Rezension bei www.amazon.de vom 12. August 2005
Ein Durchbruch in der Psychologie!
Wenn sie dieses auch für Laien geschriebene Buch gelesen und halbwegs
verstanden haben, können sie das meiste ihrer Psychologie-Literatur
getrost ad acta legen. Siegfried Petry erklärt in diesem Werk sehr
anschaulich und verständlich die Arbeitsweise des
"Erlebnisgedächtnisses", das sozusagen Gefühle und Erinnerungen lebhaft
abspeichert. Mit Hilfe des "begleiteten Wiedererlebens" kann man an
diese aufgestauten, in der Regel schmerzhaften Szenen wieder
herankommen. Durch das wiederholte Durchleben lösen sich die daran
geknüpften Symptome auf (es sei denn, es existiert noch eine frühere
Szene) und Heilung setzt ein.
Es ist klar, dass Therapien, die das nicht berücksichtigen (und das
dürften fast alle gängigen sein), keine wirkliche Heilung bewirken
können. Das durchweg sehr gut formulierte Buch beschreibt 20
Fallbeispiele und schildert sogar die erfolgreiche Anwendung bei einem
11 Tage alten Säugling, der an einer traumatischen Geburt litt.
Ich persönlich wünsche mir, dass Siegfried Petrys Buch größtmögliche
Aufmerksamkeit zuteil wird, damit diesen Erkenntnissen auf breiter Ebene
zum Durchbruch verholfen wird.
- F.D. -Berlin-
Wir danken dem Rezensenten für die Besprechung des Buches und erlauben
uns, diese hier wiederzugeben. Wir nehmen an, damit auch im Sinne des
Verfassers zu handeln, den wir nicht zuvor um Erlaubnis bitten konnten,
da wir seinen Namen und seine Anschrift nicht kennen. Wir würden uns
freuen, wenn er sich mit uns in Verbindung setzen würde.
Rezension von Dr. Ludwig Janus
Siegfried Petry fasst in diesem Buch seine Hypothesen und Beobachtungen
zum Erlebnisgedächtnis und den Möglichkeiten eines begleiteten
Wiedererlebens in einer systematischen und sehr gut lesbaren Weise
zusammen. Erste Formulieren seiner Theorie hatte Petry 1993 und 1994
in dieser Zeitschrift dargestellt (Vol. 5 (1993), S. 511-526; Vol. 6
(1994), S. 151-158).
In Überzeugender Weise setzt er seine
Befunde Über das Erlebnisgedächtnis in Verbindung zu den neuen Theorien
und Befunden Über Prozesse des Wiedererlebens bei posttraumatischen
Störungen. Mit seiner Beschreibung des Erlebnisgedächtnisses als einer
grundlegenden Form der Erinnerung neben der kognitiven Erinnerung hat
Petry meines Erachtens einen grundlegenden Zusammenhang erfasst und
beschrieben, der über die Psychotherapie hinaus für das Verständnis
menschlichen Verhaltens von Bedeutung ist. Die Fülle seiner Beispiele
aus dem Alltag und aus Behandlungen zeigen, dass Erinnern als
Wiedererleben in viel größerem Ausmaß eine Rolle spielt, als bisher
realisiert worden ist. Mit dem therapeutischen Setting des begleiteten
Wiedererleben hat Petry ein bedeutsames psychotherapeutisches Terrain
erschlossen, das besonders bei schweren Traumatisierungen von Bedeutung
ist, darüber hinaus aber für die psychotherapeutische Arbeit
grundsätzliche Bedeutung hat.
Man kann dem Buch nur eine
sehr lebhafte Diskussion dazu wünschen, wie seine Befunde in die
herkömmlichen psychotherapeutischen Settings integriert werden können.
Das gilt sowohl für den Bereich der Psychoanalyse, wie auch für den
Bereich der Verhaltenstherapie. Petry zeigt Überzeugend, dass viele
psychische und psychosomatische Symptome in Wiedererlebensprozessen
wurzeln. Sache und Verantwortung des Psychotherapeuten ist, den
Patienten bei der Auflösung und Integration erlittener Verletzungen zu
begleiten. Dies kann dadurch behindert werden, dass die Bedeutung früher
Verletzungen nicht ausreichend gewürdigt wird. Mir scheint, dass die
psychotherapeutischen Schulen hier durch eine unreflektierte
Abhängigkeit vom Common Sense, der die Möglichkeit von frühen
Verletzungen für unglaubwürdig hält, beeinträchtigt werden. Die
Ablenkung von der Wirklichkeit früher Traumatisierungen kann in der
Psychoanalyse durch triebtheoretische Spekulationen geschehen, in der
Verhaltenstherapie ist sie systematisch ausgeschlossen. Dabei realisiert
die Verhaltenstherapie in ihrem praktischen therapeutischen Vorgehen der
Konfrontation mit den angstauslösenden Situationen eine Art Ansatz zur
Auseinandersetzung mit der frühen Verletzung. So kann man gerade
Verhaltenstherapeuten das Buch von Petry nur dringlich empfehlen. Er
zeigt, wie Ängste, Paniken, Phobien und Zwänge sich durch die Theorie
des Erlebnisgedächtnisses und des Wiedererlebens zwanglos erklären
lassen.
Für die Pränatale Psychologie ist bedeutsam, dass das
Erlebnisgedächtnis schon weit vor der Geburt, während der Geburt und
nach der Geburt funktioniert. Gerade geburtliche Beeinträchtigungen
werden ja weithin noch bagatellisiert. Viele Beispiele von Petry zeigen,
dass psychische und psychosomatische Symptome hier ihre Wurzeln haben
können. Ich wünsche dem Buch eine weite Verbreitung und konstruktive
Diskussion. Diese wird klären müssen, wie die Befunde von Petry in
Beziehung zu setzen sind mit den Auswirkungen von komplexeren
Beziehungstraumen oder Beziehungsverzerrungen, Störungen der inneren
Strukturbildung und der Dynamik der therapeutischen Beziehung insgesamt.
Aber zunächst einmal ist es bedeutsam, die Befunde Petrys Überhaupt zur
Kenntnis zu nehmen.
Dr. Ludwig Janus, Heidelberg
Internationale Zeitschrift für pränatale und perinatale Psychologie und
Medizin, Nr. 4 / 1996
|