' ich da am Bahnhof und warte auf sie. Ich stell' mir vor, dass sie kommt und dass dann alles gut ist ... (Eva wird traurig). Sie beachtet mich gar nicht (Eva wendet sich ab und beißt die Lippen zusammen), als wär' ich gar nicht da ... ich hätt' gar nicht mitkommen brauchen. Es wäre besser, wenn ich nicht da wäre. Ich hab' das so oft von ihr gehört ... manchmal denk' ich, dass sie Recht hat, es wäre besser... !

Ich lauf' hinter ihnen her. Da sind so viele Menschen, ich muss ... aufpassen, dass ich sie nicht verliere, und da denk' ich plötzlich, ob sie es merken würden, wenn ich nicht mit nach Hause fahre? Ob sie es überhaupt merken würden? Wenn ich einfach weg wäre? Ich glaube, es würde gar niemand merken. Höchstens mein Vater, er hätte dann niemand mehr, dem er weh tun könnte, er wäre der Einzige, der mich vermissen würde. Ich weiß gar nicht, warum ich hinter ihnen herlaufe, warum ich es eigentlich tu' ... Was wäre, wenn ich nicht mit nach Hause ginge? Es kümmert sich ja doch keiner um mich ... es tut so weh ... was hab' ich denn getan? Das hab' ich mich schon so oft gefragt. Wenn mir wenigstens jemand sagen würde, was ich getan hab'. Ich muss doch irgendwas Schreckliches getan haben ... manchmal denk' ich, das Schreckliche, was ich getan hab', ist, dass ich überhaupt lebe ... ich dürfte nicht leben. Ich hab' es so oft gehört, dass sie mich nicht wollte, wie unglücklich sie darüber war, dass ich gekommen bin, ohne mich wär' alles viel einfacher. Es wär' besser, wenn ich gar nicht leben würde ... manchmal denk' ich, wenn ich tot wäre, wären alle glücklich ... Hier am Bahnhof waren so viele Züge ... ich müsst' mich nur fallen lassen ... sie würden mich gar nicht vermissen ... alle wären froh ...

Eva, jetzt 11 3/4.Jahre alt, entdeckt erstaunt dass auch ihr Vater Angst hat. Ihr kindlich-naiver Verstand war jahrelang nicht in der Lage, aus den Drohungen und den Vorsichtsmaßnahmen des Vaters auf seine Angst zu schließen; doch ohne den Umweg über den Verstand erkennt Eva nun die Wahrheit intuitiv aus der Körpersprache des Vaters. Aber noch bleibt diese Entdeckung folgenlos.

Wovor aber hat der Vater Angst, wenn die Mutter, wie wir inzwischen als sicher annehmen können, schon so vieles weiß? Und warum lässt sie ihre Tochter für ein ganzes Wochenende mit dem Vater allein? Hier sind wir auf Vermutungen angewiesen, die sich lediglich auf unsere Kenntnisse der Familiensituation stützen können. Die Leiden Evas sind der Mutter in ihrem vollem Ausmaß wohl nicht bekannt und im Übrigen recht gleichgültig. In den ehelichen Machtkämpfen benutzt sie ihr Wissen, um ihren Mann unter Druck zu setzen oder zu erpressen, und daher hat dieser Angst vor jeder neuen Entdeckung. Wenn es der Mutter aber gerade einmal in den Kram passt, überlässt sie die ungeliebte oder gar verhasste Tochter ihrem Mann schon einmal für ein Wochenende, zumal sie weiß, dass dieser sich dadurch noch tiefer in Schuld - und damit in Abhängigkeit - verstrickt.




... ins finsterste Loch

Ich lieg' im Bett und kann nicht einschlafen. (Eva wälzt unruhig den Kopf hin und her, lange Zeit.) Es ist dunkel ... sie haben das Licht ausgemacht ... und ich hab' so Angst ... dabei weiß ich gar nicht, wovor. Ich hab' immer noch so Angst, wenn's dunkel ist ... sie sagen, ich bin so groß und brauch' kein Licht ... Ich bräuchte nur das Licht anzumachen ... ich könnte es ja einfach anmachen ... aber ich trau' mich nicht.

Die anderen schlafen alle schon ... ich kann nicht schlafen ... ich hab' so Angst. - (Es müssen schließlich einige Stunden vergangen sein, seit Eva zu Bett ging.)

Ich hör' ihn kommen ... er versucht, leise zu sein, aber ich hör' ihn ... »Bitte, bitte, tu mir nicht weh, tu mir nicht weh« (Eva fleht ihren Vater an, aber es kümmert ihn nicht. Ich sehe, dass Eva heftige Schmerzen leidet, die sie mit großer Anstrengung zu verbeißen sucht. Sie krümmt und windet sich, ächzt und stöhnt, öffnet immer wieder einmal den Mund zum Schreien und beißt sich dann wieder auf die Unterlippe oder presst die Faust vor den Mund und beißt sich in die Fingerknöchel. - Endlich ist es vorbei, und sie ist wieder allein.)

Es hört nie auf ... es geht immer weiter (Evas Stimme ist leise, apathisch, hoffnungslos). Es hört nie auf ... ich weiß nicht, wie lange ich es noch aushalte ... ich hab' Angst, dass ich das Schreien anfange, dass ich es nicht mehr aushalte und schreie. Ich hab' so Angst, dass ich es nicht mehr schaffe, still zu sein ... wenn es doch so weh tut ... es darf doch ... es darf doch niemand was merken! (» Was würde dann geschehen?«) Dann sind alle böse auf mich und sagen, dass ich schuld bin. Sie glauben mir nicht, dass ich es nicht wollte ... keiner wird mir glauben ... und dann ... und dann ... (Eva bringt vor Entsetzen das Folgende kaum hervor) dann schicken sie mich ins Heim! (Als ich sie frage, was der Vater ihr über das Heim gesagt hat, bricht sie in Panik aus.) Er ... er hat gesagt, dort stecken sie mich ins finsterste Loch, und da komm' ich nie mehr heraus! (Eva liegt einen Augenblick ganz starr, die Augen entsetzt aufgerissen. Dann werden ihr Gesicht und ihre Stimme plötzlich ganz kindlich, und in herzerweichendem Ton fleht sie:)

»Nicht einsperren, bitte, bitte, nicht einsperren ... bitte, bitte, nicht einsperren!« - Er hat mich in den Schrank gesperrt! (Eva zittert am ganzen Leib, versucht noch ein paar Mal, den Vater zu erweichen:) »Bitte, bitte, lass mich heraus, lass mich heraus!« (Dann verfällt sie in Starre. Die Fäuste an die Schläfen gepresst, starrt sie ausdruckslos vor sich hin. Als sie endlich befreit wird, bleibt sie noch lange in einem Schockzustand. Mit leiser und tonloser Stimme spricht sie minutenlang vor sich hin:) »Bin ganz lieb ... bin ganz lieb ... nicht mehr einsperren ... bin ganz lieb, bin ganz lieb ...«

(Im Laufe der Arbeit wird deutlich, dass Eva - jetzt etwa 12Jahre alt - an dieser Stelle zu einem Protokoll aus ihrem vierten Lebensjahr zurückkehrt, in dem eine traumatische Erfahrung mit dem Einsperren aufgezeichnet ist. Nachdem sie das Protokoll durchlaufen und den Schockzustand an dessen Ende einigermaßen überwunden hat, weiß sie zunächst nicht, wo sie ist. Ganz langsam kehrt sie in die Realität [der schlaflosen Nacht] zurück. Und da ist auch wieder der Gedanke, der das alles ausgelöst hat:) Dann schicken sie mich ins Heim, und da sperren sie mich ins finsterste Loch ...

(Wieder gerät sie in Panik, und wieder befindet sie sich plötzlich in einer früheren Situation:) »Nicht einsperren, nicht einsperren!" ... Er hat mich in den Keller gesperrt! (In ihrem panischen Entsetzen ist Eva unfähig, auch nur ein Wort hervorzubringen. Sie kauert offensichtlich in einer Ecke, die Knie angezogen, den Kopf auf der Brust, die Fäuste an die Schläfen gepresst. Aus dieser Situation stammt das Protokoll »Im Keller". Aus dem Entsetzen dieser Erfahrungen wird die panische Angst vor dem Heim und vor dem Eingesperrtwerden, das sie vermeintlich dort erwartet, gespeist, und darauf gründet sich auch die Wirkung der väterlichen Drohungen. Als Eva das Protokoll der Nacht im Keller durchlaufen hat, weiß sie zunächst wiederum nicht, wo sie ist. Dann taucht langsam die Erinnerung an den Auslöser dieses Horrortrips auf:)

Dann komm' ich ins Heim ... dort sperren sie mich ins finsterste Loch ... (diesmal ist ihre Panik womöglich noch stärker. Offenbar sieht Eva nur noch eine Rettung:) Weit weg ... weit weg ... ich geh' ganz weit weg ... immer weiter ... immer weiter ... Plötzlich ist da die Angst, ich komm' nicht mehr zurück! Es wird ganz dunkel! Ich falle, ich falle, ich falle ... (Plötzlich schreit sie auf und presst mit den Händen den Kopf.) Ich schrei', ich schrei', ich hör' mich schreien, ich will gar nicht schreien ... mein Kopf tut so furchtbar weh ... es ist, als ob er zerspringt ... ich hör' sie rufen ... weit weg ... (Dann wird sie offenbar bewusstlos. Der folgende Schlaf wird immer wieder durch unruhiges Herumwälzen unterbrochen, wobei sie leise stöhnt und immer wieder sagt:) Ich bin so müde, so furchtbar müde ... mein Kopf tut so weh ... es ist so schrecklich kalt ... (Später macht sie mit den Händen abwehrende Bewegungen und sagt:) »Weg ... weg ... ich will keine ... will keine mehr ... keine Tabletten mehr!« (Sie hebt, sichtlicht unter Zwang, den Kopf, öffnet den Mund, schluckt mehrfach, schläft schließlich wieder ein. Später kommt sie ganz langsam und nur mühsam zu sich.) Ich ... ich weiß gar nicht ... weiß gar nicht, was passiert ist. (Nach einer Weile, mit zunehmendem Entsetzen:) Ich hab' geschrieen ... ich hab' geschrieen! Ich wollte es gar nicht ... es ist einfach passiert! Es darf doch niemand was merken! Es ist einfach passiert, ich hab' geschrieen! Ich hab' ... ich hab' ... (panisch) ich hab' die Kontrolle verloren! Ich hab' geschrieen und wollte es doch gar nicht! Wenn das einmal passiert, wenn er bei mir ist! Dann komm' ich ins Heim! ... Es darf nicht mehr passieren, es darf nicht passieren! Ich muss noch mehr aufpassen ... ich muss mich noch mehr zusammenreißen ... ich hab' so Angst, dass ich Dinge tu', die ich gar nicht will ... ich hab' so Angst, dass ich es nicht schaffe ... dass ich schreie ... es darf doch keiner was merken! ... Es ist so anstrengend ... so furchtbar anstrengend ... (Ihr Gesicht verzerrt sich immer wieder vor Pein, sie beißt sich auf die Fingerknöchel oder auf die Unterlippe und gräbt ihre Nagel tief in die Handflächen.)




Ich hab' sie umgebracht! (14. Lebensjahr)

Er ist wieder mit mir zu dem Haus gefahren. Er hat gesagt, dass wir den ganzen Nachmittag Zeit haben. Ich hab' so Angst ... ich weiß, er wird mir wieder weh tun ... den ganzen Nachmittag ... Ich nehm' mir vor, nicht zu weinen ... ich will mich zusammennehmen. Aber ich hab' so Angst ... Er schließt die Tür ab und sagt, ich soll mich ausziehen. Ich zieh' mich aus und will mich aufs Bett legen, da sagt er: »Nein, komm her zum Tisch, wir wollen heute mal was Neues ausprobieren!« (Eva beginnt vor Angst zu zittern.) Er sagt, ich soll mich über den Tisch beugen. Er steht hinter mir. »Stell dich nicht so an! Du brauchst keine Angst haben, es tut nur am Anfang ein bisschen weh.« (Evas Angst steigt noch weiter, sie weiß ja längst, was sie von solchen Beschwichtigungen zu halten hat. - Auf einmal schreit sie auf; sie weiß nicht, was ihr geschieht, spürt nur einen fürchterlichen Schmerz, »anders als sonst«. lhr Gesicht ist schmerzverzerrt, sie krümmt und windet sich.) Ich versuch' wegzukommen, aber er drückt mich auf den Tisch und sagt, ich soll stillhalten und mich nicht dagegen wehren. (Eva schreit weiter und fleht ihn immer wieder an:) »Hör auf, bitte, hör auf« (Endlich lässt er von ihr ab und sagt ihr, sie solle sich aufs Bett legen. Eva wimmert und stöhnt noch lange, atmet schnell und flach.) Er sagt, ich soll mich nicht so anstellen, es ist doch gar nichts passiert. »Wehr dich nicht so dagegen! Vielleicht probieren wir's nachher noch mal.« (Panische Angstreaktion von Eva, sie wirft entsetzt den Kopf hin und her.) »Nein, nein, nicht, nicht!« - »Du stellst dich an wie ein kleines Kind!« (Dieser Satz löst bei Eva eine tiefe Veränderung aus: Sie erstarrt für einen Augenblick und sagt dann:) Ich fühl' mich auf einmal auch wie ein kleines Kind! So hilflos wie ein kleines Kind! Ich will das nicht, ich will das nicht! Ich bin nicht so hilflos! (Evas Erregung steigert sich immer mehr, sie fuchtelt mit den Armen in der Luft herum und wirft den Kopf wild hin und her. Plötzlich wird sie ruhig, ihr Gesicht nimmt einen seltsam irren Ausdruck an.) Sie stellt sich immer so an, dieses verdammte Kind! Sie benimmt sich wie ein kleines Kind! Er liegt auf ihr und tut ihr weh. Sie weint ... sie soll sich doch zusammennehmen! Sie macht ihn doch nur wütend! Sie soll aufhören, sie soll doch endlich aufhören! Er schlägt sie und schreit sie an, sie soll still sein, sie soll endlich still sein, er schlägt sie sonst tot! Aber sie hört nicht auf zu weinen! (Eva wird wütend, ballt die Fäuste und redet weiter auf »das Kind« ein. Plötzlich liegt sie ganz still, entspannt sich, wirkt wie ohnmächtig. Nach einer Weile beginnt sie leise zu sprechen:) Ich hab' sie umgebracht, ich hab' sie umgebracht. Jetzt ist alles gut. Jetzt kann er mir nicht mehr weh tun. Jetzt kann er mit mir machen, was er will ... endlich kann er mit mir machen, was er will. - Ich habe sie so gehasst! (Jetzt wird Eva lebhafter und ballt die Fäuste.) Ich habe sie so gehasst! Sie hat sich immer so angestellt und hat immer Angst gehabt. Immer hat sie geweint und geschrieen. Sie war viel zu schwach und zu weich. Ihr konnte man weh tun, sie hat immer geweint. Sie wollte nie tun, was er sagt ... ich hab' sie so gehasst ... sie war an allem schuld. Dieses verdammte Kind (sehr heftig), dieses verdammte kleine Kind! Ich hab' ihr schon so oft gesagt, sie soll sich nicht so anstellen. - Jetzt hab' ich sie umgebracht ... jetzt ist alles gut (da ist wieder dieses irre Lächeln), jetzt ist alles gut ... Wenn sie nicht mehr da ist, dann kann mir keiner mehr weh tun ... jetzt kann er mit mir machen, was er will.

(Im Anschluss an die Bearbeitung dieses Protokolls untersuchen wir Evas Befinden während der nächsten Tage: Ganz langsam verändert sich ihre Stimmung; sie spricht leise, langsam und völlig apathisch:) Ich weiß nicht ... mir ist alles so gleichgültig, alles so egal. Es ist alles so leer ... so leer ... (Dann wird sie traurig.) Sie fehlt mir ... sie fehlt mir so! Sie gehört doch zu mir! (Eva weint heftig und lange.) Ich muss zu ihr, sie wartet ... Es ist alles so leer ... so sinnlos. Ich will nicht mehr ... ich will nicht mehr ... ich will nicht mehr leben. Ich will endlich tot sein.

(In den folgenden Wochen schwanken Evas Gefühle zwischen völliger Lethargie und den Empfindungen der Leere, der Sinnlosigkeit und der Todessehnsucht hin und her, bis zu jenem bedeutungsvollen Tag im März 1967.)




So einfach!

Es ist März, etwa eine Woche vor Evas 14. Geburtstag. Eva ist in einem Zustand tiefer Apathie, die sich auch jetzt in ihrer Miene und dem Tonfall ihrer Stimme zeigt.

Ich komme gerade von der Schule nach Hause. Da ruft mich mein Vater, ich soll kommen, ins Schlafzimmer. Ich weiß schon, was er will. Irgendwie ist mir alles so egal ... so gleichgültig ... ich denk' mir nur, es geht immer so weiter ... immer weiter ...

Ich geh' ins Schlafzimmer. Er sagt, dass ich mich ausziehen soll. Und ... plötzlich ... plötzlich ist da nur noch: Ich will nicht mehr, ich will nicht mehr! Ganz egal, was er mit mir macht! (Eva schüttelt energisch den Kopf) »Nein, nein!« Er fragt, was mit mir los ist. »Ich will nicht mehr! Ich will nicht mehr! Rühr mich nicht an, rühr mich nie mehr an! (Eva ballt die Fäuste und fletscht die Zähne.) Ich hab' keine Angst mehr vor dir! Lass mich in Ruhe! Lass mich in Ruhe, sonst ... Ich hab' keine Angst mehr ... du hast ja selber Angst!« - Ich spür', er hat mehr Angst als ich! - »Und ich komm' auch nicht ins Heim!«

Ich lass' ihn einfach stehen ... und er tut mir gar nichts! Er tut mir überhaupt nichts!

Plötzlich weiß ich, dass alles vorbei ist. Ich weiß, dass es vorbei ist! (Evas Spannung löst sich in Freudentränen.) Ich bin so froh, ich bin so froh! Jetzt ist es vorbei! - Ich weiß gar nicht, warum ich wein' ... jetzt wird alles gut ... alles gut. (Eva zittert am ganzen Körper und wiederholt immer und immer wieder:) Alles gut ... alles gut ... alles gut ... (Nach langer Zeit, als sie sich etwas beruhigt hat, geht plötzlich ein Staunen über ihr Gesicht:) Es ... es war so einfach! Es war so einfach! - Er kann mir nichts mehr tun, er kann mir nichts mehr tun ... ich hab' keine Angst mehr!




Zu spät! (15. Lebensjahr)

Evas überströmende Freude über ihre Befreiung währt nur wenige Tage. Dann legt sich wie Mehltau Schwermut auf ihre Seele.

Ich hab' immer gedacht, wenn es mal aufhört, wär' alles gut ... dann wär' alles gut. Ich hab' mich endlich gewehrt, und jetzt lässt er mich in Ruhe' ... und trotzdem ... (Eva sucht eine Weile nach Worten) trotzdem bin ich nicht froh. Irgendwie hab' ich das Gefühl, es ist zu spät ... es ist zu spät ... es ist schon so viel kaputt ... (Irgendwann einmal frage ich behutsam nach, woran sie das merke, oder was ihr denn fehle, aber natürlich vermag Eva das nicht genauer auszudrücken. Sie wiederholt immer nur:) Es ist so viel kaputt ... (dann beginnt sie zu weinen).

In den folgenden Wochen entwickelt Evas Organismus seine letzte Überlebensstrategie: Eva beginnt zu vergessen, was sie in mehr als zwölf Jahren an Schmerz und Leid erlitten hat. Nur ihr Körper scheint sich noch zu erinnern und schützt sich auf seine Weise: Eva nimmt bald übermäßig zu und wird kurzsichtig.

Aber auch das Vergessen bringt ihr die Lebensfreude nicht zurück; immer wieder taucht der Gedanke auf: »Ich will nicht mehr ... ich will nicht mehr leben. Es soll nur schnell gehen und nicht weh tun.«

(Eines Tages sitzt sie mit einem Messer in der Hand da, mit dem sie wie zur Probe Schnittbewegungen macht, während sie die Pulsader am linken Handgelenk betrachtet.) Es soll nicht weh tun ... nicht weh tun ... keine Schmerzen mehr ... ich will keine Schmerzen mehr haben. (Sie beginnt zu weinen, immer heftiger.) Ich will nicht mehr ... ich will nicht mehr ... aber ich trau' mich nicht ... ich hab' so Angst, dass es weh tut ... (Sie schwankt lange Zeit zwischen dem Wunsch zu sterben und der Angst vor Schmerzen hin und her, bis sie schließlich resigniert und tieftraurig das Messer weglegt.)

(In den folgenden Monaten geht Eva immer wieder einmal zur Burg hinauf und steht auf einer der hohen, fast senkrechten Festungsmauern. Nur der Gedanke, dass »es dann ewig dunkel ist«, hindert sie daran, sich hinabzustürzen. Eines Nachmittags steht sie wieder dort, hart am Rand, und schaut hinab.)

Es geht ganz schnell ... es geht ganz schnell, dann ist alles vorbei ... es ist so tief ... einfach fallen lassen, einfach fallen lassen, es geht ganz schnell. (Eva spricht sich längere Zeit diese Sätze wie in Trance vor, auf ihrem Gesicht spielt wieder jenes irre Lächeln, das ich in der letzten Zeit so oft an ihr gesehen habe. Sie hebt die Arme, beugt erst den Kopf, dann auch den Oberkörper nach vorn: In der nächsten Sekunde wird sie hinabstürzen. Da zuckt sie zusammen, reißt die Augen auf, ist plötzlich wieder hellwach, legt den rechten Arm wie schützend über den Kopf.) Auf einmal ist da ein Mann ... ich erschreck' so ... er packt mich am Arm und reißt mich zurück. Er schimpft mit mir, und ich denk', er will mich schlagen. Ich reiß' mich los und lauf' davon ... (Eva gerät außer Atem, dann beginnt sie heftig zu weinen.) Jetzt wäre alles schon vorbei ... warum hat er mich nicht springen lassen? Jetzt wäre alles schon vorbei ... Ich geh' nach Hause ... keiner hat was gemerkt. Irgendwann tu' ich es doch ... ich schwör' es, irgendwann tu' ich's ... ich will nicht mehr leben ... ich hab' es ihr (dem anderen Kind) versprochen, irgendwann tu' ich's, irgendwann tu ich's ...

(In der folgenden Zeit kommt Eva in der Therapie mit vielen Situationen ihres späteren Lebens in Kontakt, in denen sie immer wieder die Gefühle der Gleichgültigkeit und Leere erlebt, in denen sich der Todeswunsch manchmal zur Selbstmordabsicht und einige Male sogar zum Suizidversuch verdichtet. Mit 22 Jahren, als sie für einige Tage allein im Haus ist, nimmt sie eine größere Dosis Schlaftabletten ein und legt sich ins Bett. Bald darauf wird ihr entsetzlich schlecht, der Schweiß bricht ihr aus, und sie ringt nach Luft.) Ich dachte, es wär' so einfach ... ich dachte, ich schlaf' einfach ein ... (Nach einiger Zeit lässt ihre Unruhe ganz rasch nach, und sie schläft ein. Zwei Tage darauf wacht sie mühsam auf, kann sich nach einiger Zeit orientieren und an das Geschehene erinnern. Sie wird sehr traurig, weil sie immer noch da ist.)

Irgendwann schaff' ich's doch ... ich tu's doch ... ich hab' gedacht, es wär' so einfach ... es geht ganz schnell ...

(Doch der Wunsch zu leben ist in ihr nicht ganz erloschen. Immer wieder einmal lodert er auf und trifft auf einen merkwürdigen Widerspruch:) Ich hab' Angst vor diesem Gefühl, sterben zu wollen ... ich will doch leben! - Ich weiß gar nicht, was das ist ... (Eva will dieses Gefühl nicht spüren, sie will »leben wollen«. Sie schlägt sich mit den Fäusten an die Stirn, will sich das Gefühl »aus dem Kopf schlagen«.) - Irgendwo ist das Gefühl, ich will weggehen ... als würd' mich jemand rufen, dem ich es versprochen habe, zu kommen. - Ich hab' Angst ... ich möcht' leben ... aber ... ich darf nicht leben - Ich will leben ... lass mich doch! Es ist, als würd' ich drauf warten, dass es mir jemand erlaubt. - Ich möcht' so gern leben, ich darf nicht ... sie hat es mir nicht erlaubt ... ich hab' das Gefühl, ich tu' was Verbotenes. Ich weiß gar nicht, warum. Irgendwas sagt mir, ich darf nicht ...

Eva war 31 Jahre alt und studierte Psychologie, als sie mich im Herbst 1984 wegen Lernschwierigkeiten aufsuchte ...

 
    
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Start einer Weiterbildung in Wetzlar am 03. September 2010  mehr ...